Ärzte Zeitung, 02.10.2008

"Man kann Erinnerung nicht auslöschen"

1. Juni 1988: Bei einer Kohlenstaubexplosion in der Schachtanlage Stolzenbach im hessischen Borken werden 51 Bergleute getötet, sechs gerettet. Der heute bundesweit bekannte Traumaexperte Dr. Georg Pieper war einer der ersten Psychologen vor Ort.

Von Gesa Coordes

"Wir mussten Pionierarbeit leisten": Dr. Georg Pieper.

Foto: Waldinger

Sechs Bergleute überlebten das Unglück in 150 Meter Tiefe in einer Luftblase. Sie wurden über ein gebohrtes Entlüftungsrohr 65 Stunden nach dem Unglück geortet und am 4. Juni gerettet. Doch die Geretteten quälten sich mit Schuldgefühlen, hatten große Angst, auf die Witwen ihrer toten Kollegen zu treffen, oder wieder in den Berg einzufahren. "Sie kamen zunächst überhaupt nicht zurecht", erinnert sich Dr. Georg Pieper.

20 Jahre nach dem Grubenunglück von Borken und zehn Jahre nach der ICE-Katastrophe von Eschede ist er einer der bekanntesten Trauma-Experten Deutschlands.

80 Kinder hatten ihre Väter verloren

Damals gehörte Pieper zu den ersten Psychologen, die zu Hilfe gerufen wurde. Er hatte Erfahrung mit sterbenden Kindern und ihren Angehörigen. Und in Borken hatten 80 Kinder ihre Väter verloren.

Die Welt der Bergleute sprach Pieper an - sein Großvater war selbst Steiger gewesen. Der damals 35-Jährige wechselte von der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Energieversorger Preussen-Elektra, um die Hinterbliebenen zu betreuen. Er blieb fünf Jahre. Und er traf offenbar den richtigen Ton: "Mit dem Pieper kann man reden, obwohl er Psychologe ist", sagten die Borkener über ihn. Allerdings war Trauma-Therapie damals in Deutschland noch so gut wie unbekannt. "Wir mussten Pionierarbeit leisten", erinnert er sich.

Mit Hilfe der Werksfürsorgerinnen stellte er Kontakte zu den Angehörigen her. Es richtete Gruppen für Witwen, Eltern, Gerettete und Helfer ein. Nur die Kinder musste er anders zum Reden bringen. Zu seinen wichtigsten therapeutischen Mitteln zählte das Kickern - das Tischfußball-Gerät steht bis heute in seiner Praxis in Friebertshausen bei Marburg -, Fußballspielen und Malen.

Und beim Anstoß zum Elfmeter fragten die Jungen dann plötzlich, wie denn der Papa gestorben sei. Später wollten sie sehen, wo ihre Väter gearbeitet haben. Besonders schwer war die Situation für Eltern, die ihre Kinder verloren hatten. So war ein Abiturient gestorben, der am Tag der Katastrophe zum ersten Mal in die Grube fuhr. Aber auch die Mitglieder der Grubenwehr, die Tote und Leichenteile bergen mussten, brauchten Unterstützung.

Piepers wichtigste Botschaft: "Es gibt keinen Weg des Vergessens. Man kann die Erinnerung nicht auslöschen." Das Leid müsse in seine Einzelteile zerlegt genau betrachtet werden. Sich mit den Zerstörungen bis in die Details hinein zu konfrontieren, mache die Menschen jedoch stärker. Damit kämen die Betroffenen aus der Rolle des passiven Opfers heraus in die Rolle des aktiven Überlebenden. Seit Borken wird Pieper bei fast allen Unglücken in Deutschland als Berater hinzugezogen. Er half bei der Flugzeugexplosion von Ramstein, beim Tanklastunglück in Herborn sowie den Geiseln, die drei Jahre lang im Libanon in Dunkelhaft gehalten wurden.

Dramen von Menschenhand sind am schlimmsten

In seine Praxis im idyllischen Friebertshausen bei Marburg kommen Opfer von Vergewaltigungen, Unfällen und Überfällen zu Blocktherapien. Vor kurzem reiste er nach Griechenland, um Helfer aus dem Brandkatastrophengebiet von 2007 zu schulen.

Nach seinen Beobachtungen rufen Naturkatastrophen die wenigsten Traumastörungen hervor. Am schlimmsten zu verkraften seien von Menschenhand hervorgerufenen Dramen. So holte ihn 1999 das sächsische Kultusministerium an das Meißener Gymnasium, an dem ein 15-jähriger Schüler seine Lehrerin mit 21 Messerstichen vor den Augen der Klasse ermordet hatte. Zurück blieben traumatisierte Schüler und Kollegen. Drei Jahre später half er am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, wo ein 19-Jähriger zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin, einen Polizisten und sich selbst erschoss. Pieper organisierte die psychologische Nachsorge für Schüler und Lehrer. Bis zu 60 Prozent der Jugendlichen waren schwer traumatisiert. Sie litten unter Alpträumen, Panikattacken und Flash-Backs, einem plötzlichen Wiedererleben der Szenen.

Wie er selbst mit dem Grauen klarkommt? "Ich habe die Gnade der rheinischen Geburt", sagt der 55-Jährige. Sport, Meditation und Karneval gehören für den vierfachen Vater zum Leben. Seinen Kollegen möchte er die Angst vor der Traumatherapie nehmen. Die beste Form der Psychohygiene sei eine gute fachliche Fortbildung. Belastend sei der Umgang mit Katastrophenopfern vor allem dann, wenn man selbst hilflos sei.

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