Ärzte Zeitung online, 02.10.2017

Von Horror bis Arztserie

Berliner Firma lässt Blut in Strömen fließen

Wenn in Film und Theater Blut spritzt, dann kommt es oft aus Berlin. Der künstliche Lebenssaft soll so echt wie möglich wirken – bis auf ein wichtiges Detail.

Von Oliver Burwig

Berliner Firma lässt Blut in Strömen fließen

Kunstblut muss unzähligen Anforderungen entsprechen: Für das Theater darf es nicht zu transparent sein, für die Filmkameras nicht zu dick.

© gringo154/stock.adobe.com

BERLIN. Die "Kreatur" kommt aus dem Herbstwald, schwankt auf Victor Frankenstein und seinen Lehrer Paul Krempe zu. Krempe hebt mit entschlossener Miene das Gewehr, zielt und drückt ab. Rotes Blut schießt hervor, als sich Monster-Darsteller Christopher Lee die Hand aufs Auge presst. Der vor 60 Jahren, im September 1957, in die Kinos gekommene Trash-Film "Frankensteins Fluch" gilt als erster Horrorfilm, der Blut in Farbe zeigte.

Würde ihn ein Regisseur heute nachdrehen, käme das künstlich spritzende Rot höchstwahrscheinlich von Kryolan. Das Unternehmen mit Sitz im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen lässt Schusswunden in Hollywood und nibelungische Blutbäder auf Theaterbühnen realistisch aussehen. In kleine Fläschchen und größere Kanister wird der rote Saft abgefüllt. Wer es besonders blutig braucht, bestellt gleich den 1000-Liter-Tank.

Vielfältige Anforderungen an Kunstblut

"Es darf nicht nach Blut riechen", nennt Betriebsleiter Lorenz Koch eine wichtige Eigenschaft des begehrten Produkts. Was die Blut- und Make-Up-Manufaktur in einer unscheinbaren Nebenstraße in unzähligen Varianten verkauft, duftet leicht fruchtig – ein bisschen wie Himbeer- oder Erdbeerbonbons. Hätte die Flüssigkeit den unangenehm-metallischen Geruch des Originals, wären wohl bei etlichen Schauspielern blasse Gesichter und Kreislaufprobleme die Folge.

Das Kunstblut muss unzähligen Anforderungen entsprechen, wie Koch erklärt: Für das Theater darf es nicht zu transparent sein, für die Filmkameras nicht zu dick. Es gibt "internes Blut", dass sich Mordopfer im "Tatort" aus dem Mund laufen lassen können. "Externes Blut" wiederum wird gebraucht, um – aus einem Beutel platzend – im Kriegsfilm einen Durchschuss zu simulieren. Für Spezialfälle hat Kryolan auch leuchtendes arterielles und rotbraunes venöses Blut im Sortiment.

Mal muss der künstliche Lebenssaft aussehen wie ein alter Kratzer, mal abwaschbar sein – wichtig für Theaterstücke, bei denen der Ärztekittel morgen wieder weiß sein soll. Es gibt blaues Blut für Aliens und dunkelbraunes für besonders eklige Horrorfilme (laut Etikett auch als Altöl-Imitat zu gebrauchen). Bestimmte Ware im Kryolan-Lager trägt die Aufschrift "Japan", weil das Land besondere Vorschriften für die Einfuhr bestimmter Farbstoffe hat.

Hoher Bedarf trotz Computer-Effekten

Filme wie der Scharfschützen-Kriegsfilm "Enemy At The Gates", aber auch Arztserien wie "Emergency Room" verwendeten Kryolan-Blut. Die Nachfrage habe trotz Computer-Effekten nicht nachgelassen, sagt Koch. Auf die Spitze treiben es etwa die sogenannten Splatter-Filme wie "Braindead" (1992) des "Herr der Ringe"-Regisseurs Peter Jackson oder Quentin Tarantinos "Kill Bill: Volume 1" aus dem Jahr 2003. Genretypisch überbieten sich hier die Filmemacher in der Menge des verwendeten Kunstbluts: Mehrere Hundert Liter gelten nicht als ungewöhnlich. Die Zukunft der Berliner Spezialisten scheint also gesichert. (dpa)

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