Ärzte Zeitung, 07.11.2011

Helm rundet Babyköpfe

Neugeborene auf den Rücken zu betten hilft, das Risiko für den plötzlichen Kindstod zu verringern - es hat aber auch einen Nachteil: Bei vielen Babys verformt sich der weiche Schädel. Abhilfe können jetzt Münsteraner Ärzte schaffen - mit einem speziellen Helm.

Helm rundet Babyköpfe

Professor Robert Rödl (rechts) und Dr. Henning Tretow mit einem Helm, der das Schädelwachstum lenkt. Gefertigt wird er nach einem 3D-Scan.

© UKM

MÜNSTER (eb). Verformungen des Schädels bei Neugeborenen werden immer häufiger. In Münster ist dazu eine Spezialsprechstunde eingerichtet worden.

Diagnose und Therapie erfolgen dort auch mit einem neuen Verfahren: mit 3D-Scan und einem danach maßgefertigten Helm.

Rückenposition reduziert plötzlichen Kindstod

Viele Eltern erschrecken zunächst: Der Kopf ihres Neugeborenen wächst in den ersten Lebensmonaten schief oder ist gar an manchen Stellen richtig verformt oder eingedellt. Als "lagebedingter Plagiocephalus" wird das bezeichnet. Die Störung tritt immer häufiger auf.

Ein Grund: Die Eltern legen Kleinstkinder seit einiger Zeit immer seltener auf den Bauch und immer öfter auf den Rücken.

Das basiere auf der Erkenntnis, dass die Rückenposition die Gefahr des plötzlichen Kindstodes reduziert, erläutert Professor Robert Rödl in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Münster (UKM).

Kleine Babys können ihren Kopf noch nicht drehen

Allerdings könnten kleine Babys in Rückenlage noch nicht aus eigener Kraft ihren Kopf drehen, so der Chefarzt der Abteilung für Kinderorthopädie, Deformitätenrekonstruktion und Fußchirurgie am UKM.

Und wenn sie sehr lange und regelmäßig in derselben Position lägen, komme es zu Abflachungen oder Asymmetrien des Kopfes, die durch den Gewichtsdruck beim einseitigen Liegen entstehen.

Behandlung bei Kindern zwischen 2 und 18 Monaten

Denn der kleine und junge Schädel könne diesem Druck nicht lange standhalten. Als Reaktion auf die beobachtete Zunahme hat Rödl nun am UKM eine Spezialsprechstunde für solche Kinder eingerichtet. Sie sollten zwischen 2 und 18 Monaten alt sein. Dann ist es möglich, sie nach einer neuen Methode zu behandeln.

Konkrete Zahlen zum lagebedingten Plagiocephalus gibt es noch nicht. Aber auch das wollen Rödl und seine Kollegen jetzt klären und wissenschaftliche Daten sammeln.

Denn die Angaben schwanken bisher stark. Manche Autoren gingen von einem Anteil bis 20 Prozent aus, wobei die Schweregrade allerdings unterschiedlich seien, wie Dr. Henning Tretow berichtet, der die Sprechstunde leiten wird.

Keine schwerwiegenden Erkrankungen wegen schiefem Kopf

Eine Behandlung sei deshalb notwendig, weil viele Eltern soziale Nachteile befürchteten, wenn ihr Kind mit einem schiefen Kopf aufwächst, obgleich daraus keine schwerwiegenden Erkrankungen resultieren.

Beobachtet wurden als Folgeerscheinungen allerdings Veränderungen der Muskelspannung, Verzögerungen der psychomotorischen Entwicklung und Störungen der mentalen Entwicklung.

Mit 3D-Scanner wird der Kopf des Kindes exakt vermessen

Bei der Therapie geht die UKM-Kinderorthopädie nun neue Wege: Dort steht jetzt ein Verfahren zur Verfügung, mit dem Schädelabflachungen genau untersucht und behandelt werden können. Mit einem 3D-Scanner wird der Kopf des Kindes in 1,5 Sekunden exakt vermessen, ohne dass Strahlung auftritt oder ein Gipsabdruck genommen werden müsste.

Mit dem 3D-Bild und den Daten können Rödl und seine Kollegen nach einer Vergleichsmessung entscheiden, ob und welche Therapie nötig ist.

"Das Wachstum wird gelenkt"

Eine Möglichkeit des neuen Verfahrens ist dabei, anhand des 3D-Bildes einen maßgefertigten Helm zu bauen, den das Kind für ungefähr sechs Monate trägt und der das Wachstum des weichen Schädels so lenkt, dass die Verformung sich ausgleicht.

"Dabei wird kein Druck auf den Schädel ausgeübt, sondern Platz gelassen in die Richtungen, in die der Schädel wachsen soll. Das Wachstum wird gelenkt", wird Tretow in der Mitteilung zitiert.

Eltern können unter der Telefonnummer 0251 / 83-47887 in der UKM-Kinderorthopädie einen Termin vereinbaren.

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