Ärzte Zeitung online, 27.02.2017
 

Karneval

Helau und Prost! Ein Mediziner klärt Alkohol-Mythen auf

Bier auf Wein, das lass‘ sein. Was ist dran an den Volksweisheiten über Alkoholgenuss? Ein paar Nachfragen zur Karnevalszeit.

Von Ulrike von Leszczynski

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Stößchen, Mädels! Für die meisten gehören Karneval und Alkohol untrennbar zusammen.

 © KZENON / Fotolia.com

BERLIN. Im Karneval herrscht Narrenfreiheit – oft auch beim Alkohol. Der Psychiater und Suchtexperte Darius Chahmoradi Tabatabai sagt: "Es wäre verkehrt, den kontrollierten Rausch, den wir uns zu Karneval genehmigen, generell zu moralisieren", sagt der Chefarzt am Berliner Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Doch andererseits dürften Risiken auch nicht verharmlost werden. Im Interview beantwortet Tabatabai Fragen rund ums Thema Alkohol.

Frage:Bier auf Wein, das lass‘ sein - was ist dran?

Antwort: Was man zuerst trinkt, spielt überhaupt keine Rolle. Es geht immer um die Menge. Wein reizt den Magen mehr durch die höhere Alkoholkonzentration. Von Schnaps ganz zu schweigen. Und die Kombination kann Übelkeit beschleunigen.

Wie viele Gläser Wein, Bier oder Schnaps muss ein Erwachsener trinken, um einen Rausch zu bekommen?

Die Verträglichkeit ist sehr individuell. Das liegt an den Genen. Die Leber und Enzymsysteme spielen dabei eine große Rolle. Es gibt Menschen, die nach zwei Gläsern Wein richtig einen im Tee haben. Andere merken da subjektiv noch gar nichts. Viele sind aber überrascht, wie niedrig risikoarme Mengen angesetzt sind. Bei Frauen ist das ein Glas Weißwein, bei Männern sind es zwei – bei mindestens zwei alkoholfreien Tagen in der Woche.

Sind Kinder, die im Karneval von stark betrunkenen Eltern gezeugt werden, gefährdet?

Ja, da ist die Studienlage recht klar. Das Risiko für Fehlgeburten und Schädigungen dieser Kinder ist erhöht. Auch während der Schwangerschaft erhöhen bereits geringe Mengen von Alkohol Fehlbildungsrisiken.

Wie viele Gehirnzellen kostet ein richtiger "Absturz"?

Es gibt keine Formel, auch das ist sehr individuell. Alkohol ist letztlich ein Nervengift, das einzelne Zellen negativ beeinflussen kann. Bis hin zur Zerstörung. Es ist ebenfalls genetisch bedingt, wie viele nervenschützende Faktoren ein Mensch hat. Es spielt auch eine Rolle, ob Erkrankungen angelegt sind. Wer zum Beispiel familiär belastet ist, später eine Demenz zu entwickeln, für den können wiederholte Alkoholexzesse mehr ins Gewicht fallen als für andere.

Was passiert bei einem Alkoholrausch im Gehirn?

Im Grunde ist das wie eine Narkose. Auch häufige Operationen sind ja nicht günstig, weil jede Narkose Stress für das Gehirn darstellt. Der Rausch an Karneval hat eine gesellschaftliche Akzeptanz. Wenn Menschen es schaffen, danach wieder zum Tagesalltag zurückzufinden, ist ein einzelner Rausch in der Summe des Lebens sicher nicht gefährlich.

Welche Risiken gibt es?

Viele Menschen machen sich die Risiken des Kontrollverlusts nicht klar. Da geht es nicht nur um gestohlene Brieftaschen. Es geht um Verkehrsunfälle. Und auch der Anteil schwerer Körperverletzungen unter Alkoholeinfluss ist erschreckend hoch.

Ist ein Kater bereits ein Anzeichen einer kleinen Alkoholvergiftung?

Im Grunde ja. Das ist eine Warnung des Körpers. Dieses Katergefühl wird durch Abbauprodukte des Alkohols hervorgerufen. Die Enzyme, die Zwischenprodukte abbauen, sind wiederum sehr individuell ausgeprägt. Es gibt Menschen, die kriegen einfach keinen Kater. Statistisch gesehen haben sie ein höheres Risiko, Probleme mit Alkohol zu bekommen, weil ihnen eine natürliche Bremse fehlt. (dpa)

3

Liter

Der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in Deutschland ist seit 1980 um fast drei Liter zurückgegangen. Das geht aus dem Drogen- und Suchtbericht 2016 der Bundesregierung hervor. Die Zahl der alkoholbedingt stationär behandelten Personen hat seit 2000 allerdings um 21,5 Prozent zugenommen.

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