Ärzte Zeitung, 28.05.2010

Verborgene Kunst im Licht der Öffentlichkeit

Viele Künstler mit Autismus arbeiten im Stillen und oft ohne Publikum. Das ändert nun eine Werkschau in Kassel, die bisher unbekannte Kunstschätze ausstellt.

Von Martin Wortmann

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Adolf Beutler hat sich bereits einen Ruf in der Kunstszene erworben. In Kassel zeigt er die stadtartige Installation "Objekte". © akku

KASSEL. Eine Unmenge von Bildern. Volker Elsen, Gründer und Chef einer Werbeagentur in Paderborn, war über Jahre beeindruckt und fasziniert von dem, was sein autistischer Bruder Matthias schuf. "Es gibt da Schätze, die man heben kann", war sein Gedanke. Nach mehrjährigem Vorlauf und harter Arbeit werden sie nun in Kassel gehoben. "Wir haben sonst mit dem pathologischen Phänomen zu tun und wollten hier mal die Stärken zeigen", unterstreicht der Initiator der Ausstellung. Anlass für den Termin gibt das 40-jährige Bestehen des Bundesverbandes Autismus Deutschland e.V. in Hamburg.

"Ich sehe was, was du nicht siehst" - der Titel passt zu jeder Ausstellung, in der bildende Kunst ihre Betrachter zu neuen Sichtweisen einlädt. Doch hier trifft er doppelt: Die autistischen Künstler werden nicht als malende Behinderte, sondern als Künstler präsentiert. Eindrucksvoll gelingt dies in Foto-Portraits von 65 der Künstler. Da sind keine glücklich lachenden Behinderten zu sehen und auch keine Behinderten im sozialen Elend. Weit ab von allen Klischees haben Portraitfotografen wie Alexander Gehring und Herlinde Koelbl eindrucksvolle Studien eindrucksvoller Persönlichkeiten geschaffen - mal in ihren Wohnungen, mal beim künstlerischen Schaffen, mal mit intensivem, direktem Blick ins Gesicht.

Eine fünfköpfige Jury hat die portraitierten 65 Künstler nach fachlichen Kriterien für die "Kunsträume" ausgewählt, die den Schwerpunkt der Kasseler Ausstellung ausmachen. 123 Weitere werden in der "Talentwerkstatt" präsentiert. Jan Hoet, Leiter der documenta 9 im Jahr 1992 und Großvater eines autistischen Enkels, steht mit seinem Namen als "Botschafter" für die Qualität des Projekts. Auch der Veranstaltungsort documenta-Halle unterstreicht, dass es hier nicht um eine Wohltätigkeitsveranstaltung geht. Mehrere Hundert Kunstwerke wurden so aus Wohnungen, Werkstätten und Ateliers in die Öffentlichkeit geholt.

Uwe Breckner, Atelier 23 in Gießen, beschäftigt sich leidenschaftlich mit den Fahrgeschäften der Volksfeste. Dutzende Boxerautos aus bemalter Pappe verlocken in Kassel zu ganz privaten Assoziationen. Ob er die auf drei Vitrinen verteilte Präsentation in Kassels documenta-Halle selbst für Kunst hält? "Ihm geht es ums Machen und Haben", meint Katharina Dietz von Autismus Deutschland.

Im Kunstatelier der Hamburger Elbe-Werkstätten arbeitet Ulrike Schönau. "Eigentlich kommt sie dort hin, um zu sprechen", erzählt Dietz. Dabei entstehen ihre Bilder. Wie ein kräftig farbiger Teppich wirkt das Bild, das sie in der Ausstellung zeigt.

Mit 75 Jahren ist Adolf Beutler der älteste unter den in Kassel präsentierten Künstlern. In der Berliner Mosaikwerkstatt arbeitete er in der Holzwerkstatt, ehe er zögernd seinen ganz eigenen Stil in der Kunstwerkstatt fand. Mit ungewöhnlichen Bildern und städtisch anmutenden Installationen mit webartig farbigen Linien hat er sich inzwischen einen eigenen Ruf als Künstler erworben.

Konrad H. Giebeler komponiert seine Bilder aus kleinen geometrischen Formen. Sie entstehen auf Reisen, die Originale gibt er selbst an Käufer nicht heraus. In Kassel hängen nur Reproduktionen. Auch für die Ausstellung ließ der in Bethel lebende Künstler den großen Schritt seiner Originale in die Öffentlichkeit nicht zu.

Das Festhalten gehört oft zum Autismus dazu. Den meisten Künstler reicht die Gewissheit aus, dass sie ihre Werke ohne Schaden zurück bekommen. "Es gibt Künstler, die in ihrer Kunst aufgehen und dann auch die Öffentlichkeit lieben", erzählt Dietz. "Anderen ist das Werk selbst schon egal, sobald es fertig ist."

Stefanie Bubert lebt in einer Wohngruppe und arbeitet im "Schlumper", einem traditionsreichen Hamburger Atelier für behinderte Menschen. Mit Worten spricht sie nicht, wohl aber mit dicken, plakativen Pinselstrichen, die zum Lebendigsten der ganzen Ausstellung gehören.

Auch in der Talentwerkstatt wird jeder Besucher seine ganz persönlichen Schätze entdecken. 123 Künstlerinnen und Künstler repräsentieren die ganze Breite von Hobby- und Bastelarbeiten bis hin zu Werken, die man sich ebenso in den "Kunsträumen" hätte vorstellen können. Thematisch ist ein Raum den "Superwelten" gewidmet, Katastrophen, Helden und Monstern - einem Thema, mit dem sich viele der Künstler beschäftigt haben. Mit der Talentwerkstatt geht das Konzept der Ausstellungsmacher, eine Werkschau mit hohem künstlerischem Anspruch zu zeigen und doch keines der eingesandten Exponate auszuschließen, hervorragend auf.

Ausstellung und Begleitprogramm noch bis zum 20. Juni in Kassel. www.ichsehewas.de

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