Ärzte Zeitung, 10.06.2014

Chatten mit dem Handy

Diagnose Smartphone-Sucht?

Das Smartphone ist ein ständiger Begleiter. Doch ist man süchtig, wenn man regelmäßig per Handy chattet? Experten warnen vor einem zu schnellen Urteil.

Von Oliver von Riegen

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Süchtig?

© Jens Kalaene / dpa

MAINZ. Schnell mal aufs Smartphone schauen, gerade kommt eine neue Chat-Nachricht - gleich antworten. Das Smartphone ist Teil des Alltags. Kaum ein Ort bleibt Handy-frei, oft auch nicht das Schlafzimmer. Doch ist jemand schon süchtig, wenn er im Mobiltelefon neue Mails liest?

Die Mainzer Studentin Verena Minge sieht zumindest die Gefahr für eine Sucht. Sie hat für ihre Bachelorarbeit unter dem Titel "Leg‘ doch mal dein Handy weg" 225 Nutzer befragt, fast drei Viertel davon Studenten.

"Ich wollte beweisen, dass auch das Smartphone Suchtcharakter besitzt", sagt die 25-jährige Pfälzerin. "Der zweite Ansatz war, ob jemand, wenn er schon eine Sucht hat, noch andere Süchte entwickelt."

Als sie die Arbeit im vergangenen Jahr schrieb, hatte sie noch kein Smartphone. Ihr war aber schon länger aufgefallen, dass ihre Freunde das Mobiltelefon zur Hand nehmen, wenn sie mit ihr sprechen. Einer ihrer Bekannten sah ständig auf sein Smartphone und war gleich mit mehreren Leuten in Kontakt, als er mit ihr sprach.

Medienabhängigkeit als Sucht

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen weist darauf hin, dass es weder eine anerkannte Diagnose "Smartphone-Sucht" noch "Internet-Sucht" gibt. Dennoch gebe es Menschen, die das Internet oder Smartphones in problematischer Weise nutzten, sagt Vize-Geschäftsführerin Gabriele Bartsch. "Deswegen sprechen wir auch lieber von problematischem Gebrauch oder exzessiver Nutzung."

Der Fachverband Medienabhängigkeit macht sich dafür stark, dass die Abhängigkeit von Medien als Suchterkrankung anerkannt wird. "Wenn jemand bei Tag und Nacht ständig zum Smartphone greift, verändert das die Kommunikation mit der realen Umgebung und hat erhebliche Einflüsse auf das eigene Verhalten", sagt der Vorsitzende Andreas Gohlke.

In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) taucht eine übermäßige Internetnutzung nicht als Funktionsstörung auf. Das Diagnose-Handbuch DSM-5 der American Psychiatric Association führte im vergangenen Jahr zum ersten Mal Kriterien zur Diagnose einer Computerspielsucht auf. Die Experten halten aber mehr Forschung für notwendig, damit die Computerspielsucht als Krankheit anerkannt werden kann.

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) sieht Risiken für Jugendliche: "Es besteht die Gefahr, dass sie sich übermäßig lange und zu oft im Netz aufhalten", erklärte sie im Februar.

Rund 560.000 Internetabhängige gebe es in Deutschland - etwa ein Prozent der 14- bis 65-Jährigen, ermittelte eine Studie zu Internetabhängigkeit der Universität Lübeck im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums von 2013.

Verena Minge wollte der Frage nach Smartphone-Sucht mithilfe eines Testbogens auf die Schliche kommen: Welchen Einfluss hat die Nutzung etwa auf das persönliche Befinden?

Ahnlich gefährlich oder ungefährlich wie eine Flasche Bier

Den Fragebogen stellte sie auf ihre Facebook-Seite, ihre Freunde teilten ihn wiederum mit deren Freunden. So kamen 225 Teilnehmer zusammen. "Die Quintessenz war, dass das Smartphone einen sehr hohen Suchtcharakter besitzt, einen erschreckend hohen", sagt Minge.

Wenn das Handy den Alltag von jemandem beeinflusst, hat derjenige auch viele virtuelle Kontakte - und verstärkte Entzugserscheinungen, wenn er nicht online ist. Einen Zusammenhang zum Rauchen fand die Studentin aber nicht.

Die Uni Bonn erforscht mithilfe der App "Menthal" (via Android), inwieweit Suchtgefahr droht. Sie fand in einer Pilotstudie heraus, dass das Handy am Tag 80 Mal im Durchschnitt aktiviert wurde.

Der Fachverband Medienabhängigkeit warnt davor, zu schnell von Sucht zu sprechen. "Smartphones sind eine Nutzungsvariante für Virtualität, und damit ähnlich gefährlich oder ungefährlich wie eine Flasche Bier im Supermarktregal - der Nutzer oder Käufer entscheidet, wie der Umgang damit aussieht", sagt Gohlke.

Für Jugendliche, die mit diesen Medien groß werden, sei die Kommunikation über elektronische Medien viel selbstverständlicher als für Ältere. Und: Für eine Sucht müssen nach seiner Ansicht verschiedene Faktoren über einen längeren Zeitraum erfüllt sein. "Da spielen auch persönliche Faktoren wie Selbstwert und Selbstsicherheit eine große Rolle." (dpa)

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