Ärzte Zeitung, 23.09.2010

Als Arbeitsschutz noch ein Fremdwort war

Zu Beginn der Industrialisierung interessierte sich keiner für die Sicherheit in Fabriken. Seit 125 Jahren schützt die Unfallversicherung Arbeiter vor Lohnausfall bei Krankheit.

zur Großdarstellung klicken

Hält das Material der Atemschutzmaske den Flammen stand? Eine der vielen Prüfungen im Institut für Arbeitsschutz der Unfallversicherung.

© DGUV

Beginn des 19. Jahrhunderts: Rasant verändert die Industrialisierung das ehemals landwirtschaftlich geprägte Deutschland. Fabriken schießen förmlich aus dem Boden. Einerseits bieten sie neue Arbeitsplätze - gleichzeitig verändern sie aber auch die bestehende Sozialordnung: Immer mehr Menschen verdingen sich als Fabrik-Arbeiter. Dort haben sie zunächst kaum Rechte: Die Löhne sind niedrig, die Arbeitszeiten lang, die Bedingungen katastrophal.

In Folge dieser schlechten, ungesicherten Arbeitsbedingungen erreicht die Zahl der Arbeitsunfälle schwindelerregende Höhen. Die wenigen "Fabrikinspektoren" - Vorgänger der Gewerbeaufsicht - , die es seit 1854 gibt, können den Mängeln kaum Einhalt gebieten.

Erleidet ein Arbeiter einen Unfall, hat er keinerlei Absicherung: Auf ihn warten oft nur noch Kündigung und Armut. Auch das 1871 erlassene Haftpflichtgesetz für Unternehmer ändert daran wenig.

zur Großdarstellung klicken

Sicherheit im Bergbau: Im 19. Jahrhundert ein Fremdwort.

Die Lebensbedingungen einer rasch wachsenden Arbeiterschaft werden zur beherrschenden sozialen Frage der Zeit. Reichskanzler Otto von Bismarck ist sich des Handlungsbedarfs wohl bewusst, er favorisierte eine öffentlich-rechtliche Unfallversicherung, die den Betroffenen unabhängig von der Verschuldensfrage entschädigt.

Bismarck erhofft sich davon politischen Gewinn, "gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" sucht er nach einem Mittel, die soziale Frage zu entspannen. In nur sechs Jahren, von 1883 bis 1889 legt der Reichstag mit drei neuen Gesetzen den Grundstein für die moderne Sozialversicherung: die Kranken-, die Unfall- und die Rentenversicherung.

Die Unfallversicherung hat die großen Zeiten der Geschichte zwischen Weimarer Republik, Drittes Reich und auch in Ansätzen in der DDR überlebt. 1971 wurde in West-Deutschland zusätzlich eine Schülerunfallversicherung eingeführt. Seither genießen auch alle Schüler, Studenten, Hort- und Kindergartenkinder Versicherungsschutz bei Unfällen, die ihnen in ihrer Bildungsstätte oder auf dem Weg dorthin zustoßen.

Im Übrigen sind bei den Unfallkassen viele im öffentlichen Interesse selbstlos tätige Personen versichert, zum Beispiel Lebensretter und - unter bestimmten Voraussetzungen - auch ehrenamtlich Tätige. Nach der Wiedervereinigung wird 1996 der Präventionsauftrag der Unfallversicherung noch einmal erweitert. Er umfasst jetzt zusätzlich zu der Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten auch die Abwehr arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren - wie Rückenleiden oder psychische Belastungen. Heute führt das Institut für Arbeitsschutz zusätzlich auch Prüfungen von Arbeitsmaterialen durch. (eb)

Topics
Schlagworte
Panorama (30881)
Krankheiten
Kontrazeption (1008)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »