Ärzte Zeitung, 16.06.2009

Für den Bankster kann man sich nur fremdschämen

Neu aufgelegtes Szene-Wörterbuch hilft altmodischen Menschen, mit den aktuellen Entwicklungen der deutschen Sprache klarzukommen

HAMBURG/MANNHEIM(dpa). Von A wie "Achselterror" (Schweiß unterm Arm) bis Z wie "Z-Promi" (fast unbekanntes Sternchen): Mehr als 1200 angesagte Ausdrücke dieser Art sind in den vergangenen Wochen auf einer eigens eingerichteten Internetseite, einem sogenannten Wiki, eingetragen worden.

"BTW" (By the way, also übrigens - ein "Übrigens", das beiläufig tut, aber wichtig ist): Die Duden-Redaktion und das Hamburger Trendbüro haben daraus jetzt Begriffe für ihr "Neues Wörterbuch der Szenesprachen" ausgesucht. Ab Herbst können Leser damit ihren "Denkmuskel" (das Gehirn) "beschlauen". Im Jahr 2000 gab es einen ersten Szenesprachen-Duden. Das ist also schon ewig her, wenn man in Kategorien von "In" und "Out" denkt und ein echtes "Modeopfer" (fast krankhaft trendy) ist. Eine Neuausgabe ist überfällig. Seit der Jahrtausendwende hat sich schließlich viel getan.

Unter den Vorschlägen für die 2009er-Ausgabe finden sich Wörter, die vor neun Jahren noch gar nicht möglich waren. Beispiele: "Blogorhö" (unkontrollierte, durchfallartige Geschwätzigkeit im Internet - wie Diarrhö; neuerdings auch: "Twitterhö") oder aber "Castingopfer" (Menschen, die zum "Fremdschämen" schlecht singen und sich trotzdem bei TV-Castingshows wie "Deutschland sucht den Superstar" bewerben und blamieren).

Auch ohne Zusatz hat das Wort "Opfer" in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht. Teenager-Dialog in der Straßenbahn einer deutschen Großstadt: "Gehst Du heute Training?" - "Nein, ich schaff's nicht." - "Du bist ja opfer." Das Wort bedeutet so viel wie "mies" oder "extrem schlecht". Es wird also nicht mehr nur als Substantiv, sondern auch als Adjektiv verwendet.

Wer Szene- Sprache nicht versteht wird schnell zum "Vollhorst".

"In unserem Buch geht es nicht nur um Jugendsprache. Wir wollen Wortschöpfungen aus vielen verschiedenen Bereichen und Communitys abbilden", betont der Soziologe und Redaktionsleiter beim Trendbüro, Dirk Bathen. In den vergangenen Jahren seien vor allem viele technische Begriffe neu entstanden: Beispielsweise "Youtuben", "Twittern" oder "Egogoogeln" (selbstvergewissernde Suche nach sich selbst im Internet).

Außerdem im Trend: sogenannte Kofferwörter, zusammengezogene Begriffe wie etwa "Smirting" (das Flirten unter Rauchern - seit "Smoker" wegen der strengeren Gesetze ins Freie müssen) oder "smexy" (gemorphed aus "smart" (schlau) und "sexy") oder aber "Bankster" (Mischung aus Banker und Gangster - im Zuge der Finanzkrise ein Wort für Banker, die moralisch schlecht handeln).

Nicht ins Buch, sondern nur auf die Homepage geschafft hat es hingegen "Bionade-Biedermeier" - ein Begriff dafür, dass Szene- Viertel wie Berlin-Prenzlauer Berg oder Hamburgs Schanzenviertel zunehmend kommerzialisiert werden und verspießern, wie die Wochenzeitung "Die Zeit" einst eindrucksvoll beschrieb. An all diesen Wörtern merkt man, wie schnelllebig die Zeit und wie alt man selbst ist. Kommt man mit? Versteht man die Gedanken hinter den Begriffen? Oder ist man sprachlich ein "Vollhorst" (Idiot)?

"Overchicked" zum Beispiel ist ein unattraktiver Mann ("Hässlo") mit einer hübschen Freundin. "Augenkrebs" bekommt man, wenn man hässliche Sachen und Klamotten sieht. Die "Biobreak" ist ein neues Wort für Pinkelpause, "random" ist hingegen alles, was beliebig ist. Neuere Umschreibungen fürs Tanzen sind "bouncen" (hüpfen) und "abspacken" (ungelenk bewegen). Am Schreibtisch nebenbei zu essen, statt in Ruhe etwas zu speisen, heißt "Deskfood". Und der Zustand, wenn man "schmacko" (lecker) zu Mittag essen war und dann müde im Meeting sitzt, ist das "Suppenkoma".

"Das zentrale Kriterium war, dass die etwa 700 bis 1000 Wörter, die wir ins Buch aufnehmen, einerseits tatsächlich verbreitet sind, andererseits aber noch nicht in traditionellen Wörterbüchern verzeichnet sind", sagt Dr. Matthias Wermke, der Leiter der Duden- Redaktion.

www.szenesprachenwiki.de

"Szene" im Deutschen

Das Wort "Szene" jenseits von Theater (Auftritt als Unterabteilung des Aktes) oder Streit ("Mach mir keine Szene!") zu benutzen, ist eigentlich "total 1977". Damals nämlich war der Begriff das "Wort des Jahres", das die Gesellschaft für deutsche Sprache erstmals kürte. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Begriff eine steile Karriere gemacht und ist in Wörtern wie Szenekneipe, Szenegänger oder Szenemagazin aufgetaucht. Laut Duden ist die "Szene" ein "charakteristischer Bereich für bestimmte Aktivitäten".

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