Ärzte Zeitung, 14.12.2016
 

Alterstraumatologie

Ziel der Therapie ist Selbstständigkeit

Die Zahl der schwerverletzten Patienten über 70 Jahre steigt kontinuierlich. Da die Verletzungen aber nicht nur die Sterblichkeit erhöhen, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, im Pflegeheim versorgt zu werden, sind ganzheitliche Konzepte gefragt, um die Selbstständigkeit zu erhalten.

Von Wiebke Kathmann

BERLIN. Jedes Jahr erleiden mehr als 700.000 betagte Menschen in Deutschland eine Fraktur von Femur, Wirbeln oder Armen. Tendenz stark steigend. Darauf hat Professor Ulrich Liener, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Marienhospital Stuttgart beim Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) 2016 hingewiesen.

Grund genug für die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), eine Arbeitsgemeinschaft Alterstraumatologie ins Leben zu rufen, deren Vorsitzender Liener ist. Ziel der inzwischen 50 zertifizierten AltersTraumaZentren DGU® ist es, die Prävention und Versorgung dieser durch eine Fraktur bedrohten oder von ihr betroffenen betagten Menschen zu verbessern.

Osteoporose-Europameister

Derzeit ist Deutschland Osteoporose-Europameister – kein rühmlicher Titel, bedeutet er doch, dass es aufgrund der meist ausbleibenden Behandlung einer Osteoporose hierzulande zu den meisten osteoporotischen Frakturen kommt. Die Zahlen seien nicht unerheblich, da es in Deutschland in etwa so viele Osteoporose-Patienten gibt wie Diabetiker, so Liener.

In den letzten 15 Jahren ist die Rate an Oberschenkelhalsfrakturen um 20 Prozent gestiegen. In den nächsten zehn Jahren wird mit einer Verdoppelung bis Verdreifachung gerechnet. Bei über 85-jährigen Frauen sind Hüftfrakturen inzwischen der häufigste Grund für eine Klinikeinweisung.

Patienten verlieren häufig ihre Unabhängigkeit

Diese Patienten verlieren in der Folge ihrer Fraktur häufig ihre Unabhängigkeit. Oft genug wird die Aufnahme ins Pflegeheim nötig. Dies ist nicht nur aus humanitären Gründen, sondern auch sozioökonomisch keine Lösung, Denn weder Pflegende, noch das Geld für sie gibt es in ausreichendem Maße.

Strukturen für eine bessere Versorgung sowie interdisziplinäre Ansätze in multiprofessionellen Teams sind nötig, um bessere Ergebnisse zu erzielen und den Menschen die Rückkehr ins selbstbestimmte Leben zu ermöglichen. Das soll in den bisher 50 AltersTraumaZentren DGU® geschehen. Weitere 150 Zentren warten auf die Zertifizierung.

In den Zentren ist eine enge Zusammenarbeit mit Altersmedizinern, Physiotherapeuten und Pflegekräften etabliert. Ziele sind ein besseres funktionelles Outcome der betagten Patienten nach Fraktur und ein höheres Bewusstsein für eine pharmakologische Osteoporose-Behandlung nach stattgehabter Fraktur. Ob dies gelingt, wird im Rahmen des verpflichtenden Registers und durch eine Überprüfung der Medikation nach einem Jahr ermittelt.

Sturzprophylaxe wichtig

Die Sturzprophylaxe bildet einen wichtigen Baustein in der interprofessionellen Versorgung.

Deren Nutzen bestätigt eine ebenfalls beim DKOU vorgestellte Studie zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität sechs und zwölf Monate nach proximaler Femurfraktur, die Dr. Julia Hack, Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Marburg, vorstellte.

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