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Therapie

Kängurus geben keine Widerworte

Lamas, Esel, Kängurus: Mit einer tiergestützten Therapie hilft die Vitos Klinik im nordhessischen Haina ihren Patienten.

Von Gesa Coordes Veröffentlicht:
Heilmittel: Känguru in Haina.

Heilmittel: Känguru in Haina.

© rolf k. wegst

HAINA. Hinter dem Arbeitstherapie-Gebäude der Vitos Klinik im nordhessischen Haina sieht es aus wie in einem Tierpark: Kängurus springen hinter den Büschen, Lamas und Esel grasen auf den Wiesen und ein Pfau stolziert über das Pflaster. Die Tiere helfen Patienten und Bewohnern, sich zu beruhigen und Verantwortung zu übernehmen.

Jeden Morgen um 9:30 Uhr unterbrechen Bernhard C. (43) und Viktor D. (29) ihre reguläre Arbeit. Sie holen Heu, schnippeln Möhren und Äpfel, um die Tiere zu füttern.

Bonnie und Clyde warten dann schon auf sie. Bonnie und Clyde sind die beiden Kängurus, so benannt, weil sie vor unbekannten Menschen sofort Reißaus nehmen. Zutraulich sind sie noch nicht.

Auf Bernhard und Viktor scheinen sie sich jedenfalls zu freuen. "Am besten lockt man sie mit Walnüssen", sagt der geistig behinderte Bernhard, der in der heilpädagogischen Einrichtung von Vitos wohnt.

Strahlend berichtet er von seiner Aufgabe. Er mag die Arbeit - sogar das Aufsammeln der Eselsäpfel. "Durch die Tiere ist er aufgeschlossener geworden", sagt Therapeut Hans-Willi Bornscheuer.

Bernhards Kollege Viktor redet wenig. Doch auch ihn haben die Tiere verändert, erzählt der therapeutische Leiter Erwin Gruber. Vorher habe er fast jedes elektrische Gerät - Telefone, Radios, Fernseher und Stereoanlagen - zerstört. Warum, konnte er den Betreuern nicht sagen.

Doch heute komme das fast nicht mehr vor. Früher sei der hochintelligente Mann, der an einer psychischen Erkrankung leidet, oft auch sehr spät oder gar nicht zur Arbeit gekommen. Inzwischen kommt er jeden Morgen pünktlich zu seiner Arbeit als Holzbündler.

"Tiere sind wertvolle Helfer in der Therapie", erklärt Gruber. Der fünffache Vater ist selbst mit Hasen, Kolkraben, Schildkröten, Enten und einem Collie aufgewachsen, weiß aus eigener Erfahrung um ihre Wirkung.

Lamas - "Delfine der Weide"

"Unsere Tiere sind grundsätzlich erst einmal beruhigend", sagt der Experte: "Sie geben keine Widerworte. Sie reden nicht pausenlos. Dafür kann man ihnen alles erzählen. Sie werden es für sich behalten." Zugleich stärkten sie das Pflichtbewusstsein, das Einfühlungsvermögen und gäben den Klienten das Gefühl "gebraucht zu werden".

Dabei müsse man Lamas, Esel und Kängurus gut behandeln und sich um sie kümmern: "Wer einem Tier etwas tut, zu dem kommt es nicht wieder", sagt Gruber. Auch das sei wichtig für die tiergestützte Therapie, die als alternativmedizinisches Verfahren zur Behandlung von seelischen Erkrankungen gilt. Es bringe aber nur jenen etwas, die wirklich Freude daran haben. Das seien häufig Menschen, die schon in der Vergangenheit mit Tieren zu tun hatten.

Bereits 2011 kamen Valerie und Kimba, die Lamas, die als die "Delfine der Weide" gelten, weil sie besonders gut für die tiergestützte Therapie geeignet sind. Die zurückhaltenden, aufmerksamen Tiere strahlen Ruhe aus. Sie spucken nur, wenn man sie ärgert.

Bei den Spaziergängen mit den Tieren dabei ist Hans-Willi Bornscheuer. Er hat eine 16-monatige Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Therapie absolviert. Ganz von selbst helfen die Tiere nämlich nicht. Qualifizierte Betreuer sind nötig. Er begleitet auch die meist depressiven Patienten aus dem Krankenhaus, die zweimal in der Woche zur Therapie kommen.

Die meisten gehen mit Lamas, Eseln oder mit der Labradorhündin Afra spazieren. Zudem hat Vitos eine Leihstute bei einem Pferdegestüt, die in der Therapie eingesetzt wird.

Welchem Tier sich die Klienten zuwenden, dürfen sie selbst entscheiden. Nicht jedes Tier passt zu jedem. Und obwohl Kängurus und Pfaue sehr scheu sind, haben auch sie Einfluss auf die Menschen in ihrer Umgebung. So hätten sich die Werkstatt-Mitarbeiter angesichts der ängstlichen Kängurus angewöhnt, nicht mehr mit den Türen zu knallen.

Viele Patienten würden sich darüber freuen, die Tiere zu beobachten und zu warten, bis sie wieder aus ihren Verstecken auftauchen. "Einmal inne zu halten, ist auch ein Zweck unserer Therapie", erklärt Gruber.

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