Ärzte Zeitung, 01.02.2007

HWS-Bruch durch Orkan mit CT erkannt

Patient wurde von Ast getroffen / Halswirbelfraktur war im konventionellen Röntgen nicht zu sehen

HAMBURG (pie). Der Orkan "Kyrill" hat kürzlich eine Schneise der Verwüstung durch Europa geschlagen. Allein in Deutschland gab es elf Todesopfer und viele Verletzte. Ein Verletzter hatte besonderes Glück: Er überlebte eine Luxationsfraktur der Halswirbelsäule, obwohl die Verletzung zunächst unerkannt blieb. Nicht einmal eine Behinderung hat er zurück behalten.

Der Orkan erreichte Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde. Bäume und Strommasten knickten um, ganze Häuserwände stürzten ein. Die meisten Unfälle ereigneten sich durch umstürzende Bäume oder herabfallende Äste.

Der 34-jährige Andreas N. arbeitete abends im Garten, als eine Sturmböe einen alten Ast herabriss. N. wurde am Rücken getroffen und verlor das Bewusstsein. Seine Frau fand ihn im Garten liegend und alarmierte den Notarzt. Inzwischen erwachte der Patient und klagte über rechtsseitige Schulterschmerzen. Außerdem konnte er die Beine nicht bewegen.

Der Patient hatte keine äußeren Verletzungen

Im Krankenhaus war der Patient bei klarem Bewusstsein und orientiert. Er hatte eine retrograde Amnesie für den Unfallhergang von etwa 5 Minuten. Äußerliche Verletzungen waren nicht erkennbar. Die Bewegung beim Kopfdrehen war durch Schmerzen in der rechten Schulter eingeschränkt. Der Patient konnte auf beiden Seiten die Arme bewegen, es fiel aber eine leichte Schwäche im rechten Handgelenk auf.

Seine Beine konnte er nicht spontan bewegen, die Sensibilität war jedoch erhalten. Die Patella- und Achillessehnenreflexe waren abgeschwächt, ein Babinskireflex konnte weder rechts noch links ausgelöst werden.

HWS war wegen Überlagerung nicht vollständig darstellbar

Auf den Röntgenbildern der Hals-, Brust und Lendenwirbelsäule war kein pathologischer Befund erkennbar. Allerdings konnte die untere Halswirbelsäule nicht vollständig dargestellt werden: Auch mit speziellen Aufnahmetechniken gelang es nicht, die Segmente unterhalb von C5 sicher zu beurteilen, da sie immer von den Schultern überlagert waren.

Bereits während der Untersuchungen erholte sich der Patient wieder. Er konnte die Beine wieder bewegen, und es waren keine neurologischen Ausfälle mehr nachweisbar. Dennoch wurde die untere Halswirbelsäule noch per CT untersucht. Das Ergebnis überraschte in seinem Ausmaß: Der Patient hatte eine instabile Luxationsfraktur im Segment C6 / C7 mit einer antero-posterioren Verschiebung von mehr als 30 Prozent. Ein Fragment befand sich im Spinalkanal.

Dabei gab der Verlauf den behandelnden Kollegen einige Rätsel auf: Die neurologischen Ausfälle folgten keinem definierten Muster. Die rasche Rückbildung hätte Anlass dazu geben können, die Diagnostik einzustellen und den klinischen Verlauf abzuwarten. Doch eine Indikation zur CT war durch die Anamnese und die untypische und flüchtige neurologische Symptomatik gegeben sowie vor allem dadurch, dass sich die Halswirbelsäule im konventionellen Röntgen nur unvollständig darstellen ließ.

Der Übergang der unteren Hals- zur Brustwirbelsäule gilt bei Extensionsverletzungen als gefährdet. Bei der Überstreckung fehlt, anders als bei der Beugung, das knöcherne Widerlager. Dadurch ist eine größere Bewegungsamplitude möglich. Zerreißungen der vorderen Längsbänder, Pedikel- oder Facettenverletzungen mit oder ohne Luxationen können die Folge sein. Am bekanntesten sind solche Folgen bei Kopfsprüngen ins seichte Wasser. Es wurde über Patienten berichtet, die erst wochenlang Beschwerden hatten, bevor eine Luxationsfraktur erkannt wurde.

Ist die HWS im Röntgen schlecht beurteilbar, ist die CT obligat

Die Diagnostik ist schwierig, da die untere Halswirbelsäule der Patienten oft durch die Schultern überlagert wird. Auch durch einen Zug an den Armen nach unten kann das häufig nicht verhindert werden. Kollegen müssen darauf bestehen, dass auf HWS-Röntgenbildern alle Segmente von C1 bis einschließlich Th1 beurteilbar sind. Gelingt das nicht, so ist die CT obligat.

Der 34-jährige Andreas N. profitierte von diesem Algorithmus. Die HWS wurde noch am gleichen Tag operativ stabilisiert. Der Patient ist wieder vollständig genesen.

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