Ärzte Zeitung, 09.11.2012
 

Prekäres Problem

Ejaculatio praecox: Stiefkind in der urologischen Praxis

Ejakulations- und Orgasmusstörungen sind bei älteren Männern ähnlich häufig wie Erektionsstörungen. Die Therapiesituation ist unbefriedigend.

Von Roland Fath

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Prekäres Problem: Männer mit langjährigem vorzeitigen Samenerguss haben oft einen hohen Leidensdruck. Domäne in der Therapie bei dieser besonders häufigen Ejakulationsstörung sind Medikamente.

© Zwola Fasola / shutterstock

Laut einer repräsentativen Umfrage in den USA im Jahr 2006 bei knapp 1500 Männern im Alter von 57 bis 85 Jahren gaben in allen Altersgruppen etwa 20 bis 30 Prozent der Befragten vorzeitigen Samenerguss (Ejaculatio praecox) als sexuelles Problem an.

Die Häufigkeit eines verzögerten Samenerguss oder Orgasmus (Ejaculatio tarda) und im fortgeschrittenen Stadium Anejakulation nahmen hingegen mit dem Alter zu (von 16 auf 33 Prozent), genauso wie Erektionsstörungen (30 bis 44 Prozent). Die Patientenzahlen nehmen nach den Erfahrungen von Professor Hartmut Porst aus Hamburg zu.

Bei lang bestehender E. praecox sind Psychotherapien nicht erfolgversprechend

Während für die Erektion Dopamin der entscheidende Neurotransmitter ist, sind an Ejakulation / Orgasmus in erster Linie Serotonin, außerdem Dopamin, GABA und Noradrenalin beteiligt, berichtete Porst. Domäne in der Therapie bei E. praecox, der häufigsten Ejakulationsstörung, sind Medikamente.

"Sexualtherapeutische Behandlungsansätze sind bei Männern mit lebenslang bestehender E. praecox nicht erfolgversprechend", betonte der Urologe bei einem Symposium des Arbeitskreises Andrologie auf dem Deutschen Urologenkongress in Leipzig. Auch Verhaltensmaßnahmen wie Stopp/Start- oder Squeeze-Technik hätten eine Misserfolgsrate von über 90 Prozent.

Einziges zugelassenes Medikament für E. praecox ist das kurz wirksame SSRI Dapoxetin zur Bedarfstherapie. Die IELT (intravaginale Ejakulationslatenzzeit) wird um rund das 3,5-Fache verlängert, berichtete Porst.

Das Medikament könne bei Patienten mit der häufigen Komorbidität erektile Dysfunktion auch gut mit einem PDE-5-Hemmer kombiniert werden. Ein besonderer Nachteil der Substanz: Nebenwirkungen wie Schwindel und Übelkeit, weswegen drei bis sechs Prozent der Behandelten die Therapie abbrechen. Meist treten diese Nebenwirkungen aber nur bei den ersten Anwendungen auf, so die Erfahrung des Urologen.

Vorsicht bei langfristige Anwendung von off-label-Medikation!

Andere SSRI können nur off-label eingesetzt werden und führen bei längerfristiger Anwendung zu einer Fragmentation der Spermien-DNA. "Für eine Dauertherapie ist dies ein No-go", sagte Porst. Auch das Opioid Tramadol sollte nach seinen Angaben wegen des hohen Abhängigkeitspotenzials nicht eingesetzt werden.

Als weitere Therapiemöglichkeiten stehen Alphablocker sowie eine Lidocain-Prilocain-Creme oder auch ein Spray, demnächst auch in Deutschland erhältlich, zur lokalen Anwendung zur Verfügung.

Limitierte Therapie bei E. tarda

Bei der E. tarda sind die Therapieangebote limitiert, sagte Porst. Nach seinen Erfahrungen berichten betroffene, in der Regel ältere Männer häufig über ungenügende Stimulationstechniken oder das Gefühl des "lost penis" bei Partnerinnen mit mehreren Kindern und zu weit gewordenen Scheiden.

Es kommen allerdings auch hormonelle Ursachen wie Testosterondefizit oder Hyperprolaktinämie infrage. Therapeutisch eingesetzt, in der Regel mit mäßigem Erfolg, werden vor allem Alphablocker und Psychopharmaka.

Porst riet auch, insbesondere bei Männern mit Anejakulation, zu einem Behandlungsversuch mit dem traditionellen Heilmittel Yohimbin. Bei Patienten mit Anejakulation (Emissionsverlust / retrograde Ejakulation) sollten auch psychogene, iatrogene-chirurgische Ursachen sowie neurologische Erkrankungen und Traumata ausgeschlossen werden.

Schließlich erinnerte Porst auch an mögliche ungünstige Wirkungen von 5-alpha-Reduktase-Hemmern, vor allem Finasterid, auf die Sexualfunktion. Es gebe Berichte zu irreparablen Libido- und Erektionsstörungen, die auch nach Absetzen der Medikamente anhielten, und die US-Zulassungsbehörde FDA warnt vor persistierenden Fertilitätsstörungen bei Anwendung dieser Substanzen.

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