"Hier guckt man Hahnemann über die Schulter"

STUTTGART (dpa). Die Spanischen Fliegen liegen gleich am Eingang. "Da essen Sie zwei davon und sind weg", sagt Professor Robert Jütte und zeigt auf das Aphrodisiakum. Dann öffnet er einen Arztschrank aus den 20er Jahren und hält ein Fläschchen Arsen in die Luft. Auch hier genügt eine Minidosis, um daran zu sterben. Doch die millionenfache Verdünnung der hochgiftigen Substanzen soll Kranke heilen. Dieses Prinzip der Homöopathie wird im Stuttgarter Institut der Geschichte der Medizin nun seit genau einem Vierteljahrhundert erforscht und archiviert.

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Jütte, Leiter des renommierten Instituts der Robert Bosch Stiftung, bekommt strahlende Augen, wenn er durch das homöopathiegeschichtliche Archiv führt. Es wurde am 1. Juli 1980 gegründet und ist weltweit das einzige.

"Ein einmaliger Schatz", entfährt es Jütte immer wieder. Hier liegt der gesamte Nachlaß des Gründers der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755 bis 1843): von dessen erster Hausapotheke aus dem Jahr 1810 über eine seiner goldenen Locken bis zu seinen Rezepturen für die Globuli.

Paganini sucht Hilfe wegen seiner Dauererektion

"Hier lagert die Befindlichkeit der Nation", sagt Jütte und zeigt auf etwa 5500 Patientenbriefe, die die kränkelnden Menschen dem Arzt geschrieben haben. Auch sind viele Krankenakten in den Schränken des Kellers versteckt. "Da guckt man Hahnemann direkt über die Schulter", schwärmt der Medizinhistoriker.

Doch nicht nur Lieschen Müllers Krankenkarriere kann der Besucher nachverfolgen, auch die berühmter Persönlichkeiten - angefangen bei der von Annette von Droste-Hülshoff bis zu der des Geigenvirtuosen Niccolò Paganini. Der suchte Hahnemann um 1837 in Paris auf.

In der Akte liest man dann, daß der Musiker unter anderem an einer Dauererektion litt. Auslöser sei der bloße Anblick einer Frau gewesen. "Dieser hielt ihn während des ganzen Tages in der Erektion fest", heißt es.

Neben Krankenakten mit solch schlüpfrigen Details liegt die Bibel der Homöopathie, Hahnemanns "Organon". Dort verzeichnete der im sächsische Meißen geborene Arzt alle Symptome, die ein Stoff bei gesunden Menschen hervorrufen kann. So soll Zinn beispielsweise über 500 Krankheitssymptome auslösen.

Auf diesen Erkenntnissen basiert bekanntlich Hahnemanns homöopathische Lehre aus dem Jahr 1796: Er glaubte, daß sich eine Krankheit mit einem Wirkstoff bekämpfen läßt, der beim Gesunden Symptome hervorruft, die denen der Krankheit ähneln. Dieses "ähnliche Leiden" soll den Körper zu einem erneuten Angriff auf die Krankheit reizen; der Patient die Krankheit dann aus eigener Kraft überwinden.

"Ähnliches mit Ähnlichem heilen": "Simile-Prinzip" nannte Hahnemann dieses Prinzip. Hinter dem Wort Homöopathie steckt die gleiche Idee: Es stammt aus dem Griechischen: "Homoios Pathos" bedeutet "ähnliches Leiden".

Schwäbischer Arzt brachte den Nachlaß nach Stuttgart

Nach Schwaben kam die Sammlung Hahnemanns, der in Paris starb, erst 1920 durch den Stuttgarter Arzt Richard Haehl. Der konnte die Erben Hahnemanns überzeugen, ihm den Nachlaß abzutreten. In Stuttgart errichtete Haehl ein kleines privates Homoöpathie-Museum, dessen Inhalt er zu Zeiten der Weimarer Republik dem berühmten Firmengründer Robert Bosch überschrieb. "Bosch hatte Zeit seines Lebens ein offenes Ohr für homöopathische Medizin", erklärt Jütte.

Ein offenes Ohr muß auch Jütte für die Strömungen der Medizin haben. Er selbst ist Historiker und findet, "losgelöst vom weißen Kittel" lasse es sich einfacher über Sinn und Unsinn der Homöopathie diskutieren.

Aber auch ganz praktische Dinge weiß Jütte zu vermitteln: "Für die Spanischen Fliegen müssen Sie gar nicht zu Beate Uhse gehen", sagt er und lacht, "man kann auch einfach in der Apotheke ohne roten Kopf ,Canthariden‘ bestellen. Das ist homöopathische Medizin und billiger."

Infos im Internet zum Institut der Geschichte der Medizin in Stuttgart : www.igm-bosch.de

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