Ärzte Zeitung, 02.05.2006

"Moora": 2700 Jahre alte Moorleiche ist eine Zeitkapsel

Wissenschaftler von fünf Hamburger Uni-Instituten untersuchen die gut erhaltene Moorleiche einer 15jährigen

Von Friedhelm Schachtschneider

Das Mädchen "Moora" wurde nur 15 Jahre alt. Im Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) untersuchen 25 Mitarbeiter in fünf verschiedenen Instituten, wie sie starb, wie sie lebte. Aber keiner der Experten weiß, wie ihre Patientin aussah, denn "Moora" ist schon seit fast 2700 Jahren tot.

Rechtsmediziner Klaus Püschel (von links), der niedersächsische Landesarchäologe Henning Hamann und der Paläonkologe Andreas Bauerochse, schauen sich die Knochen des Mädchens aus dem Uchter Moor an. Fotos: dpa

"Es ist die älteste Moorleiche Niedersachsens", erklärt der Archäologe Henning Haßmann vom Landesamt für Denkmalpflege in Hannover. Mit der "unglaublich gut erhaltenen Leiche" aus dem Uchter Moor bei Nienburg sei eine "Zeitkapsel" ausgegraben worden. Da in der vorrömischen Eisenzeit Feuerbestattungen üblich waren, biete der Fund die Chance zu einem einzigartigen Blick in die Zeit um 650 vor Christus. ",Moora‘ ist wichtig, um diese Zeit zu verstehen."

"Mooras" rekonstruierter Kopf. Es soll versucht werden, dem Mädchen ein Gesicht zu geben.

Als vor Jahren Knochen und eine schmale, verkrampfte Kinderhand beim Torfabbau entdeckt werden, glauben alle an ein Verbrechen. Die Kripo ermittelt. Die Staatsanwaltschaft beauftragt die Hamburger Rechtsmediziner zu untersuchen, ob es sich bei der Toten um eine seit etwa 30 Jahren in der Gegend vermißte 16jährige handelt. Professor Klaus Püschel erlebt nach eigenen Worten einen "echten Reinfall" für sein Institut für Rechtsmedizin am UKE, denn "erst nach fünf Jahren wußten wir, daß bei uns im Leichenkeller ungewöhnliche Gebeine liegen".

Kaum ist klar, was für ein historischer Schatz gefunden worden ist, beginnt vor einigen Monaten die genaue Untersuchung der nach Haßmanns Worten "am besten dokumentierten Moorleiche" Deutschlands. Die Rechtsmediziner im UKE nehmen von dem fast vollständigen Skelett "jeden Knochen einzeln in die Hand".

In der Abteilung für experimentelle Chirurgie werden das Gebiß und der Kiefer besonders untersucht. In der Radiologie wird mit einem Mikrocomputertomogramm jeder Knochen auf Bildern in extrem dünne Scheiben zerlegt. Das Institut für Medizinische Informatik rekonstruiert mit räumlichen Bilddaten aus der Computertomographie den Schädel dreidimensional.

Noch wissen die Wissenschaftler nicht, wie "Moora" zu Tode gekommen ist. Vielleicht hat sich das Mädchen einfach im Moor verirrt, vielleicht wurde sie in einem grausamen Ritus geopfert. Gewaltspuren am Skelett stammen allerdings von einer großen Torfstichmaschine, die die Kochen "wie eine Guillotine" zerschnitten hat, erläutert Haßmann.

Was man bisher schon weiß: "Mooras" Zeit war hart. Weiße Verdichtungslinien auf Röntgenbildern des Schienbeins belegen elf Mangelperioden mit Hunger und Krankheiten im kurzen Leben des Kindes. Nach dem Allgemeinzustand des Skeletts ist "Moora" nur 15 Jahre alt geworden, nach der Entwicklung der Zähne war man bisher von 16 bis 19 Jahren ausgegangen.

Nach der Rekonstruktion des gesamten Skeletts will man "Moora" auch ein Gesicht geben. "Diese Weichteilrekonstruktion wird noch eine ganze Zeit in Anspruch nehmen", sagt Püschel. Das Problem seien die hohen Kosten. "Wir haben keinen Etat für ein derartiges Forschungsobjekt", meint Landesarchäologe Haßmann und bemüht sich weiter um Fördermittel. Er ist sicher: Ein Mädchen mit Gesicht kann "Leute besser ins Museum locken".

Denn nach der Jahre langen Odyssee durch Unikliniken und Forschungsinstitute soll das Mädchen aus dem Uchter Moor vom Sommer 2007 an im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover ausgestellt werden. "Moora" soll dann neben dem "Roten Franz" liegen, einem etwa 1000 Jahre jüngeren Moorleichen-Mann aus dem Emsland. (dpa)

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