Ärzte Zeitung, 13.05.2011

Legende des "guten Menschen von Auschwitz"

Über 50 Jahre hat der KZ-Arzt Dr. Hans Münch über seine Menschenversuche geschwiegen. 1998 entlarvte er sich selbst in einem Interview. Vor 100 Jahren wurde er geboren.

Von Pete Smith

Legende des "guten Menschen von Auschwitz"

Der Arzt Dr. Hans Wilhelm Münch nach seiner Verhaftung.

© Fritz Bauer Institut

"Der Angeklagte Hans Münch war den Häftlingen gegenüber wohlwollend eingestellt, hat ihnen geholfen und sich selbst dadurch gefährdet." So urteilte am 16. Dezember 1947 das Oberste Volkstribunal in Krakau über Dr. Hans Wilhelm Münch und sprach den KZ-Arzt als einzigen von 40 Angeklagten frei.

Das Urteil begründete einen Mythos, dass man als Arzt in Auschwitz sehr wohl ein guter Mensch hatte sein können. 50 Jahre später gab derselbe Arzt einem Journalisten ein Interview, in dem er erklärte, selektiert zu haben. Sein Fazit: "Ja, natürlich bin ich ein Täter. Ich habe viele Leute gerettet. Dadurch, dass ich ein paar umgebracht habe."

Legendenbildung durch eisernes Schweigen

Hans Münch wurde vor hundert Jahren am 14. Mai 1911 in Freiburg im Breisgau geboren. An den Universitäten Tübingen und München hat er Medizin studiert und 1939 promoviert. 1937 trat er der NSDAP, 1943 der Waffen-SS bei und wurde noch im selben Jahr an das Hygiene-Institut der Waffen-SS Rajsko versetzt, ein Außenlager des Konzentrationslagers Auschwitz, wo man Münch zum Stellvertretenden Leiter bestimmte.

Was er während seiner 19 Monate dauernden Dienstzeit in Auschwitz tatsächlich tat und nicht tat, ließ Münch 50 Jahre im Dunkeln. Nach der Auflösung des Konzentrationslagers Auschwitz versah er zunächst drei Monate Dienst im KZ Dachau, bevor er von den Amerikanern interniert und 1946 an Polen ausgeliefert wurde.

Im Krakauer Prozess sagten mehrere Zeugen, darunter jüdische Ärzte, zugunsten von Münch aus. Ihnen gegenüber habe er sich menschlich verhalten, er habe ihnen Medikamente besorgt, einem sogar das Leben gerettet. Das Gericht beschied, Münch habe zwar am Hygiene-Institut Experimente vorgenommen, aber nur zum Wohle seiner Schützlinge, zu denen sowohl die SS-Leute als auch die Häftlinge gehörten.

Fortan galt Münch als der "gute Mensch von Auschwitz", er wurde als Sachverständiger gehört (etwa 1964 beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main), zu Gedenkveranstaltungen eingeladen und konnte seiner Tätigkeit als praktischer Arzt (mit Kassenzulassung) in eigener Praxis in Roßhaupten bei Füssen nachgehen.

Am 28. September 1998 erscheint im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ein Artikel über den letzten noch lebenden KZ-Arzt von Auschwitz, der die Legende des "guten Menschen" zum Einsturz bringt. Der Journalist Bruno Schirra, selbst jüdischen Glaubens, hatte den 87-Jährigen im Allgäu mehrfach besucht und Münchs Auschwitz-Erinnerungen - mit dessen Einverständnis - auf Tonband protokolliert.

"Ich bin ein human eingestufter, nicht verurteilter Kriegsverbrecher", stellt Münch am Anfang des Interviews klar und spricht sodann von den Möglichkeiten, die er als Arzt in Auschwitz hatte: "Ich konnte an Menschen Versuche machen, die sonst nur an Kaninchen möglich sind. Das war wichtige Arbeit für die Wissenschaft."

Nach dem Interview ermittelte der Staatsanwalt

Beispielsweise habe er Menschen Eiter injiziert, um den Zusammenhang zwischen vereiterten Zahnwurzeln und Rheumatismus zu untersuchen, oder Häftlinge mit dem Malaria-Erreger infiziert, um festzustellen, ob sie dagegen immun sind oder nicht. Josef Mengele sei ein guter Freund von ihm gewesen, der die ihm anvertrauten Kinder "optimal behandelt" habe und ihm, Münch, unter allen Kollegen "absolut in jeder Weise der Sympathischste" gewesen sei.

Schließlich lässt Münch auch den letzten Schleier fallen. Wie das war mit den Selektionen im Krankenbau? "Man ist da durchgelaufen, und dann hab ich gesagt, der und der und der. Die wurden dann am Montag auf den Lastwagen getrieben und abgefahren." In die Gaskammer.

Und: "Selektionen habe ich nur freiwillig gemacht, eben in solchen Fällen, wo ich engagiert war und wo ich Leuten einen Gefallen tun konnte, dass ich ihnen eine Spritze geben konnte, dass sie nicht die nächsten 14 Tage überleben müssen."

Aufgrund des Interviews leitete das bayrische Justizministerium 1998 ein Ermittlungsverfahren gegen Münch ein, das jedoch im Januar 2000 wegen "fortgeschrittener Demenz" eingestellt wurde. Ein Jahr später starb der "gute Mensch von Auschwitz" in Roßhaupten am Forggensee.

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