Ärzte Zeitung online, 18.09.2017
 

Psychologe im Interview

"Jeder Mensch lügt mehrmals am Tag"

Nicht jede Lüge ist aus Sicht des Psychologen Christian Winkel verwerflich. Auch Therapeuten beugen die Wahrheit, sagt er – wenn es der Gesundung ihrer Klienten nützt.

Von Pete Smith

"Jeder Mensch lügt mehrmals am Tag"

Wann ist eine Lüge ok und wann ist sie verwerflich?

© unpict / stock.adobe.com

Ärzte Zeitung: "Du sollst kein falsches Zeugnis von dir geben wider deinen Nächsten" lautet das achte Gebot. Ist das noch zeitgemäß?

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Christian Winkel (48), Psychotherapeut aus Aschaffenburg © privat

Christian Winkel: In einer Zeit, in der zunehmend Wertmaßstäbe verloren gehen, wäre es schön, wenn ein solcher Verhaltenskodex wieder mehr in unser Bewusstsein rücken würde. Und das unabhängig von der religiösen Ausrichtung. Werte verwässern, die Sprache verroht, es wird wieder salonfähig, was bereits überwunden zu sein schien. An verbindlichen Werten können wir uns orientieren. Wobei Menschen natürlich schon zu allen Zeiten gelogen haben. Lügen ist eine Strategie, sich einen Überlebensvorteil zu verschaffen. Lügen können sogar dabei helfen, gesellschaftliche Gruppen stärker miteinander zu verbinden. Die Lüge ist also eine Art Anpassungsstrategie – auch bei Kindern.

Lügen Kinder nicht sehr viel seltener als Erwachsene?

Kommt darauf an. Die Psychologen Clara und William Stern haben Anfang des 20. Jahrhunderts Untersuchungen zur Entwicklung des kindlichen Lügenverhaltens auf Grundlage von Beobachtungen ihrer eigenen Kinder unternommen. So gingen sie beispielsweise davon aus, dass Kinder oft nur deswegen lügen, weil ihnen ihre Eltern nicht adäquat nahebringen, was Lügen eigentlich bedeutet. Man könnte auch sagen: Wir erziehen unsere Kinder zum Lügen.

Obwohl wir ihnen ständig predigen, ehrlich zu sein?

Ein Beispiel: Wenn die Mutter depressiv ist, muss man dem Kind nicht sagen, dass alles in Ordnung ist. Das ist eine Lüge. Auch wenn Kinder Schwierigkeiten haben, komplexe Sachverhalte und negative Erlebnisse einzuordnen, sollten Eltern ihnen dabei helfen, diese Dinge zu verstehen, ihnen mehr zutrauen und offen sein. Auch das hilft, Kinder zu ehrlichen Menschen zu erziehen.

Früher zeigten prominente Lügner, einmal des Betrugs überführt, öffentlich Reue. Heute bezichtigen sie oft ihre Ankläger der Lüge – kommen sie damit durch?

Das ist keine wirklich neue Geschichte, gerade die Mächtigen haben das schon von jeher getan. In Zeiten des Internets werden wir mit Lügenstrategien allerdings medial noch viel stärker konfrontiert als früher. Man kann heute mehr Verwirrung stiften und dadurch Hemmschwellen heruntersetzen. Allgemein gesagt, kommen pathologische Lügner mit ihren Lügen tatsächlich meistens durch. Möglicherweise hängt das mit einer menschlichen Schwäche zusammen, unserer Vorliebe für Lügengeschichten. Wenn sie spannend und womöglich sympathisch daherkommen, neigen wir eher dazu, die Lüge als Wahrheit zu akzeptieren, als sie in Frage zu stellen.

Wir lassen uns also gerne blenden?

Klar! Denken Sie nur an den Hauptmann von Köpenick. Eine Uniform und sein überzeugendes Auftreten reichten schon, um ihm bedingungslos zu folgen. Ein weißer Kittel oder der schicke Anzug eines Versicherungsvertreters erfüllen im Übrigen denselben Zweck. Obwohl wir heutzutage fast alles überprüfen können, fallen wir nach wie vor auf Lügen herein. Der Schein ist oftmals interessanter als das Sein. Außerdem belügen wir uns ja auch selbst ganz gerne.

Aus welchen Motiven?

Meist um das Bild, das wir von uns haben, aufrechtzuerhalten. Aufgrund eines eingeschränkten Selbstwertgefühls und damit einhergehender mangelnder Selbstkritik neigen Menschen dazu, selbst Fehler als Erfolge zu verkaufen. Dann wird auch mal schnell anderen die Schuld für das eigene Versagen gegeben oder werden andere der Lüge bezichtigt.

Ist es richtig, dass ausnahmslos jeder Mensch lügt?

Ja, und das mehrmals am Tag. Manche lügen aus Not, andere aus Höflichkeit, wieder andere aufgrund des Konformitätsdrucks innerhalb von Gruppen.

Dann ist nicht jede Lüge sündhaft?

Nein. Zunächst einmal müssen wir Lügen von Falschaussagen abgrenzen, da nicht jedem, der eine wahrheitswidrige Aussage trifft, dies auch bewusst ist. Dann müssen wir die Motive hinterfragen. Wenn einer mit der Absicht lügt, einen anderen zu manipulieren, um sich daraus Vorteile zu verschaffen, dann ist das verwerflicher, als wenn er durch seine Lüge einen Menschen schonen möchte.

Welche Fähigkeiten benötigt ein Mensch, um ein guter Lügner zu sein?

US-Forscher sind der Frage nachgegangen, was "Lügnergehirne" von "normalen" Gehirnen unterscheidet und kamen zu dem spannenden Ergebnis, dass pathologische Lügner offenbar weniger graue Substanz im präfrontalen Cortex haben als andere. Der präfrontale Cortex ist bekanntlich unsere Kontrollinstanz für Handlungen, Entscheidungen und Moral. Andererseits hatten die "Lügnergehirne" aber auch deutlich mehr weiße Substanz – sozusagen der Verbindungsstoff der Neuronen. Durch die größere Zellen-Vernetzung sind diese Menschen offenbar besser zu assoziativen Verknüpfungen in der Lage.

Gute Lügner sind also kreativer als andere?

Schon, aber selbstverständlich sind nicht alle kreativen Menschen auch gute Lügner. Genauso wenig wie man von der Intelligenz eines Menschen auf seine Moral schließen kann und umgekehrt.

"Lügen haben kurze Beine", glaubt der Volksmund. Lehrt uns aber das Beispiel manch eines Zeitgenossen nicht im Gegenteil, dass sich die Lüge durchaus rentiert?

Interessant ist, dass alle großen Religionen Lügen als verwerflich und schädlich für den Menschen betrachten. Schon die Vertreibung aus dem Paradies war Folge einer Lüge. In der Psychopathologie blickt man eher auf den Hintergrund, die Lernerfahrungen, das Verhalten, die Intention sowie den Bewusstseins- und Geisteszustand, aus dem heraus gelogen wird. Wie schon gesagt, helfen Lügen Menschen und Gruppen bei der Durchsetzung ihrer mehr oder weniger egoistischen Interessen, fördern aber auch den Zusammenhalt und können sogar trösten. Wenn ich als Psychologe beispielsweise einem Klienten dabei helfen möchte, über den Verlust eines nahen Angehörigen hinwegzukommen, versichere ich ihm, dass es ihm nach einer Zeit der Trauer, wenn er sich wieder mehr dem Leben zuwendet, besser gehen wird. Hier kann man sich die berechtigte Frage stellen, woher ich das eigentlich zu wissen meine. Möglicherweise würde es ihm besser helfen, ins Kloster zu gehen.

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