Ärzte Zeitung, 25.06.2004

Eine Krankenstation - 33,5 Meter tief unter der Erde

Das German Underground Hospital auf Jersey beherbergt heute ein Museum über die Besatzungszeit

Im sogenannten "Ho8", dem German Underground Hospital auf Jersey, ist heute ein Museum untergebracht.. Fotos: ine

Von Sabine Schiner

1204 entschieden sich die Menschen auf Jersey, dem König von England treu zu bleiben und sich nicht ihren normannischen Verwandten anzuschließen. Heute hat die Insel ihre eigene Landessprache, eine eigene Regierung, ein eigenes Rechtssystem und eigene Steuersätze. Stolz blicken die Insulaner auf 800 Jahre Unabhängigkeit zurück. Ein dunkles Kapitel gibt es jedoch: Während des Zweiten Weltkrieges waren die Kanalinseln der einzige Teil Großbritanniens, der von den deutschen Truppen besetzt war.

Als Eintrittskarten dienen Kopien der alten Identitätskarten von Inselbewohnern

Die Bunkeranlagen sind heute über die ganze Insel verteilt. Einige werden von Fischern als Lagerhallen benutzt, andere stehen leer oder wurden, wie etwa der Jersey War Tunnel, als Museum wiederhergerichtet.

33,5 Meter unter der Erde waren die über 100 Meter langen Röhren und Räume 1941 von den Deutschen ursprünglich als Munitionslager gebaut worden. 1944, gegen Ende des Krieges, wurden die Tunnelgänge als Krankenstation für verletzte Soldaten von Zwangsarbeitern umgebaut und komplett eingerichtet.

Im sogenannten German Underground Hospital gab es einen Operationssaal, eine Krankenhausapotheke, einen Röntgenraum und ein Medikamentenlager. In dem Tunnelsystem war Platz für 500 Patienten. Es gab fließend warmes und kaltes Wasser, eine Klimaanlage und Zentralheizung. Doch das sogenannte "Ho8" wurde niemals in Betrieb genommen. Heute ist darin ein Museum über die Besatzungszeit eingerichtet.

Beim Gang durch die weißgekalkten Röhren informieren Bilder, Info-Tafeln und Videofilme über die Okkupation. Die Deutschen waren am 1. Juli 1940 auf der Insel gelandet. Noch im Jahr zuvor war Jersey in der britischen Presse als "der ideale Ort für Ferien in Kriegszeiten" angepriesen worden. Doch die Hoffnung der Bevölkerung, vom Krieg verschont zu bleiben, erfüllte sich nicht.

Zeitweise waren bis zu 16 000 Soldaten der Wehrmacht und der Kriegsmarine auf der Insel stationiert. Es folgten Deportationen, Bestrafungen, Repressalien. Über 2600 Einwohner wurden inhaftiert, viele wurden in Konzentrationslager nach Deutschland verschleppt.

Die Eintrittskarte in das "Ho8" erinnert an das Schicksal von Deportierten, Flüchtlingen, Bürgern und Zwangsarbeitern. Jeder Besucher erhält eine Kopie einer Identitätskarte aus dieser Zeit, mit Namen, Wohn- und Geburtsort und Familienstand eines Inselbewohners.

In einer Fotoausstellung im Besucherzentrum erfährt man dann mehr über die Schicksale der Inselbewohner. Vor allem im letzten Kriegsjahr hatte die Not der Menschen zugenommen, viele litten an Hunger. Das Rote Kreuz-Schiff "Vega" versorgte die Insel mit Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Milchpulver und Reis.

Als die Invasion in der Normandie schließlich begann, waren 12 000 deutsche Soldaten auf Jersey stationiert. In den Befreiungskampf wurden sie jedoch nie verwickelt. Kampflos ging die Insel am 9. Mai 1945 an die Briten zurück. Die Bunkeranlagen, Panzer, Gefechtsgeschosse und über 97 000 Minen blieben zurück: Es dauerte zwei Jahre, bis die Strände wieder minenfrei waren.

Die Ausstellung in den Jersey War Tunnels ist täglich von 9.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet (vom 14. Februar bis 19. Dezember). Adresse: Les Charrières Malorey, St. Lawrence, Jersey. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.jerseywartunnels.com

Insulaner genießen viele Freiheiten

Jersey war einst Teil des Festlandes und ist erst seit 8000 Jahren eine Insel. Viele Jahrhunderte stand Jersey unter dem Einfluß der Normannen. Als 1066 die Krone an William den Eroberer fiel, wurden die Inseln Teil des Anglo-Normannischen Königreiches. 1204 verlor König John die Normandie an Frankreich, und die Menschen auf Jersey konnten wählen, ob sie weiterhin zur Normandie oder zur englischen Krone gehören wollten. Sie entschieden sich für Grobritannien und erhielten dadurch Freiheiten und Rechte, die sie bis auf den heutigen Tag genießen. Unter anderem gibt es mit dem Jersey Pfund eine eigene Währung, die an den Kurs des britischen Pfundes angelehnt ist.

In diesem Jahr feiern die Insulaner 800 Jahre Unabhängigkeit. Höhepunkt der Feierlichkeiten sind die Jersey Revels im Mont Orgueil Castle. An diesem Wochenende lebt dort das Mittelalter wieder auf: mit Belagerungen und Turnierkämpfen für Besucher. (eb)

Kostenlose Broschüren gibt es beim Jersey Prospektversand, Postfach 30 02 60, 63089 Rodgau, Telefon: 06106 - 7 17 18, E-Mail: gls4099@aol.com. Weitere Infos unter www.jersey.com

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