Ärzte Zeitung, 14.01.2005

Für Katastrophen ist Deutschland nur unzureichend gerüstet

Ärzte fordern bessere Ausbildung der Katastrophenschutzeinheiten, mehr Großübungen und bundesweit einheitliche Organisationsstrukturen

NEU-ISENBURG. Die Flutkatastrophe in Südasien traf die Menschen völlig unvorbereitet. Mangels Frühwarnsystem und Katastrophenschutz sind die Folgen des Tsunami weit schlimmer, als sie bei entsprechenden Schutzvorkehrungen hätten sein müssen. Viele Bundesbürger fragen sich angesichts der bislang 160 000 Toten und der zerstörten Landstriche: Ist Deutschland für eine große Naturkatastrophe ausreichend gerüstet?

Von Petra Spielberg

Auf eine solche Frage hat die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) eine klare Antwort: "Auch bei uns liegt noch einiges im argen." Ein Nebeneinander von örtlichen und überörtlichen Kompetenzen sowie unterschiedlichen Organisationsstrukturen, eine unzureichende Ausbildung vor allem der Katastrophenschutzeinheiten des Bundes sowie mitunter veraltete Technik und knappe finanzielle Ressourcen sind die wesentlichen Schwachstellen im deutschen Katastrophenvorsorgesystem. Bundesweit existieren allein 16 verschiedene Katastrophenschutznormen.

"Ferner sind Übungen das A und O jeder Vorbereitung auf einen Katastrophenfall. Solche überörtlichen Großübungen mit mehreren hundert Verletzten unter Einbeziehung der Krankenhäuser finden bei uns noch viel zu selten statt", bemängelt Hanno Peter, Generalsekretär der DGKM.

Hinzu kommt, daß Konzepte zur Abwehr von Gefahren aus dem atomaren, biologischen und chemischen (ABC)-Bereich noch immer der Umsetzung harren. "Die latente Bedrohung durch den internationalen Terrorismus muß jedoch dazu führen, daß dieses Thema stärker ins Blickfeld rückt", fordert Peter.

Die Wurzeln für die Versorgungslücken und das unzureichende Krisenmanagement reichen zurück in die Anfänge der 90er Jahre. Das Ende des Kalten Krieges und die damit einhergehende Vermutung, wonach ein atomarer Angriff unwahrscheinlich sei, machte es aus Sicht der Politik überflüssig, einen teuren und personell aufwendigen Katastrophenschutz zu unterhalten. In der Folge wurden Warnämter und Sirenen abgebaut, Arzneidepots aufgelöst und Hilfskrankenhäuser sowie Schutzräume geschlossen.

Erst die Terroranschläge in den USA am 11. September 2001 sowie die Oder-Flut knapp ein Jahr später brachten einen Sinneswandel. Aufgerüttelt durch das Ausmaß der Katastrophen setzte sich das Bundesinnenministerium (BMI) unter Leitung von Otto Schily dafür ein, eine neue Strategie zum Schutz der deutschen Bevölkerung zu entwerfen.

Grundlage hierfür bildete ein vom BMI in Auftrag gegebener Gefahrenbericht. Hierin meldeten die Sachverständigen unter anderem Zweifel an der Wirksamkeit und einer schnellen Verfügbarkeit der von den Hilfsorganisationen und dem Sanitätsdienst des Katastrophenschutzes getragenen Hilfeleistung an. Darüber hinaus kritisierte die Kommission, daß die vorhandenen Möglichkeiten zu Diagnostik und Therapie bei Gesundheitsschäden etwa durch radioaktive Stoffe, hoch virulente Krankheitserreger und chemische Agenzien nicht ausreichten. Entsprechende Fähigkeiten und Kenntnisse der Katastrophenmediziner müßten umgehend in die ärztliche Aus- und Fortbildung aufgenommen werden, so eine weitere Forderung.

Engere Abstimmung zwischen Bund und Ländern beschlossen

Auf der Basis dieses Berichts verabschiedete die Innenministerkonferenz der Länder im Herbst 2002 das von Schily geforderte Strategiepapier. Kern des Beschlusses war ein verbessertes gemeinsames Krisenmanagement von Bund und Ländern. Feuerwehren und Hilfsorganisationen sollten besser vernetzt und die Abstimmung zwischen allen Beteiligten sollte länderübergreifend unter anderem durch ein bundeseinheitliches digitales Funknetz verbessert werden.

Die positiven Entwicklungen nach Umsetzung der Beschlüsse: Seit knapp zwei Jahren bildet die Katastrophenmedizin einen festen Bestandteil des Medizinstudiums. Zudem eröffnete das Bundesinnenministerium im Mai vergangenen Jahres in Bonn ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das unter anderem eine Warnzentrale, ein gemeinsames Melde- und Lagezentrum des Bundes und der Länder sowie eine Koordinierungsstelle zur Nachsorge von Opfern und Angehörigen einer Katastrophe unterhält und die Aus- und Fortbildung der Hilfskräfte zentral regelt. Bis 2006 will das BBK den Ländern außerdem 505 Erkundungsfahrzeuge und Krankentransporter zur Verfügung stellen, wie Ursula Fuchs, Sprecherin des Amtes, bestätigt.

Zentrum für Biologische Sicherheit am RKI eingerichtet

Darüber hinaus wurde am Robert-Koch-Institut in Berlin ein Zentrum für Biologische Sicherheit eingerichtet, das Konzepte zur Erkennung von Anschlägen mit biologischen Agenzien sowie zur Diagnostik der in Frage kommenden Erreger entwickelt.

Dennoch ist dies nach Meinung von Experten nicht genug. So fehlt es nach Angaben der DGKM in den meisten Bundesländern nach wie vor an ausreichenden Medikamentenvorräten sowie rettungsdienstlichen Gerätewagen und Containern für eine effiziente Behandlung vor Ort.

Aufgrund von Finanzierungsstreitigkeiten zwischen Bund und Ländern ist zudem die Einführung eines digitalen Funknetzes wieder in weite Ferne gerückt. "Und last but not least müßte auch die Selbsthilfe der Bevölkerung ihren festen Platz im Katastrophenschutz haben", fordert Katastrophenmediziner Hanno Peter.

Weiterführende Informationen des BBK: www.zivilschutz-online.de

STICHWORT

Katastrophenschutz

Bei den deutschen Hilfsorganisationen sind weit über 400 000 freiwillige Helfer aktiv. Hinzu kommen die Rettungsdienstmitarbeiter der Berufsfeuerwehren. Beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg waren zum 1. Januar 2004 über 16 500 Rettungsfahrzeuge registriert, die durch Transportmittel der Luftrettung ergänzt werden.
(spe)

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