Ärzte Zeitung online, 28.11.2017
 

CaPRis-Studie

So groß sind die Chancen und Risiken von Cannabis

Krankheiten, Störungen und medizinische Chancen: Wissenschaftler haben den aktuellen Forschungsstand zu Risiken und Potenzialen von Cannabis zusammengetragen - mit interessanten Ergebnissen.

So groß sind die Chancen und Risiken von Cannabis

Wundermittel oder Teufelskraut? Marihuana als Rauschmittel und als Arzneimittel:

© Juanmonino / Getty Images / iStock

BERLIN. Die Autoren der Studie "Cannabis: "Potential und Risiken. Eine wissenschaftliche Analyse" (CaPRis) sichteten zwei Jahre lang über 2100 wissenschaftliche Publikationen, ausgewählt aus 5 Datenbanken mit über 27 Millionen Einzelveröffentlichungen. Das Bundesgesundheitsministerium förderte das von der LMU München geleitete Forschungsprojekt. Dessen Ziel: den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu den Risiken des Kiffens, aber auch zu den Potenzialen von Cannabis als Arzneimittel zu analysieren und darzustellen.

Und das sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

Cannabis als Rauschmittel

  • Akut konsumierte Cannabinoide können zu vielfältigen kognitiven Beeinträchtigungen führen, und zwar eindeutig in der Gedächtnisleistung, der Aufmerksamkeit und der Psychomotorik.
  • Regelmäßiges Kiffen führt ebenfalls zu globalen Defiziten der Kognition, insbesondere der Gedächtnisleistung. Allerdings: Das Bild dieser Einschränkungen ist nicht so einheitlich wie bei den Akut-Effekten. Eine Minderung der Intelligenz in Folge regelmäßigen Cannabis-Konsums konnte nicht belegt werden. Kognitive Funktionsdefizite durch chronischen Konsum scheinen vorübergehend zu sein.
  • Der Einfluss des Einstiegsalters auf langfristige Kognitionsstörungen konnte nicht abschließend geklärt werden. "Es besteht deshalb ein deutlicher Bedarf an Längsschnitt-Studien und einer Kontrolle des Alterseffekts in diesen Studien", so die CaPRis-Autoren.
  • Es fehlen internationale Standards bei wichtigen Variablen des Cannabiskonsums, um die Vergleichbarkeit der Studien und ihrer Ergebnisse zu verbessern.
  • Zu den organischen Folgen fasst die Studie zusammen: Chronischer Cannabiskonsum erhöht das Risiko für respiratorische Symptome. Akut bewirkt Cannabis-Konsum erweiterte Blutgefäße, Bluthochdruck und beschleunigten Puls. Eine Risikobewertung der kardiovaskulären Effekte im Zusammenhang mit chronischem Konsum (ischämische Infarke, Myokardinfarke, Vorhofflimmern) kann aufgrund der vorliegenden Evidenz nicht erfolgen.
  • Mit Blick auf Krebserkrankungen zeigt die Studienlage keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Canabis-Konsum und Krebserkrankungen des Kopf- und Halsbereichs sowie der Lunge hin, sehr wohl aber mit Hodenkrebs.
  • Chronisches Kiffen verursacht offenbar hirnstrukturelle Veränderungen, insbesondere in der Amygdala und im Hippocampus, also in für die Gedächtnisbildung wichtige Strukturen. Gezeigt wurden vor allem Veränderungen von Volumen und Form sowie Dichte der grauen Masse. Möglicherweise stehen diese Veränderungen "in direktem Zusammenhang mit der THC:CBD Ratio der konsumierten Cannabispräparate.
  • Cannabiskonsum während der Schwangerschaft können offenbar die Entwicklung des Fötus stören. Zudem gibt es einzelne Hinweise für Störungen der Kindesentwicklung bei visuellen kognitiven Fähigkeiten, Aufmerksamkeit und erhöhtem Cannabiskonsum im Jugendalter.
  • Akut erhöht Kiffen das Verkehrsunfallrisiko, besonders bei Mischkonsum mit Alkohol.
  • Häufiger Cannabis-Konsum in der frühen Adoleszenz führt öfter zum Schulabbruch und weniger akademische Abschlüsse. Zu wenige empirische Daten liegen bezüglich Cannabis-assoziierten Auffälligkeiten im Sozialverhalten und bei der Straffälligkeit vor.
  • Das Risiko für Angststörungen udn für Depressivität wird durch Cannabiskonsum und -abhängigkeit leicht erhöht. Auch das Risiko für psychotische Störungen nimmt zu.

Cannabis als Arzneimittel

  • Bei der Behandlung chronischer Schmerzen waren Cannabis-Arzneimittel gegenüber Placebo überlegen (um mindestens 30 Prozent). Es liegen aber überwiegend Belege für eine leichte Schmerzreduktion und verschiedene Verbesserungen in Sekundärmaßen vor. Für eine substantielle Schmerzreduktion (um mindestens 50 Prozent) liegt keine Evidenz vor. Die am besten untersuchte Cannabisarznei bei Schmerzen ist Nabiximols.
  • Bei MS und Paraplegie-assoziierter Spastizität konnte die Wirksamkeit mit objektivierbaren Prüfkriterien nicht belegt werden.
  • Bei Morbus Crohn und Reizdarmsyndrom konnte keine Verbesserung der Primärsymptome gezeigt werden.
  • Bei HIV/Aids können vier von fünf Studien eine gewichtsstimulierende Wirkung feststellen. Außerdem wirkt Cannabis auch hier wie bei der Chemotherapie gegen Erbrechen und Übelkeit.
  • Nebenwirkungen können bei Cannabis-Medikamenten "durchaus gehäuft auftreten", die aber meist transient und nicht schwerwiegend sind.

(eb)

[11.12.2017, 18:32:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ergänzend dazu...
"...die angebotene Ware [hat sich] in den letzten Jahren verändert: Die aus illegalen Marihuana-Züchtungen beschlagnahmten Pflanzen enthalten mehr THC [Tetrahydrocannabinol], das für den Rausch aber auch für die psychischen Nebenwirkungen verantwortlich ist. Der Gehalt am „medizinischen“ Cannabidiol, dem entkrampfende, entzündungshemmende und angstlösende Wirkungen zugeschrieben werden, hat sich vermindert. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum Fachkliniken wie das Evangelische Krankenhaus Castrop-Rauxel immer häufiger junge Menschen mit Cannabis-Abhängigkeit behandeln. In ganz Deutschland sind es derzeit etwa 25.000 Menschen, die jedes Jahr wegen einer Cannabis bezogenen Störung ambulant behandelt werden. Weitere 3000 Patienten müssen sogar stationär aufgenommen werden.

Gefährdet sind vor allem junge Konsumenten, bei denen sich ein regelmäßiger Cannabis-Konsum ungünstig auf die Hirnentwicklung auswirkt. Die Schäden betreffen nach Erfahrung von Professor Bonnet die Impulskontrolle, Affekte, Aufmerksamkeit und das Gedächtnis, die Motivation und soziale Fähigkeiten, und sie können nach einem Entzug anhalten. Zu den möglichen Spätfolgen des frühen intensiven Cannabis-Konsums zählen laut dem Mediziner Arbeitslosigkeit, der Bezug von Sozialhilfe und Frühverrentung.

Cannabis hat körperliche Auswirkungen. Die Droge beschleunigt den Herzschlag und führt zu Blutdruckschwankungen. Gesunde Konsumenten spüren das nicht, erläutert Professor Bonnet: Menschen mit vorgeschädigten Blutgefäßen riskieren jedoch unter Umständen einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Dies seien jedoch Einzelfälle und meist Folge eines exzessiven Cannabis-Konsums. Dahingegen zählt eine chronische Bronchitis zu den häufigen Spätfolgen eines regelmäßigen Cannabis-Konsums. Und wenn die Droge mit Blei, Glas, Lösungsmitteln oder Pestiziden verunreinigt ist, könne es auch zu Schäden an der Mundschleimhaut kommen. Zudem macht Cannabis dick, wobei die Konsumenten zum ungesunden Bauchansatz neigen. Eine zunehmend häufiger von Professor Bonnet beobachtete Komplikation ist die zyklische Hyperemesis: Die Patienten leiden zeitweise unter starker Übelkeit, die sie durch heißes Baden oder Duschen lindern..."
U. Bonnet, M. Specka und N. Scherbaum:
Ha¨ufiger Konsum von nicht-medizinischem Cannabis. Gesundheitliche Folgen und Wirkung der Entzugsbehandlung
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (2); S. 126–131
https://www.thieme.de/de/presse/sucht-auf-rezept-95287.htm

Die bio-psycho-soziale Identitätsbildung, Selbstbehauptung und Ich-Stärkung, insbesondere in der Jugendlichen- und Adoleszenten-Krise mit Aufbau  sozialer Stabilisierungsmechanismen in Familie, Bildung/Berufsfindung,  sozialem Umfeld/"peer group" und kultureller Reflexion sei unter Cannabis-Einfluss gefährdet. So dass Entwicklungsdefizite und sozialer Rückzug die Konsumenten prägen bzw. in Isolation und Abkoppelung von der realen Welt treiben (Prof. Dr. med. Udo Bonnet, pers. Mitteilung).

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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