Ärzte Zeitung, 20.02.2012

Berufsmusiker will jetzt doch Arzt sein

Carsten Petermann schloss sein Medizinstudium ab, wurde dann Berufsmusiker, musste die Karriere aber aufgeben. Jetzt ist er 50 und will wieder Arzt werden.

Von Christian Beneker

Berufsmusiker will jetzt doch Arzt werden

Ungewöhnlicher Berufsweg: Carsten Petermann, Musiker und Arzt.

© cben

BREMEN. Etwas stimmte mit seiner Hand nicht: Carsten Petermann, Assistent in der psychiatrischen Station im Diakoniekrankenhaus Rotenburg, greift zum Instrument und Joaquin Malats "Serenata Espanola" klingt durch den Raum.

Petermann, der Mediziner, ist einer der wenigen Gitarristen, der es jahrzehntelang erfolgreich auf die europäischen Kammermusikbühnen geschafft hat.

Zusammen mit dem Geiger Adam Kostecki, Professor an der Musikhochschule Hannover, musizierte er 23 Jahre lang im "Paganini Duo" in ganz Deutschland, in Tel Aviv, Paris, Istanbul oder Luxemburg. Petermann gerät ins Schwärmen, wenn er davon erzählt.

Aber dann, Ende 2006, bekam er ein gravierendes Problem.

Diagnose: Musikerkrampf

Der Mittelfinger der rechten Hand funktionierte nicht so, wie er sollte. Um eine Winzigkeit versagte er dem Musiker den Gehorsam. Professor Eckart Altenmüller, Neurologe und Musikermediziner in Hannover, diagnostizierte Fokale Dystonie, vulgo: Musikerkrampf. Indessen merkt der Laie dem Spiel Petermanns keine Schwächen an.

Aber er selbst sagt: Auf dem Niveau, auf dem wir musizierten, konnte ich so nicht weiter machen. Zur Therapie lernte er Blindenschrift, um die Finger zu sensibilisieren, nahm ein Medikament, um die Spannung im Muskel in den Griff zu bekommen und ließ sich schließlich Botox spritzen.

"Wenn diese Spritzen saßen, konnte ich nach einiger Zeit annähernd normal spielen", sagt Petermann. Aber verlassen konnte er sich nicht darauf, im Januar 2007 sagte er erstmals in seiner Karriere ein Konzert ab. Was jetzt?

Eine schwierige Berufsentscheidung

Während des Medizinstudiums hat Petermann konzertiert und spürte am Ende die Crux der Doppelbegabung: Klinik oder Konzertsaal? Er entschied sich für die Musik. Nach dem Medizinstudium legte er sein Konzertexamen in Luzern ab und die Medizin ad acta - bis 2006 der Finger streikte.

"Da haben Freunde mir geraten: Werde doch wieder Arzt! Da wäre ich selber gar nicht drauf gekommen." Hätte er sofort nach dem Studium begonnen, hätte er noch Arzt im Praktikum werden müssen. "Das habe ich jetzt sozusagen ausgesessen", lacht er. Der Gitarrist wagt den Neuanfang.

Petermann ist 50 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. In seinem Wohnzimmer stapelt sich zwischen Klavier, Gitarre, Notenständern und Regalen am Boden und auf dem Sofa medizinische Fachliteratur. Petermann hat zu tun.

"Ich lese jetzt wieder viele Fachbücher." Natürlich hatte er sich gefragt: "Ich als quasi Seniorassistent zwischen all den jungen Leuten? Und dazu arbeiten in den rigiden Hierarchien der Kliniken? Muss ich mir das antun?"

Aber in den vergangenen Jahren hat sich bei der Arbeitsatmosphäre in den Krankenhäusern viel getan, berichtet Petermann: "Nach meiner Erfahrung sind die Kolleginnen und Kollegen sehr unterstützend."

Mit der Chirurgie kann er sich nicht anfreunden

Bei dem Ärztemangel in den Krankenhäusern versteht es sich von selber, dass er mit offenen Armen aufgenommen wurde. Für seinen Neuansatz im Arztkittel absolvierte er Praktika in der Inneren, in der Chirurgie und nahm Ende 2007 eine Teilzeit-Vertretungsstelle in der Rehaklinik Gyhum an, dann in der Chirurgie im Krankenhaus Zeven.

"Aber die Chirurgie war nicht meine Sache. Ich konnte mir auch Allgemeinmedizin vorstellen oder Neurologie mit Schwerpunkt Musikermedizin", sagt er. Um seinen Facharzt Neurologie zu machen, muss er ein Jahr in der Psychiatrie absolvieren.

In der Psychiatrie des Diakonie-Krankenhauses in Rotenburg/Wümme fand Petermann schließlich genau das, was er gesucht hatte: "Ich bin begeistert, wie man mich hier aufgenommen hat. Bei Problemen jeder Art stehen die Oberärzte auf der Matte und unterstützen, und ich brauche keine Apparate- oder Fünf-Minuten-Medizin zu machen."

Geht alles gut, dann hat Petermann im Spätsommer 2014 seinen Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie. Nun kann er allein den Ärztemangel nicht beheben. Allein in der Psychiatrie in Rotenburg fehlen derzeit zwei bis drei Kolleginnen und Kollegen. Aber dafür kann er die besonderen Gaben des Musikers bei seinen psychisch kranken Patienten einbringen: Als Musiker kann er gut hinhören.

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