Ärzte Zeitung, 21.05.2013

Konzept für Klinikmitarbeiter

Gut gerüstet gegen Rüpel

Aggressive und gewalttätige Patienten können Mitarbeiter der Notaufnahme vor Probleme stellen. Wie Ärzte und Pfleger sich wappnen können, zeigt die Uniklinik Mannheim. Sie hat für ihre Mitarbeiter ein Konzept entwickelt - mit Schulungen durch die Polizei.

Von Ingeborg Bördlein

Gut gerüstet gegen Rüpel

Training für den Ernstfall: In Mannheim werden Klinikmitarbeiter professionell geschult.

© Universitätsmedizin Mannheim

MANNHEIM. Die Zahl der Patienten, die in der Notaufnahme Ärzte und Pflegekräfte beschimpfen oder gar handgreiflich werden, nimmt zu.

So geht aus dem monatlichen "Übergriffsprotokoll" in der zentralen Notaufnahme des Mannheimer Universitätsklinikums hervor, dass es 70 bis 80 Mal pro Monat zu Verbalentgleisungen von Patienten selbst oder deren Angehörigen kommt, darunter etwa zehn Mal mit Gewaltandrohung.

Körperliche Übergriffe oder auch Gewalt gegen Sachen werden im Schnitt fünfmal pro Monat registriert.

"Die Mitarbeiter der Notaufnahme sind in den letzten Jahren einem zunehmenden Gewaltrisiko ausgesetzt", sagt der Ärztliche Leiter Dr. Joachim Grüttner.

Während seiner 25-jährigen Tätigkeit in der Notaufnahme des Klinikums musste er feststellen, dass auch Frauen deutlich häufiger als früher vor allem zur verbalen Aggression neigen.

Oft Alkohol und Drogen im Spiel

Doch der klassische Fall ist nach wie vor der junge Mann zwischen 18 und 30 Jahren, der stark alkoholisiert ist. Und: Randaliert wird vor allem an den Wochenenden und zu später Stunde. Alkohol und/oder Drogen sind dabei meist im Spiel.

"Doch haben wir es auch mit Menschen zu tun, die primär aggressiv sind", stellt Grüttner im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" klar.

Mitarbeiterinnen sind stärker gefährdet, verbal oder körperlich angegriffen zu werden als die männlichen Kollegen, und die Pflegekräfte deutlich häufiger als die ärztlichen Mitarbeiter. Grüttner weist darauf hin, dass es sich keineswegs um psychotische Fälle handele, sondern um Patienten, welche in der zentralen Notaufnahme wegen (unfall)chirurgischer, internistischer oder neurologischer Krankheitsbilder aufgenommen werden.

Was die Patienten und ihre Angehörigen auf die Palme bringt, sind hauptsächlich lange Wartezeiten. Der Sichtungsarzt in der Mannheimer Notaufnahme nimmt zunächst eine Einteilung der Patienten auf der Basis des Schweregrads ihres Krankheitsbildes und der Krankheitsentität vor.

Wartezeit bis zu vier Stunden

Weniger schwere Fälle müssen sich dann auf eine längere Wartezeit einstellen. "Das kann je nach Andrang schon einmal zwei bis vier Stunden dauern", sagt Grüttner. Die Patienten werden darüber jedoch vorab informiert.

Doch diese Information schützt bei einigen wohl nicht vor Aggression. Neben verbalen Beschimpfungen oder Handgreiflichkeiten gegenüber dem medizinischen und/oder pflegerischen Personal wird auch schon mal eine Tür eingetreten, Fenster oder auch medizinische Geräte in der Notaufnahme werden demoliert. Stabilere Patienten lassen ihre Aggression eher raus als schwerer betroffene Kranke.

Zweiter Grund für Entgleisungen: Die Diagnosen oder Behandlungsentscheidungen der Ärzte werden nicht akzeptiert.

Wie die Mitarbeiter der Notaufnahme mit Beschimpfungen, Drohungen oder gar Tätlichkeiten umgehen können, haben sie in einer Schulung durch die Mannheimer Polizei nun lernen können.

Das Projekt, in welchem erfahrene Einsatztrainer der Mannheimer Polizei dem medizinischen Personal Techniken der Deeskalation, aber auch Notwehrmaßnahmen und Selbstverteidigung vermittelt haben, ist neu und beispielgebend.

Probleme nicht nur in Mannheim

So werden die Mitarbeiter von der Polizei in Kursen darin geschult, wie man deeskalierend agieren kann. In Selbstverteidigungskursen wiederum lernt man, wie man Schläge abfängt. Solche Projekte könnten Schule machen, denn eine zunehmende Gewaltproblematik in der nächtlichen Notaufnahme ist nicht allein ein Mannheimer Problem, schätzt Grüttner.

In der Notaufnahme des Mannheimer Klinikums wurde zudem ein Notfallplan für brenzlige Situationen entwickelt. Im ersten Schritt wird das Team aus Ärzten, Pflegenden und anderen Mitarbeitern auf der Station zusammengerufen nach dem Motto "Wir stehen zusammen".

Oft gelingt es laut Grüttner auf diese Weise bereits, beruhigend auf aufgebrachte Patienten einzuwirken. Gelingt dies nicht, ist der klinikeigene Sicherheitsdienst in wenigen Minuten vor Ort. Nicht selten muss aber auch die Polizei eingeschaltet werden, um Eskalationen zu verhindern.

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