Ärzte Zeitung, 23.11.2005

Den über eine Baumwurzel stolpernden König vergißt man bestimmt nie wieder

Beim "Tag des Gehirns" in Berlin lernten die Besucher auf spielerische Art zu lernen

Von Karin Nungeßer

"Krone" - "Bratwurst" - "Schlüpfer": Christian Mesenberg mußte sein Publikum in der Berliner Urania nicht lange bitten. Mit immer neuen Begriffen überschütteten ihn die Schüler auf der Bühne des Humboldtsaals. Doch wie merkt man sich eine solche Liste? "Sie müssen die Fakten in möglichst plastische Bilder und Geschichten kleiden", riet der Gedächtnistrainer seinen Zuhörern. "Je absurder und actionreicher, desto besser funktioniert die Verknüpfung."

Hier konnte man am Bildschirm den eigenen Gehirnaktivitäten zusehen - die Vernetzung macht’s möglich.

So wird aus der Krone, die mit dem Zahlenbild Baum für die Eins verknüpft werden soll, ein über eine Baumwurzel stolpernder König, dessen Kopfschmuck zerbricht, während für die Zwei die heizbare Bratwurst erfunden und mit einem Ein-Aus-Schalter versehen wird. "Wetten, das vergessen Sie nie wieder?"

Fast 900 Schüler waren auf der Eröffnungsveranstaltung

Es herrschte Ausflugsstimmung im Humboldtsaal der Berliner Urania, der schon vormittags bis auf den letzten Platz gefüllt war. Fast 900 Schüler aus den Klassen 10 bis 13 hatten den Weg in die Eröffnungsveranstaltung zum "Tag des Gehirns" gefunden - auch dank des Engagements der Arzneimittel-Hersteller Janssen-Cilag, Lilly, Sanofi-Aventis und Wyeth, die mit ihren Sponsorengeldern dafür gesorgt hatten, daß der Eintritt an diesem Tag für alle Interessierten frei war.

"Drei Tage, nachdem wir die Einladungen an die Schulen rausgeschickt hatten, lagen uns schon über 500 Anmeldungen vor", so Dr. Ulrich Bleyer, Direktor der Urania, der sich - entsprechendes Interesse vorausgesetzt - eine Wiederholung im nächsten Jahr gut vorstellen kann.

Reges Interesse zeigten die Besucher beim "Tag des Gehirns" in der Berliner Urania.

"Lernen zu lernen - worauf es für Schüler, Eltern und Lehrer ankommt" lautete der Titel der Vormittagsveranstaltung. Auf dem Weg in die viel zitierte Wissensgesellschaft ein wichtiges Thema, zumal sich die angehenden Abiturienten aus den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen auch Anregungen zum eigenen Lernen und zur Präsentation von Referaten und Prüfungsvorträgen erhoffen durften.

Wie schnell unser Gehirn Informationen aufnimmt und verarbeitet, verdeutlichte Dr. Michael Gruß vom neurobiologischen Institut der Universität Magdeburg mit einer eindrucksvollen Zahl: 3,3 Millionen eng beschriebene DIN-A-4-Seiten würde füllen, was ein Mensch beim Sehen in einer einzigen Sekunde wahrnimmt.

Wie viel davon langfristig im "Informationsverarbeitungssystem" Gehirn hängen bleibt, wird allerdings entscheidend von der Lernsituation beeinflußt. Am höchsten, so Gruß, sind die Lernerfolge immer dann, wenn hohe Motivation, eine lösbare Anforderung und entsprechende Erfolgserlebnisse zusammenkommen.

Großen Applaus gab’s im Anschluß für den mitreißenden Vortrag von Dr. Ralf Reinhardt, der den Schülern in einer Art "Welturaufführung" vorab Ergebnisse seiner frisch abgeschlossenen Laufstudie referiert hatte. Sein Fazit: Regelmäßiges Jogging steigert nicht nur die körperliche Fitneß und die seelische Ausgeglichenheit, sondern auch die Konzentration, die Merkfähigkeit und das räumliche Gedächtnis."Für mich der interessanteste Vortrag", lobte hinterher Lucian Heinzmann, der zur Zeit am Wilmersdorfer Friedrich-Ebert-Gymnasium die 12. Klasse besucht.

"Wir hätten jetzt lieber noch zwei Vorträge gehört"

Seinem Schulkollegen Stephan Weißenborn hatten es vor allem die Mesenberg’schen Übungen zur Mnemotechnik angetan: "Sehr interessant, sehr gut präsentiert." Und auch Karoline Lehmann, Nora Paschke und Meike Kerl, die gemeinsam den Bio-Leistungskurs an der Charlottenburger Anna-Freud-Oberschule besuchen, waren mit den Veranstaltungen so zufrieden, daß sie die lange Pause zwischen Vor- und Nachmittagsprogramm richtig schade fanden: "Wir hätten jetzt lieber noch zwei Vorträge gehört."

In der Tat füllten sich schon lange, bevor es um 17 Uhr weiterging, die Gänge und Infostände in der Urania wieder mit Interessierten. Wie Heidi Albrecht, 62, wollten viele der Nachmittagsbesucher wissen, was sie selbst tun können - zum Beispiel, um sich gegen Alzheimer oder Depressionen zu schützen.

Primärprävention für seelische Erkrankungen fehlt noch völlig

Psychiatrische Prävention kommt in den ärztlichen Gebührenordnungen nicht vor", kritisierte in seinem Einleitungsvortrag Dr. Norbert Mönter, Vorsitzender des Berliner Vereins der Nervenärzte, der als Mitveranstalter beim "Tag des Gehirns" fungierte. Während Krebsvorsorge und Vorsorgechecks für Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen längst gesetzlich finanziert würden, fehle eine solche Primärprävention für den Bereich der seelischen Erkrankungen bislang noch völlig.

Dabei gibt es, wenn die ersten Symptome rechtzeitig erkannt werden, durchaus gute Möglichkeiten für eine gezielte psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung, wie Dr. Iris Hauth am Beispiel der Psychose und ihr Kollege Dr. Gerd Benesch für die Depression deutlich machten.

Entstigmatisierung der Patienten und Aufklärung für die breite Masse: Auch Heidi Albrecht weiß nun, wie sie sich schützen kann. "Seit dem Tod meiner Mutter hatte ich immer Angst, an Alzheimer zu erkranken", bekennt die Rentnerin. Auf dem "Tag des Gehirns" hat sie erfahren, daß sich das Risiko durch geistige und körperliche Anstrengung um etwa ein Drittel senken läßt. "Ab sofort mach ich wieder Sport", sagt die Charlottenburgerin. Und für das geistige Training gibt’s ja immer noch den Trick mit der Bratwurst.

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