Ärzte Zeitung, 10.01.2005

"Jede Spende ist auch Rückenwind für die Helfer"

Ärzte ohne Grenzen: Viele Niedergelassene wollen etwas tun / Keine Rivalitäten unter den Hilfsorganisationen

Von Martin Schwarzkopf

Sie wollen helfen. Dafür sind sie bereit, ihre Praxen für einige Wochen dicht zu machen. Oder sich einen Vertreter zu suchen. Denn sie sind sicher, daß sie gebraucht werden. "Personalsorgen haben wir nicht", sagt die Ärztin Christiane Löll von der deutschen Sektion der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Ungezählt sind die vielen Anrufe von niedergelassenen Kollegen und von Klinikärzten. Manche waren schon für Ärzte ohne Grenzen im Auslandseinsatz, andere haben in den vergangenen zwei Wochen zum allerersten Mal den Kontakt gesucht. Beeindruckend, sagt Löll, sei diese persönliche Hilfsbereitschaft.

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen versorgen in mobilen Kliniken die Menschen in der Stadt Banda Aceh im Norden Sumatras. Foto: MsF
      «Für mich sieht Banda Aceh aus wie ein Patient - mit unzähligen Narben und Kratzern im Gesicht und einem Körper, der zu schwach ist, um normal zu funktionieren.»
Elaine Lau,
Krankenschwester und Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen
   

STICHWORT
Ärzte ohne Grenzen

Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat seit dem Seebeben in Südasien mehr als 300 Tonnen Hilfsgüter und etwa 160 internationale Mitarbeiter in die Krisenregion gebracht.

Die Hilfsprogramme konzentrieren sich derzeit auf die am schwersten betroffenen Länder Indonesien (Provinz Aceh auf Sumatra) und Sri Lanka. Auch deutsche Krankenschwestern und Logistiker sind im Einsatz, deutsche Ärzte derzeit noch nicht.

Die Organisation wurde 1971 in Frankreich von unabhängigen Arztgruppen und Journalisten gegründet. Inzwischen gibt es 18 nationale Sektionen, die deutsche Sektion wurde 1993 gegründet. 1999 erhielt die Hilfsorganisation den Friedensnobelpreis. Die meisten Aktiven sind Ärzte oder Pflegekräfte, aber auch viele andere Berufsgruppen unterstützen die Projekte der Hilfsorganisation. Außer der aktuellen Hilfe für die Tsunami-Opfer in den betroffenen Staaten in Asien liegen weitere Schwerpunkte der Arbeit unter anderen auf Projekten in Afrika, zum Beispiel im Sudan (Darfur), in der Demokratischen Republik Kongo oder in Uganda.

Innerhalb von weniger als zwei Wochen nach der Tsunami-Flut gingen bei der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen mehr als 30 Millionen Euro an Spenden ein. Das war fast doppelt so viel wie im gesamten Jahr 2003, als die Hilfsorganisation insgesamt 17,5 Millionen Euro an Spenden in Deutschland erhielt.

160 internationale Mitarbeiter sind für Ärzte ohne Grenzen aktiv

160 internationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind derzeit in der von der Tsunami-Welle in Südasien betroffenen Katastrophenregion tätig - darunter auch deutsche Krankenschwestern und Logistiker, aber noch keine deutschen Ärzte.

Die Teams der Hilfsorganisation haben unter anderen diese Schwerpunkte:

  • Banda Aceh im Norden Sumatras

Mit drei mobilen Kliniken versorgen die Mediziner und Krankenschwestern zum Beispiel in Banda Aceh im Norden Sumatras täglich bis zu 300 Patienten. Atemwegs- und Durchfallerkrankungen kommen besonders häufig vor. Andere Patienten leiden unter entzündeten Wunden oder Hautkrankheiten.

Immer öfter werden die Teams auch mit unspezifischen Beschwerden konfrontiert, die ganz offensichtlich auf psychischen Streß bei den Überlebenden der Jahrhundertkatastrophe zurückzuführen sind. "Die psychologische Betreuung der traumatisierten Menschen ist deshalb auch ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit", sagt Stephan Große Rüschkamp, Pressereferent der Hilfsorganisation.

  • Nord- und Westküste Sumatras

Nicht nur die US-Militärs, auch die Helfer von Ärzte ohne Grenzen fliegen entlegene Orte an. Dort werden kleine Teams - ein Arzt, eine Krankenschwester oder ein Techniker - abgesetzt, um medizinische Soforthilfe auf einfachstem Niveau zu leisten. Sie lassen erste Hilfsgüter (Medikamente, Nahrungsmittel) da, ermitteln den weiteren Bedarf - und fliegen weiter ins nächste Dorf. Beim Rückflug werden Schwerkranke zur weiteren Versorgung mit nach Banda Aceh genommen.

Am nächsten Tag wird die Versorgung in den einzelnen Orten dann ganz gezielt am Bedarf orientiert fortgesetzt - natürlich kommt die Hilfe wieder aus der Luft. Die Teams bleiben dann - falls nötig - auch über Nacht.

Um an der verwüsteten Nordwestküste Sumatras noch effektiver helfen zu können, setzt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen auch auf die Kooperation mit Greenpeace, das sein Schiff "Rainbow Warrior" für Hilfstransporte zur Verfügung stellt. Auch die seetüchtigen Schlauchbooten der "Rainbow Warrior", mit denen Greenpeace-Aktivisten sonst Jagd auf Atomtransporte oder Walfänger machen, sollen eingesetzt werden, um jeden verlassenen Winkel erreichen zu können.

  • Die Stadt Sigli an der Nordostküste Sumatras

Dort fanden die Mitarbeiter der Hilfsorganisation ein Krankenhaus voll verletzter Menschen vor. Viele einheimische Mitarbeiter der Klinik waren bei der Katastrophe gestorben. Seit vergangener Woche arbeitet dort ein Chirurgen-Team, das vor allem Patienten mit entzündeten Wunden versorgt.

  • Die Südost- und Südküste von Sri Lanka

Auch in Sri Lanka setzt Ärzte ohne Grenzen einen Schwerpunkt seiner Hilfsaktionen. Dabei konzentriert sich die Organisation auf Projekte in den besonders schwer zugänglichen Regionen Amparai und Batticaloa an der Südost-Küste. Heftige Regenfälle haben dort die Einsätze erschwert.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt dort drei Krankenhäuser, setzt mobile Teams ein und kümmert sich um die epidemiologische Überwachung des Gebietes. Auch ein Feldlazarett soll dort aufgebaut werden. An der Südküste Sri Lankas wurden zwei Gesundheitszentren eingerichtet.

Gebraucht werden Kollegen mit Erfahrung bei Hilfseinsätzen

Noch ist nicht absehbar, wie viele Projekte Ärzte ohne Grenzen in der Krisenregion etablieren wird, noch ist völlig offen, wie viele Ärzte und Schwestern dafür benötigt werden. "Wir freuen uns darüber, daß sich so viele Kollegen gemeldet haben", sagt Christiane Löll.

Klar ist aber auch, daß nicht jeder Arzt den anspruchsvollen Job unter schwierigsten Bedingungen antreten sollte. Löll: "Wir brauchen vor allem Kollegen mit Berufserfahrung, die möglichst auch schon Hilfseinsätze im Ausland gemacht haben sollten und die über entsprechende Zusatzqualifikationen - zum Beispiel in der Tropenmedizin - verfügen."

Deshalb wird derzeit im Seebebengebiet vor allem medizinisches Personal eingesetzt, das in anderen Projekten von Ärzte ohne Grenzen bereits Erfahrungen sammeln konnte. "Darüber hinaus freuen wir uns aber weiter über qualifizierte Bewerbungen von Ärzten, die an einer Mitarbeit bei uns interessiert sind", sagt Christiane Löll. Infos dazu gibt‘s unter www.aerzte-ohne-grenzen.de/Mitarbeit.php.

Der Arzt Richard Munz aus Marburg ist für das Rote Kreuz in Banda Aceh. Foto: DRK

Arzt aus Marburg leitet Einsatz des Roten Kreuzes

Ein solcher ausgewiesener Experte, der für eine andere Hilfsorganisation tätig ist, ist der Allgemeinarzt und Notarzt Dr. Richard Munz aus Marburg. Munz leitet ein Team des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Banda Aceh.

Munz ist im Norden Sumatras auch für eine Basis-Gesundheitsstation zuständig, mit der viele tausend Menschen medizinisch versorgt werden können. Zum Team der Gesundheitsstation gehören außer Munz, der schon in vielen Krisengebieten Erfahrungen in der Katastrophenmedizin gesammelt hat, zwei Krankenschwestern, eine Hebamme und technisches Personal.

Sieben Millionen Euro hat das DRK schon investiert

Mehr als sieben Millionen Euro von insgesamt fast 60 Millionen Euro Spenden hat das DRK bis zum Wochenende für Hilfsgüter und sein medizinisches Engagement in der gesamten Krisenregion in Südasien investiert. "Die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen in der medizinischen Soforthilfe läuft absolut reibungslos, es gibt für alle mehr als genug zu tun", berichtet DRK-Pressesprecher Lübbo Roewer.

Das Engagement des Roten Kreuzes ist dabei nicht auf die derzeitige Phase der Soforthilfe beschränkt. Pressesprecher Roewer: "Wir gehen davon aus, daß wir etwa fünf Jahre tätig sein werden." Ein Schwerpunkt der mittel- und langfristigen Arbeit sei der Wiederaufbau von Krankenhäusern, außerdem soll in die Katastrophenvorsorge kräftig investiert werden.

Weil für diese geplanten Projekte noch viel Geld benötigt wird, bittet Roewer auch weiterhin um Spenden für die Katastrophenregion: "Die Hilfsbereitschaft der Deutschen ist einfach überwältigend. Jede Spende ist Rückenwind für unsere Helfer bei ihrem schwierigen Job vor Ort."

Ärzte ohne Grenzen hoffen auf nicht-zweckgebundene Spenden

Das sehen die Kollegen bei Ärzte ohne Grenzen genauso - auch wenn sie, nachdem innerhalb von zehn Tagen mehr als 30 Millionen Euro für die Opfer des Seebebens bei ihnen eingegangen waren, inzwischen darum bitten, von weiteren zweckgebundenen Spenden abzusehen: "Wir sehen unsere Aufgabe in der medizinischen Nothilfe. Wer weiter zweckgebunden für Südasien spenden will, kann das bei Organisationen tun, die auch langfristig beim Wiederaufbau helfen", sagt Pressereferent Stephan Große Rüschkamp.

Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2003 gingen bei Ärzte ohne Grenzen in Deutschland insgesamt 17,5 Millionen Euro an Spenden ein. Das bedeutet, daß innerhalb von weniger als zwei Wochen nach der Tsunami-Katastrophe fast doppelt so viel gespendet wurde wie im ganzen Jahr 2003.

Und noch ein weiterer Aspekt liegt Stephan Große Rüschkamp und der Organisation Ärzte ohne Grenzen besonders am Herzen: "Wir dürfen auch andere Krisenregionen wie zum Beispiel Darfur im Sudan nicht vergessen. Um unsere Arbeit auch dort fortsetzen zu können, sind wir für jede nicht-zweckgebundene Spende weiterhin sehr dankbar. Wir werden sie dann genau dort einsetzen, wo sie am nötigsten gebraucht wird."

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