Ärzte Zeitung, 15.11.2016
 

Rückenschmerzen

Bildgebung zu oft auf Druck der Patienten?

Offenbar gewähren viele Ärzte ihren Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen eine CT oder MRT, weil sei keine Lust und Zeit haben, sich auf längere Diskussionen einzulassen. Darauf deutet eine Umfrage in US-Kliniken.

Von Thomas Müller

Bildgebung zu oft auf Druck der Patienten?

Bildgebung bei Kreuzschmerz: Unklare Befunde können Ängste bei Patienten schüren.

© Lisa F. Young / fotolia.com

ANN ARBOR. Eigentlich weiß es jeder Arzt: Röntgen und MRT bringen nichts bei Patienten mit unspezifischen Kreuzschmerzen, sofern nicht Warnzeichen wie Traumata, Osteoporose oder ein Tumor in der Anamnese auf eine schwerwiegende Erkrankung deuten. Bei etwa 90 Prozent der Betroffenen lässt sich durch die Bildgebung keine gravierende organische Ursache für die Schmerzen erkennen, und bei den meisten CT- und MRT-Befunden ist fraglich, ob sie etwas mit den Schmerzen zu tun haben. In der Regel sind die Beschwerden myofaszial, psychosozial oder somatoform bedingt. Die Bildgebung erweist sich in solchen Fällen oft als schädlich, weil sie mit unklaren Befunden Ängste schürt und mit nachfolgenden Untersuchungen die Chronifizierung der Schmerzen begünstigt.

Jede dritte MRT überflüssig

Nichtsdestotrotz wird fleißig weitergeröntgt, das ist in Deutschland nicht viel anders als in den USA. Dort ist nach Untersuchungen etwa jede dritte lumbosakrale MRT überflüssig, berichten Ärzte um Dr. Erika Sears vom Veterans Affairs Center for Clinical Management Research in Ann Arbor.

Weshalb Ärzte wider besseres Wissen eine Bildgebung bei unspezifischem Kreuzschmerz veranlassen, bleibt daher ein Rätsel. Um dieses zu lüften, haben Sears und Mitarbeiter Fragebögen an über 1200 Ärzte und Krankenpfleger an Kliniken in der Region Ann Arbor geschickt (JAMA Intern Med 2016, online 17 Oktober). Rund die Hälfte hat geantwortet, davon waren 70 Prozent Ärzte.

Die Fragen drehten sich um den Fall einer 45-jährigen Patientin mit unspezifischen lumbosakralen Schmerzen ohne besondere Warnzeichen. Nur 18 der Antwortenden (3,3 Prozent) gaben an, die Frau würde wohl von der Bildgebung profitieren. Fast allen war also bewusst, dass die Bildgebung in diesem Fall nicht angemessen ist. Drei Viertel vertraten sogar die Auffassung, ein MRT- oder CT-Scan könnte weitere überflüssige Untersuchungen nach sich ziehen – auch in diesem Punkt bestand folglich große Einigkeit.

Allerdings gaben ebenso viele Befragte an, ohne Bildgebung könnten sie die Patientin nicht zu einem Spezialisten überweisen, der den Beschwerden weiter auf den Grund geht. Fast 60 Prozent waren zudem der Auffassung, die Patientin wäre wohl sehr verärgert, wenn sie keine Bildgebung bekäme, und zwei Drittel gaben an, für Patienten sei es schwer zu verstehen, weshalb diese Untersuchungen nicht nötig sind. Etwas mehr als ein Viertel (27 Prozent) befürchtete gar, die Frau könnte sie wegen Fehlbehandlung verklagen, sollten die sie Bildgebung unterlassen. 26 Prozent bemängelten, sie hätten nicht die Zeit, der Frau zu erklären, weshalb Röntgen und MRT bei ihr nichts nützen.

Jeder siebte Befragte gab an, dass es schwerfalle, sich an die Empfehlungen zu halten, wonach die Bildgebung bei der genannten Patientin überflüssig ist. Diese Rate war bei jüngeren Personen (unter zehn Jahren Berufserfahrung) doppelt so hoch wie bei älteren Personen (mehr als 20 Jahre im Beruf). Auch Befragte, die angaben, keine Zeit fürs Patientengespräch zu haben oder den Anwalt fürchteten, sahen sich nur schwer in der Lage, den Empfehlungen zu folgen.

Defizite bei Rechtssicherheit

Immerhin 92 Prozent aller Befragten würden es begrüßen, wenn sie Infomaterial hätten, in denen Patienten die Entscheidung erläutert wird, und 62 Prozent wünschten sich ein Evaluationswerkzeug, das bei der Entscheidung zur Bildgebung hilft.

Was ist also zu tun, um eine überflüssige Bildgebung zu vermeiden? Zum einen, so die Forscher um Sears, sollten Ärzte in den USA auch ohne vorherige MRT und CT in der Lage sein, Rückenschmerzpatienten an Spezialisten zu überweisen, zum anderen bestehen offenbar Defizite in puncto Rechtssicherheit und Patientenedukation. Hier gelte es also verstärkt anzusetzen.

[15.11.2016, 22:28:22]
Thomas Auer 
Nicht immer sind es die Patienten...
Leider folgen auch viele Ärzte dem Dokumentationswahn und führen die Patienten bildgebender Diagnostik zu anstatt einen Therapiebeginn zu initiieren. Schont das Praxisbudget und 'versorgt' den Patienten.
Zielgerichtet wäre vielmehr eine Heilmittelverordnung 3*MT mit anschließender Rückmeldung und Therapiebericht; für qualifizierte Physiotherapeuten ausreichend um nach ausführlicher Anamnese, Untersuchung und Probebehandlung eine Prognose zu stellen. zum Beitrag »
[15.11.2016, 13:36:36]
Thomas Georg Schätzler 
Meinungsbildung und Meinungsmache?
"Clinicians’ Perceptions of Barriers to Avoiding Inappropriate Imaging for Low Back Pain—Knowing Is Not Enough" von Erika D. Sears et. al. ist keine wissenschaftliche Publikation, sondern reine Meinungsbildung und Meinungsmache!

Denn dass Ärzte oft wider besseres Wissen eine Bildgebung bei unspezifischem Kreuzschmerz veranlassen müssen, ist überhaupt kein Rätsel. Es entspricht eher den oft magischen Vorstellungen unserer Patientinnen und Patienten von kausalen Zusammenhängen zwischen Anamnese, Befund und Diagnose bei allgemein unspezifischen Rückenbeschwerden. Und es gibt durchaus einige Radiologen, die bei längerer, intensiver Betrachtung von LWS-MRT-Bildern eine gar nicht vorhandene Bandscheiben-Protrusion bzw. Facetten-Arthrose der kleinen Wirbelgelenke zu erkennen glauben.

Im anschließenden Arzthaftungs-Prozess werden dann Kunstfehler-Vorwürfe laut, der behandelnde Orthopäde hätte mal wieder unangemessen die frühen Warnzeichen ("red flags") nicht rechtzeitig erkannt. Denn grundsätzlich kann jeder unspezifische, harmlosen Rückenschmerz das Frühstadium eines Bandscheiben-Vorfall, einer Spinalkanalstenose, eines M. Bechterew, einer Spondylodiszitis, eines benignen/malignen Tumors, eines spezifischen/unspezifischen Abszess oder sonstigen Entzündungsgeschehens sein.

Exakte Medizin erfordert nun mal exakte Diagnostik! Und forensisch abgesichert bleibt nur, wer Überdiagnostik betreibt - alles andere bleibt persönliches Risiko!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[15.11.2016, 08:08:45]
Robert Siebel 
Anforderung bildgebender Schnittbildverfahren

Ja was ist zu tun: Abbau der " all you can eat Flatrate", Eigenbeteiligung, ich brauche eine Überweisung zum MRT, Termin habe ich für morgen schon gemacht, wie die gibt es nicht????

Finanzierung der konservativen Therapie und nicht der unnötigen Diagnostik!!!! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »