Ärzte Zeitung, 09.11.2016
 

Paracetamol bei Schwangeren

Verhaltensstörung beim Kind?

Paracetamol in der Schwangerschaft war in einer Studie mit einer erhöhten Rate von Verhaltensstörungen beim Nachwuchs assoziiert. Ob die Arznei die Ursache dafür ist, bleibt ungeklärt.

Von Peter Leiner

BRISTOL. Eine pränatale Exposition mit Paracetamol ist mit einer erhöhten Rate von Verhaltensstörungen beim Nachwuchs im Kleinkindalter assoziiert. Darauf deutet eine Auswertung der "Avon Longitudinal Study of Parents and Children" (ALSPAC) hin. Bei der Studie handelt es sich um eine prospektive Geburtskohortenstudie, in die von April 1991 bis Dezember 1992 insgesamt 7796 Mütter mit ihren Kindern und Partnern aufgenommen worden waren (JAMA Pediatr 2016; online 15. August).

Die Frauen wurden während der Schwangerschaft in der 18. und 32. Woche sowie 61 Monate nach der Geburt zur Einnahme von Paracetamol befragt. Zudem wurden mögliche Verhaltensstörungen der Kinder im Alter von sieben Jahren bei den Müttern und Lebenspartnern mit dem "Strengths and Difficulties Questionnaire" (SDQ) abgeklärt. Anhand der Daten haben die Epidemiologen und Ärzte für medizinische Psychologie die Assoziation für Verhaltensstörungen nach prä- und postnataler Paracetamolexposition ermittelt.

Anderthalbfach erhöhtes Risiko

4415 Mütter (53 Prozent) nahmen Paracetamol in der 18. Schwangerschaftswoche (SSW) ein, 3381 Mütter in der 32. SSW, berichten die Wissenschaftler um Dr. Evie Stergiakouli vom Medical Research Council in Bristol. Den Berechnungen zufolge war die Wahrscheinlichkeit für Verhaltensstörungen nach einer Selbstbehandlung während der Schwangerschaft deutlich erhöht, und zwar um etwa das Anderthalbfache (Risk Ratio [RR]: 1,42). Die Risikoerhöhung galt auch für Hyperaktivitätssymptome (RR: 1,31) sowie für emotionale Symptome (RR: 1,29). Die RR-Werte lagen jeweils bei Paracetamolanwendung in der 32. SSW höher als in der 18. SSW.

Für die statistischen Berechnungen wurden eine ganze Reihe von potenziellen Störfaktoren berücksichtigt, unter anderem Alter der Mutter bei der Entbindung, BMI während der Schwangerschaft, Alkoholkonsum, psychiatrische Erkrankungen (Selbsteinschätzung) und Indikation für die Paracetamolbehandlung sowie genetische Risikofaktoren. Die Assoziationen bei pränataler Exposition wurden in den Kontrollgruppen, also postnatal und bei Paracetamoleinnahme durch die Lebenspartner nicht beobachtet.

Ob und wie Paracetamol die fetale neuronale Entwicklung beeinflussen könnte, ist noch nicht endgültig verstanden. Eine mögliche Erklärung könnte nach Ansicht der Wissenschaftler die Wirkung neurotoxischer Metabolite des plazentagängigen Paracetamols sein. Eine andere Möglichkeit könne sein, dass Störungen der Gehirnentwicklung durch Paracetamol auf oxidativem Stress beruhten. Klinische Studien hätten gezeigt, dass die Langzeitanwendung des Schmerzmittels die Menge an Antioxidantien im Serum verringert.

Keine Daten zu Dosis und Indikation

Aus den Studienergebnissen lässt sich kein kausaler Zusammenhang zwischen der Paracetamolanwendung während der Schwangerschaft und der Entwicklung von Verhaltensstörungen beim Nachwuchs ableiten. Zumal von den Frauen keine Angaben zur Indikation der Paracetamoltherapie sowie – was noch wichtiger ist – zur Dosierung der Arznei und zur Dauer der Behandlung gemacht wurden.

In den Fachinformationen zur Anwendung von Paracetamol wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Paracetamol während der Schwangerschaft bei klinischer Notwendigkeit eingenommen werden darf. Es sollte jedoch "in der geringsten wirksamen Dosis über einen möglichst kurzen Zeitraum und so selten wie möglich eingenommen werden".

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