Ärzte Zeitung App, 06.12.2013

Reportage

Bei Obdachlosen auf Hausbesuch

Hausärztin Barbara Peters-Steinwachs behandelt Obdachlose auf Münchens Straßen - ihre Patienten bleiben anonym und haben oft keine Krankenversicherung. Eine Heldin ist sie deswegen aber nicht, findet die 64-Jährige. Wir haben sie begleitet.

Von Marco Hübner

Bei Obdachlosen auf Hausbesuch

Der Rettungswagen der Straßenamulanz München.

© Straßenambulanz München

MÜNCHEN. "I have this", sagt der junge Pole und zeigt mit dem Finger auf seinen Mund. Verdutztes Schweigen. "Fighting", schiebt er in gebrochenem Englisch nach.

Er hat Schmerzen, wahrscheinlich ausgelöst durch einen Fausthieb. Nicht der letzte Fall dieser Art für die Straßenambulanz an diesem Abend.

Stunden zuvor macht sich Hausärztin Dr. Barbara Peters-Steinwachs bereit. Sie steht in ihrer Arztpraxis für Wohnungslose in der Pilgersheimer Straße im Herzen Münchens. Halb acht Uhr abends - in der Praxis ist es still und dunkel, denn die Sprechstunde ist längst vorüber.

Die kleine, kräftige Frau knipst eine Schreibtischlampe an und zieht sich ihren Arztkittel über. Viele graue Strähnen durchziehen ihr glattes, ganz gerade geschnittenes Haar.

Heute ist sie wieder mit ihrer rollenden Praxis, einem umgebauten Rettungswagen, unterwegs, um Patienten zu versorgen, die nicht in die Arztpraxis kommen.

Fahrt durch das nasse München

Bei Obdachlosen auf Hausbesuch

Dr. Barbara Peters-Steinwachs vor dem Eingang ihrer rollenden Hausarztpraxis.

© Johanna Dielmann-von-Berg

Als sich der Ambulanzwagen gegen 20 Uhr in Bewegung setzt, trommelt Regen auf das Dach. Ulf Friesel, der das Auto lenkt, dreht das Radio etwas lauter. Es ertönt Supertramp mit "Give a Little Bit".

Friesel ist Krankenpfleger und begleitet die Ärztin heute. "Die Arbeit fürs Projekt holt mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Private Errungenschaften, wie Freunde, Familie oder ein Dach über dem Kopf, schätze ich dadurch viel mehr", erzählt er.

Der Wagen fährt vorbei an Fenstern, aus denen warmes Licht auf die nasse Straße fällt, vorbei an einem Pärchen, das eng aneinandergeschmiegt unter einem Regenschirm steht. Das Fahrzeug stoppt am Rossmarkt. Die erste Station auf dieser Tour.

Friesel und Peters-Steinwachs steigen aus und huschen durch den Regen in den hinteren Teil des Fahrzeugs. Zwei Stühle, dazwischen ein Tisch und daneben eine Behandlungsliege.

Außerdem allerlei Medizin und Arztutensilien - die ganz ordentlich in den Schränken verteilt sind. "Medikamente und Verbandsmaterial sind Spenden einer großen Apotheke", berichtet Friesel.

Draußen stehen Menschen unter einem Vordach beieinander. Manche halten dampfenden Tee, andere Butterbrote in ihren Händen. Einer grüßt die Ärztin mit Victoryzeichen durch die Scheibe. Mit einem Nicken grüßt sie zurück.

"Den Tee haben sie von der Möwe Jonathan, einem blauen Bus, an dem Obdachlose kostenlos Hilfe kriegen können", erklärt Peters-Steinwachs. "Die Leute kommen hauptsächlich wegen des Essens und Trinkens. Wir folgen der Möwe. Wenn wir auch da sind, ist der ein oder andere motivierter, auch mal an seine Gesundheit zu denken."

Die Stimmen draußen kommen näher. Es klopft.

Zwischen Jasmin und der Straße

"Not have socks", sagt der Mann aus Rumänien, während er sich die braunen Lederschuhe im Wagen auszieht. Er wirkt erleichtert und sein narbenreiches Gesicht entkrampft. Er setzt sich auf die Liege im Wagen und streckt die nackten Füße nach vorn.

Das grelle Neonlicht fällt auf gelbe, dicke Zehennägel und krank aussehende Fußsohlen. Beißender Geruch, irgendwo zwischen Turnhallenumkleide und Käsetheke, breitet sich aus. Mit ruhiger Stimme stellt die Ärztin fest: Fußpilz.

Bedächtig streichen sie und Friesel die Füße mit einer blauen Flüssigkeit - genannt Pyoktanin - ab und verbinden sie anschließend.

Die Behandlung ist damit nicht zu Ende: Peters-Steinwachs fragt, wie es geht, erklärt, wo sich Socken beschaffen lassen und fragt nach dem Schlafplatz. Leicht lallend erzählt er von seinem verlorenen Job in Hamburg. Schiffe habe er entladen. Seit der Finanzkrise würden die Firmen aber lieber Filipinos einstellen.

Dann habe er halt in München sein Glück gesucht, sagt er mit müden Augen. Er redet von Jasmin, bei der er zunächst wohnte, die ihn aber dann nicht mehr wollte. Nun schläft er seit vier Monaten am Bahnhof. Hier und da mal ein Job als Tagelöhner.

Beim Gehen drückt er fest die Hand von Peters-Steinwachs und bedankt sich mehrmals, diesmal in gebrochenem Deutsch.

Ihr Ziel ist nicht nur die Gebrechen zu behandeln

Bei Obdachlosen auf Hausbesuch

Ein Blick ins Innere: Dort werden die Obdachlosen behandelt.

© Dielmann-von Berg

"Viele, die bei uns landen, kommen aus Rumänien, Bulgarien, der Slowakei oder Polen. Oft ohne, dass sie Deutsch oder Englisch sprechen. Das macht die Anamnese sehr umständlich. Oft müssen wir uns mit Händen und Füßen verständigen", erzählt Peters-Steinwachs.

Als sie wieder in die Fahrerkabine umsteigen will, tönt eine Reibeisenstimme: "Na, alles klar Frau Doktor?" Der Mann wackelt hin und her als würde er tanzen oder taumeln, ist aber voller Freude, als er bei der Ärztin steht.

"Ja und bei Ihnen?", entgegnet sie. Nach einem kurzen Wortwechsel steigt sie auf den Beifahrersitz und ruft dabei: "Machen Sie mal die Jacke zu, es ist kalt!"

So geht es immerfort auf den 13 Kilometern, die die beiden an diesem Abend zwischen den Halteplätzen zurücklegen werden. Peters-Steinwachs sagt, dass heute wenig los sei, weil es regnet. Viele Wohnungslose würden lieber an ihren trockenen Stammplätzen verharren.

"Probleme mit Füßen und Beinen, Wunden, die nicht heilen oder sich entzündet haben, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkältungen - alles Routinefälle bis jetzt", erzählt die Ärztin. Ihr Ziel ist nicht nur diese Gebrechen zu behandeln.

Sie will den Menschen wieder Normalität geben und sie wieder an das etablierte Gesundheitssystem heranführen, sie in ärztlicher Überwachung halten. "Das ist wichtig, da auch chronisch Kranke oder schwere Fälle auf der Straße landen können", sagt Peters-Steinwachs.

Obdachlos mit Herzschrittmacher

Der letzte Patient betritt den Wagen, der nun in der Nähe der Technischen Universität steht. Diesmal fällt die Verständigung nicht schwer: "Warum sind sie mit einer solchen Erkrankung auf der Straße?", fragt Peters-Steinwachs.

"Mehr wie draufgeh'n kann man nicht", erwidert er lakonisch. Er hat einen Herzschrittmacher. Erst seit Kurzem ist die Straße sein Zuhause. Aufgedunsen wirkt er und hat Schmerzen im Bein. Er kommt aus Dachau, sei da auch in Behandlung. "Schwierigkeiten mit der Frau, da bin ich nach München", sagt er.

Lange spricht sie mit ihm. Zeigt Möglichkeiten auf. Am Ende kann sie nur hoffen, dass er wieder kommt. Um 22:28 Uhr fährt der Wagen wieder auf den Hof.

Wie lange die 64-jährige Ärztin den Job noch machen will, weiß sie noch nicht. "Praxisnachfolger sind schwer zu finden, gerade für diese Form von Praxis", sagt Peters-Steinwachs. Zeit lassen will sie sich aber noch etwas: "Ist doch okay, die Arbeit. Eine Heldin bin ich nicht. Ich hab ein tolles Team und bin nur ein kleines Rädchen im Kampf gegen Armut und Not. Die Ärzte, die gerade in Syrien arbeiten, das sind Helden."

Interview: "Sie denken nicht daran, zum Arzt zu gehen"

Bei Obdachlosen auf Hausbesuch

Werena Rosenke ist stellv. Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.

© Privat

Viele Probleme erschweren Obdachlosen den Zugang zur Versorgung. Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe weiß, was bei der Behandlung zählt.

Ärzte Zeitung: Wie viele Menschen leben in Deutschland auf der Straße?

Werena Rosenke: Nach unseren Schätzungen sind aktuell etwa 284.000 Menschen in Deutschland wohnungslos. Davon leben circa 24.000 gänzlich auf der Straße.

Das ist ein Anstieg um 15 Prozent im Vergleich zu 2010. Wir gehen auch davon aus, dass es bis 2016 einen deutlichen Anstieg um 30 Prozent gibt.

Wie lässt sich das geschätzte Wachstum erklären?

Rosenke: Die Situation auf den Wohnungsmärkten wird sich bis 2016 nicht entscheidend verändern lassen. Wir haben das Problem, dass preisgünstiger Wohnraum immer knapper wird. Auch Sozialwohnungen gibt es nicht genug. In einigen Regionen ist der Markt buchstäblich dicht.

Auf der anderen Seite gibt es mehr Menschen im Niedriglohnsektor und Personengruppen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen sind.

Die Konkurrenz in dem Preissegment ist gnadenlos. Wer seine Wohnung verliert, Mietschulden und andere Probleme hat, hat wenig Chancen wieder eine Wohnung zu ergattern. Die Gefahr für so jemanden, keine Wohnung zu finden, steigt weiter.

Wie sieht die aktuelle Situation in der medizinischen Versorgung aus?

Rosenke: Grundsätzlich ist der Gesundheitszustand wohnungsloser Menschen sehr schlecht. Denn erstens ist der Stresspegel hoch. Sie müssen in einem permanenten Schwebezustand leben. Manche kommen kurzzeitig bei Freunden unter, die sie aber jederzeit wieder auf die Straße setzen können.

Zweitens haben sie in so einer Situation auch kein Gesundheitsbewusstsein und denken nicht daran zum Arzt zu gehen. Sie haben sogar Angst davor, beim Arzt schief angeguckt zu werden. Drittens fehlt es grundsätzlich an materiellen Dingen, um sich eine Behandlung leisten zu können.

Man kann sagen, die materiellen und psychischen Hürden sind oft zu hoch. Besonders bei denen, die auf der Straße leben - die wenigsten haben geregelten Zugang zum Versorgungssystem. Deswegen gibt es so spezielle Projekte, wie die Münchner Straßenambulanz, die niedrigschwelligen Zugang bieten.

Was sollten Ärzte bei der Behandlung Obdachloser beachten?

Rosenke: Es ist sehr wichtig erst mal eine Vertrauensbasis zu schaffen. Das sind Menschen, die im Prinzip alles verloren haben. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht - teilweise auch mit Ärzten oder Pflegekräften.

Weil sie beispielsweise auf eine Suchterkrankung reduziert wurden oder generell schnell abgestempelt werden. Es braucht viel Geduld und Zeit, um überhaupt Bereitschaft herzustellen, dass sich der Mensch wieder normal behandeln lässt.

Was viele Praktiker erstaunt, ist, wie bei diesen Patienten die Wahrnehmung für den eigenen Körper gestört ist. Ich hab ja nix, heißt es und dabei liegen ernste chronische Erkrankungen häufig noch verknüpft mit psychischen Problemen oder Suchterkrankungen vor. Den Leuten muss wieder ein richtiges Gesundheitsempfinden vermittelt werden.

Was müsste getan werden, um die Versorgung zu verbessern?

Rosenke: Die größte Hürde, die zunächst weg müsste, sind die Zuzahlungen. Sie sollten für Bezieher von Sozialhilfe abgeschafft werden. Bessere Härtefallregelungen, die Ausweitung der OTC-Ausnahmeliste - die Leute müssen die Chance bekommen, sich mit dem Nötigsten auszustatten.

Viele Wohnungslose teilen Brillen untereinander, die aber nicht geeignet für sie sind. Außerdem sind die Projekte wichtig, um Obdachlose zurück in die Regelversorgung zu bringen. Sie sind heute fragil finanziert. Sind Spenden und ehrenamtliches Engagement erschöpft, kann keine Regelhaftigkeit gewährleistet werden. (mh)

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