Frauenärztin und Aufklärerin auf Instagram
Dr. Annika Schauer: Gynfluencerin und Wies’n-Kellnerin
Frauenärztin Dr. Annika Schauer klärt bei Instagram auf – fundiert und mit Unterhaltungswert. Nebenher jobbt sie auch noch als Wies‘n-Kellnerin.
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Wieso wurde die Frauenärztin zur „Gynfluencerin“? Dr. Annika Schauer sagt, sie habe in der Praxis gemerkt, dass gerade junge Patientinnen viel falsches Wissen über ominöse Quellen einsammelten – und an Mythen glaubten, die sich medial hartnäckig hielten.
© privat
Starnberg. 2025 – das sei das Jahr gewesen, als sie als Gynfluencerin den Cringe Mountain erklommen habe, erzählt Dr. Annika Schauer in ihrem Instagram-Jahresrückblick. Cringe Mountain?
Die Münchner „Frauenärztin aus Leidenschaft“ erklärt: „Das beschreibt perfekt das Gefühl, wenn Du jeden Tag auf Social Media etwa posten willst, aber innerlich denkst: Oh Gott, was denken die Leute? Ist das peinlich? Interessiert das jemanden?“
Anscheinend schon. Als sie im November ihren Instagram-Kanal startete, setzte sie sich zehntausend Follower(innen) innerhalb eines Jahres als Ziel. Es wurden weit mehr als viermal so viele.
Ärztin will Follower fundiert aufklären
„Auf meinem Kanal findest du evidenzbasierte, leitliniengerechte und fundierte Aufklärung – aber bitte nicht so trocken“, beschreibt die 34-Jährige mit dem breiten Lachen und den blaublitzenden Augen ihre Motivation. Sie vermittelt ihr Expertinnenwissen, gibt Einblicke in den Praxisalltag und platziert die ein oder andere gesundheitspolitische Botschaft.
Dr. Annika Schauer
- 34 Jahre, Mutter einer Tocher
- Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe
- DGUM-Zertifizierung der Pränataldiagnostik
- seit 2025 Gynfluencerin #dr.annika.schauer
- seit 2021 angestellte Frauenärztin, aktuell in der Praxis Dr. Drexler in Starnberg
- 2017 - 2021 Assistenzärztin in der München Klinik Neuperlach und im RoMed Klinikum Rosenheim
- 2014 - 2018 Dissertation am Brustzentrum des Klinikums der Universität München
- 2010 - 2017 Studium der Humanmedizin an der LMU und TU München, Famulaturen in Berlin, Nepal und Ägypten, PJ in München, Agatharied und Sri Lanka
Hierarchien in deutschen Krankenhäusern erklärt die Frauenärztin etwa anhand der Comedy-Serie „Doctor‘s Diary“ – und macht im gleichen Atemzug darauf aufmerksam, dass in Deutschland immer noch weniger als zehn Prozent der Chefärzte Frauen sind.
Mal geht es in Videos um Hautpflege in der Schwangerschaft, mal um die Pille für den Mann oder auch um die Behandlung der Hauterkrankung Lichen sclerosus. Was als Hobby begann, ist zum kleinen zweiten Standbein geworden. Eigentlich aber arbeitet die Mutter einer Tochter in einer Frauenarztpraxis mit Pränataldiagnostik in Starnberg.
Mit zehn Maß durchs Bierzelt

Dr. Annika Schauer
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Dessen nicht genug, schlüpft sie alljährlich – und das schon seit dem 18. Lebensjahr – in eine weitere Rolle und findet als Wies`n-Kellnerin beim Münchner Oktoberfest den bodenständigen Ausgleich zum Praxisalltag. Sie liebe das Gemeinschaftsgefühl, es gebe keine Statusunterschiede, jeder sei gleich.
„Das hat mich unfassbar viel Sozialkompetenz sowie Feingefühl im Umgang mit Menschen gelehrt und hilft mir jeden Tag bei der Arbeit.“ Nur einmal traf sie kellnernd auf eine Patientin, die sie als ihre Gynäkologin erkannte. Ein bisschen peinlich und auch wieder lustig sei‘s gewesen.
„Ja, es sind zehn Maß“, ist bei Instagram zu lesen und zeigt Dr. Annika Schauer kellernd und im Dirndl.
Nase voll von Nachtdiensten
Doch warum entschied sich die Münchnerin überhaupt für den Ärztinnenberuf? „Klassisches Helfersyndrom“, sagt Schauer, eine sinnstiftende Arbeit sei ihr wichtig. Zwischen der Gynäkologie und ihr sei es dann Liebe auf den ersten Blick gewesen, „weil man mehr mit dem Leben als mit dem Tod zu tun“ habe.
Nach dem Studium arbeitete die junge Frau fast vier Jahre in zwei Kliniken, mit Blick auf Nachtdienste und fehlende Möglichkeiten zur Arbeitszeitreduktion aber beschloss sie: „Meine Zeit ist mir zu kostbar, um sie ausschließlich der Arbeit zu widmen.“
Mindestens ebenso wertvoll: Zeit mit der Familie, in den Bergen, auf einem Pferd oder einer Yogamatte. Seither arbeitet sie in Anstellung in einer Frauenarzt-Praxis.
Angebot gegen Schwurbelei im Netz
Doch wie wird man als Frauenärztin zur „Gynfluencerin“? Sie habe in der Praxis gemerkt, dass gerade junge Patientinnen viel falsches Wissen über ominöse Quellen einsammelten und an Mythen glaubten, die sich medial hartnäckig hielten.
„Es existiert ein Vakuum, weil es unter Frauenärzten kaum Influencer gibt. Das nutzen Schwurbler aus, um Unsinn zu verbreiten“, beobachtete Dr. Annika Schauer.
Ihr selbst sei einzig Konstantin Wagner (#gynaeko.logisch) als Gynäkologe mit seriösem Instagram-Angebot bekannt gewesen. Was der jungen Medizinerinnen fehlte, war die weibliche Perspektive.
Gleichzeitig liebt die Münchnerin Abwechslung und suchte nach einer Zusatzaufgabe zum Praxisalltag. Dass sie diese als „Gynfluencerin“ fand, ist dennoch erstaunlich, denn privat hatte die 34-Jährige bis dahin eine intensivere Social-Media-Nutzung vermieden und keinen aktiven Instagram-Kanal betrieben.
Algorithmus belohnt kurzweilige Unterhaltung
„Ich wusste gar nicht so richtig, wie das gehen soll“, sagt sie. Sie schaute also erstmal, Learning-by-Doing, anderen zu, legte ihr Profil #dr.annika.schauer an und startete im November 2024 den eigenen Kanal. Inzwischen investiert sie um die 15 Stunden pro Woche ins „gynfluencen“.
Als ganz so einfach erweist sich die Wissensvermittlung allerdings nicht: „Der Algorithmus bei Instagram belohnt es nicht, wenn ich den Leuten etwas beibringen möchte. Kurzweilige Unterhaltung funktioniert besser.“
Wie Aufklärung in Sozialen Medien gelingt
Dr. Annika Schauer wurde selbst, Learning-by-Doing, zur „Gynfluencerin“. Sie verrät, worauf sie achtet, um bei Instagram mit Aufklärung eine hohe Reichweite zu erzielen:
- Der erste Satz muss „catchy“ sein. Wer die Aufmerksamkeit nicht sofort „einfängt“, hat diese in „Sozialen Medien“ auch schon wieder verloren.
- Bei Instagram zählt das schnelle Tempo. Innerhalb kürzester Zeit muss eine Botschaft platziert sein. Sie selbst hole Frauen gern ab, indem sie ein konkretes Problem direkt anspreche, sagt Dr. Schauer. Ausführliches Universitätswissen, etwa über Ursachen und Symptome, wäre wenig zielführend.
- In aller Kürze trotzdem fundiert und mit Mehrwert zu informieren ist eine Gratwanderung. Es braucht die durchdachte Wortwahl. Ein „Das ist das Problem – hier ist die Lösung“ wäre laut Dr. Schauer unseriös. Anders indes ein: „Das könnte die Lösung für Dein Problem sein, bitte lass Dich aber vorher beraten.“
- Instagram-Algorithmen „belohnen“ Entertainment mehr als die fundierte Aufklärung. Entsprechend braucht es für Reichweite beides: Unterhaltung ist das „Lockmittel“, Aufklärung das eigentliche Ziel.
Bei manchem Video wisse sie von vornherein, dass sie weder neue Follower noch allzu viele Views bringen werden. Annika Schauer produziert diese trotzdem – ihr Anspruch sei Aufklärung, nicht Entertainment.
Und Aufklärung betreibt sie inzwischen auch auf den Accounts erster Kunden, spricht dort etwa über Schwangerschaftsthemen und baut sich – unter Berücksichtigung des Heilmittelwerbegesetzes, versteht sich – auf die Art ein zweites Standbein auf.
Shitstorms zogen bisher an Schauer vorbei
Wohin die weitere berufliche Reise geht, lässt Annika Schauer offen: „Ich lasse mich einfach mitnehmen.“ Die Chance, sich im Side-Business kreativ auszuleben, sei schön. Gleichzeitig spürt sie den Druck, dem eine Influencerin ausgesetzt ist: Zwei, drei Tage nichts gepostet? Sofort erinnert die App an neuen Content für die Community.
Von Hassrede im Netz blieb Dr. Annika Schauer bis dato zum Glück verschont: „Ich bekomme fast ausschließlich nette Nachrichten, das ist eine tolle Belohnung.“
Und schwingt doch einmal ein Unterton in einer Nachricht mit, setzt die 34-Jährige auf das Prinzip „Killing with Kindness“, um „aalglatt keine Fläche zum Festkrallen“ zu bieten und auf die Art ein Hochschaukeln zu verhindern.
Social Media
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„Hat mich fachlich zu einer viel besseren Ärztin gemacht“
Gleichzeitig profitiert die Gynäkologin im Praxisalltag vom Instagram-Engagement: „Das hat mich fachlich zu einer viel besseren Ärztin gemacht, weil ich mich in kurzer Zeit mit unglaublich vielen Themen auseinandergesetzt habe. Jedes Reel ist ein Mini-Vortrag, für den man recherchiert und sich neues Wissen aneignet.“
Durch die Arbeit vor der Kamera habe sie Selbstvertrauen gewonnen. Und – anders als viele Kolleginnen und Kollegen, die mit Skepsis auf „Dr. Google“ blickten – ermutigt sie ihre Patientinnen zur Eigenrecherche: „Wenn sie googeln, zeigt dies, dass sie sich mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen.“
In einer zehnminütigen Sprechstunde als Ärztin die komplette Endometriose zu erklären, sei ein Ding der Unmöglichkeit. Umso begrüßenswerter sei es, wenn sich Frauen damit aktiv beschäftigen.
Und was denken ihre eigenen Patientinnen über die Gynfluencerin #dr.annika.schauer? „Sie lieben es. Ich bekomme wirklich schönes Feedback und kann mich an keine negative Äußerung erinnern.“












