Ärzte Zeitung, 18.01.2005

Der Chirurg führt - der Computer dirigiert

Neues Op-Verfahren / Geräte schalten automatisch ab, wenn der Arzt per Computer festgelegte Op-Bereiche verläßt

BERLIN (dpa). Ein neues Operationsverfahren, das die Vorteile von Arzt und Roboter vereint, ist vor kurzem an der Charité in Berlin vorgestellt worden. Das patentierte System "Navigated Control" erlaubt den Ärzten, die Instrumente bei dem Eingriff zwar direkt mit der Hand zu führen. Fräsen, Bohrer oder Sägen schalten sich aber automatisch ab, falls das Gerät den zuvor via 3-D-Bild festgelegten Eingriffsbereich verläßt.

Mit Hilfe des neuen Navigationsverfahrens "Navigated Control" wird einem Patienten an der Berliner Charité ein Zahnimplantat eingesetzt. Fotos (3): dpa
Beim Eingriff schaltet sich das vom Chirurgen geführte Instrument wie Bohrer, Fräse oder Säge automatisch ab, wenn es nicht exakt dem mit Hilfe der Bilddaten erarbeiteten Op-Plan folgt.
Mit 3-D-Bildern wird der Eingriffsbereich vor der Operation genau festgelegt und kann am Bildschirm kontrolliert werden.

"Es kann also nie in die falsche Richtung oder zu tief gebohrt werden", berichtete Professor Tim Lüth, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, bei der Vorstellung des neuen Verfahrens.

"Navigated Control" sei eine Weiterentwicklung des Berliner Operationsroboters Otto. "Die Idee wurde vor vier Jahren geboren und zusammen mit dem Fraunhofer Institut Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik entwickelt", erläuterte Professor Jürgen Bier.

Denn die Arbeit mit dem alten Operationsroboter Otto habe sich als zu teuer und umständlich erwiesen - unter anderem weil Ärzte erst einmal lernen mußten, den Roboter zu bedienen, und die Patienten unter Narkose aufwendig fixiert werden mußten.

"Das fällt jetzt alles weg. "Navigated Control" ist mit 120 000 Euro um eine Zehnerpotenz billiger als Otto", sagte Bier. Bislang wurden an der Charité mit dem neuen Verfahren sechs Patienten Zahnimplantate eingesetzt.

Der genaue Operationsverlauf wird vor dem Eingriff am Computer genau festgelegt. Als Markierungspunkte dienen dem Patienten individuell angepaßte Beiß-Schienen mit Titanstiften. Wie in einem Koordinatensystem kann sich der Arzt dann während des chirurgischen Eingriffs auf dem Bildschirm daran orientieren. Verläßt er den vorgesehenen Operationskanal, schalten sich die Maschinen ab.

"Der Einsatz im HNO-Bereich und bei Operationen der Wirbelsäule steht als nächstes an", berichtete Bier weiter. Denn auch beim Hüftgelenkersatz hätten Ärzte bislang häufig "blind" fräsen müssen, um das Implantat im Oberschenkelknochen zu verankern. "Jetzt kann auch mit eingeschränktem Blickfeld weitergearbeitet werden, weil "Navigated Control" nur den vorgesehenen Bereich ausfräst."

Außer im Operationssaal, sei das Verfahren aber auch in Industrie oder Modellbau einsetzbar, ergänzte Lüth. "Wenn man ein 3-D-Bild der gewünschten Figur hat, braucht man nur noch das Werkzeug an den Holzblock anzusetzen und die Skulptur entsteht sozusagen von allein."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Neue Arzneien zum Schutz vor Brüchen

Osteoporose wird oft übersehen. Der Welt-Osteoporose Tag rückt die Erkrankung ins Bewusstsein. Zum Schutz vor Frakturen werden derzeit neue Substanzen erprobt. mehr »

Vergangenheit, die nicht vergeht

Ramstein, Eschede, Loveparade in Duisburg: Großunglücke lassen bei Opfern und oft auch bei Einsatzkräften seelische Wunden zurück. Psychotraumatologen können den Betroffenen in der Regel gut helfen. mehr »

Politik hat die Bedeutung der Arzneimittelforschung erkannt

Gute Versorgungsideen sind in der Politik willkommen, stellte Gesundheitsminister Jens Spahn bei der Springer Medizin Gala zum Galenus-von-Pergamon-Preis klar. mehr »