Ärzte Zeitung, 16.11.2010

Tipps des Experten

Zahnmedizinische Probleme bei Diabetikern

Zahnverlust ist bei Diabetikern fünfzehnmal häufiger als bei Gesunden. Entscheidend sind Mundhygiene und gute Stoffwechseleinstellung.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Bei Diabetikern ist wie bei Nichtdiabetikern eine sorgfältige und konstante Mundhygiene entscheidend für die Entwicklung von Krankheiten im Mundbereich und im Zahnbett. Wenn viele Zwischenmahlzeiten genommen werden, soll darauf geachtet werden, dass keine Speisereste in den Zähnen bleiben.

Für die Zahnpflege sollen außer den üblichen Bürsten vor allem auch Zahnzwischenraumbürstchen benutzt und durch Mundspülungen ergänzt werden. Wenn Irritationen im oralen Bereich auftreten, soll umgehend der Zahnarzt aufgesucht werden, zum Beispiel bei Zahnfleischbluten oder massivem Rückgang des Zahnfleisches.

Alle Vierteljahre sollten Diabetiker sowieso den Zahnarzt aufsuchen, da sie aus vielen Gründen mehr von derartigen Krankheiten betroffen sind als Nichtdiabetiker.

Die Mundschleimhaut ist außer durch die passagere oder andauernde Exsikkose vor allem von Pilzerkrankungen betroffen. Zungenveränderungen, Lichen planus und Mukomykoseerkrankungen sind eher selten. Hingegen weiß man, dass der bakterielle Befall der Mundhöhle von Diabetikern mit schlechter Einstellung wesentlich häufiger ist als bei gut eingestellten Zuckerkranken.

Professor Hellmut Mehnert

Zahnmedizinische Probleme bei Diabetikern

© sbra

Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten - diesen Themen widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

1967 hat Mehnert die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht.

Er hat auch das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen. Mehnert ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Ganz im Vordergrund der Erkrankung stehen die Paradontopathien. Hier gibt es schon alte, Anfang des 19. Jahrhunderts mitgeteilte Berichte, über häufigeres Auftreten solcher Störungen bei zuckerkranken Patienten. Jetzt sind sich alle Autoren darin einig, dass die Hyperglykämie einen ungünstigen Einfluss auf paradontale Strukturen ausübt.

Das beruht zum großen Teil auf Infektionen, die oft blande verlaufen. Zusammenhänge zwischen mikroangiopathischen Veränderungen bei Diabetikern und der Paradontopathie sind ebenfalls in vielen Untersuchungen ermittelt worden. So sollen Typ-1-Diabetiker dreimal häufiger Paradontosen haben als stoffwechselgesunde Patienten.

Die gleiche Zahl wurde für insulinpflichtige Diabetiker insgesamt festgestellt. Patienten mit Retinopa-thie - also dem Gradmesser der mikroangiopathischen Veränderungen - haben sogar fünfmal häufiger schwere Paradontopathien als Kontrollpersonen. Zahnverlust bis zum totalen Fehlen der Zähne wird bei Diabetikern nicht weniger als fünfzehnmal häufiger beobachtet als bei Stoffwechselgesunden.

Rauchen ist ebenfalls ungünstig, ebenso wie natürlich ein höheres Alter. Entwicklung und Pathogenese sind vielfältig. Erwähnt sein soll, dass es auch hormonelle Einflüsse geben kann, wie wohl die bei graviden Diabetikerinnen gehäuft auftretende "Schwangerschaftsgingivitis" zu beweisen scheint.

Abzugrenzen von der Paradontopathie ist die Karies. Auch diese findet sich bei Diabetikern häufiger, besonders auch die gefürchtete Wurzel-Karies. Hingegen ist aber belegt worden, dass gut eingestellte Patienten keinen größeren Kariesbefall haben, als stoffwechselgesunde Menschen. Scheinbar paradoxerweise gibt es bei jüngeren Diabetes-Patienten mitunter eher seltener Karieserkrankungen als bei nichtdiabetischen Normalpersonen.

Dies zeigte sich auch bei einem Vergleich von insulinpflichtigen mit stoffwechselgesunden Menschen. Andere Essgewohnheiten mit fast vollständigem Verzicht auf Zucker bei Diabetikern mögen hier eine Bedeutung haben.

Eine optimale Stoffwechseleinstellung und die Beachtung von Mundhygiene durch die Patienten sind die entscheidende prophylaktische und therapeutische Maßnahme gegen zahnmedizinische Probleme.

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