Ärzte Zeitung online, 10.11.2017
 

Fernsehtipp

Klinikärzte im Konflikt

Der NDR-Spielfilm "Götter in Weiß" greift das Problem von Nosokomialinfektionen auf. Der Regie gelingt eine beklemmende Analyse der Konflikte zwischen ärztlichem Anspruch und ökonomischer (Schein-)Rationalität.

Von Helmut Laschet

Ärzte im Konflikt

Op-Szene aus dem ARD-Spielfilm „Götter in Weiß“.

© NDR

BERLIN. Ein irreführender Titel: "Götter in Weiß" würde eigentlich für Allmacht stehen – doch der Spielfilm, den das Erste am kommenden Mittwoch zeigt, handelt von Ohnmacht, Fatalismus, allzu menschlichem Egoismen, aber auch vom Aufbegehren gegen Missstände. Es zeigt Menschen im Berufsalltag eines mittleren Krankenhauses in einer mecklenburgischen Kleinstadt, das wirtschaftlich auf die schiefe Ebene geraten ist und seit Jahren rote Zahlen schreibt.

"Heldin" des Films ist die chirurgische Oberärztin Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen). Gemeinsam mit ihrem Ehemann Gunnar, der ebenfalls als Chirurg in der gleichen Klinik arbeitet, hat sie sich eine Idylle aufgebaut. Der Stolz der Beiden ist eine neu erworbene Immobilie am See. Das will man nicht verlieren.

"Ein morsches Fundament"

Doch das Fundament ist morsch, Zukunftssorgen plagen Anna. Das wird allmählich offenkundig, als die neunjährige Leah nach einem Autounfall mit einer Oberschenkelfraktur in die Klinik eingeliefert wird. Die Op verläuft mit Hindernissen: Das Op-Besteck erscheint verunreinigt, erst das dritte Besteck scheint steril zu sein. Gleichwohl verzichtet die Chirurgin auf den Einsatz eines Antibiotikums. Was offenkundig nicht korrekt dokumentiert wird und später zu Auseinandersetzungen mit der befreundeten Op-Schwester Franziska Wagner (Anneke Kim Sarnau) führt.

Der Heilungsprozess des Mädchens verläuft nicht normal, das Fieber steigt zunächst auf 39,7, dann auf 40,7 Grad. Der Laborbefund ergibt eine Infektion mit Acinetobacter baumannii. Der Chefarzt wiegelt ab: "Das ist ein Einzelfall. Ich werde dafür sorgen, dass sich das nicht wiederholt."

Leah wird erneut operiert und anschließend auf der Intensivstation isoliert. Der Vater des Mädchens ist verzweifelt: Er musste der zweiten Op zustimmen – gegen allergrößte Bedenken. Zwei Jahre zuvor war seine Frau in dem gleichen Krankenhaus gestorben. Würde seine Tochter nun womöglich das gleiche Schicksal erleiden?

Damit ist die Ausgangslage konditioniert: Die Vermutung, mit nicht sterilem Op-Besteck operiert zu haben, bringt die Sterilisation und deren Mitarbeiter unter Verdacht und führt schließlich zur Entlassung einer Mitarbeiterin.

Der Chefarzt unter Druck: Die Visitation eines vom Klinikträger entsandten "Qualitäts-Auditors" führt zu kritischen Fragen: Warum ist der Op-Saal 2 so schlecht ausgelastet? Angeblich weil er zu klein ist. Aber gibt es auch andere Gründe?

Warum wurde bei Leahs Op kein Antibiotikum eingesetzt? Anna Hellberg ist sich sicher, darauf verzichtet zu haben – ihre Freundin, die Op-Schwester Franziska Wagner (Anneke Kim Sarnau) kann sich nicht mehr erinnern. Nachträglich taucht in der Dokumentation eine Antibiotika-Gabe auf. Eine Fälschung? Vertuschung?

Längst haben die Vorfälle in der Klinik auch das Familienleben des Ehepaars Hellberg erfasst: Bei Anna Hellberg wachsen die Zweifel, ob ihr Berufsalltag noch im Einklang zum Anspruch an den Arztberuf steht. Ehemann Gunnar wirkt dagegen wie abgestumpft – er hat die Rettung seiner Familienidylle im Sinn. Und die Probleme mit einem widerborstigen präpubertären Sohn. Der Beruf führt zum Ehestreit.

Auch die Freundschaft Annas mit der Op-Schwester Franziska zerbricht: Bei ihr mischen sich Fatalismus ("Das ist doch überall so") mit Zukunftsangst. "Wenn ich mich hier aus dem Fenster lehne, dann feuern die mich. Die machen Tabula rasa."

Als sich herausstellt, dass nicht Mängel in der Sterilisation die Ursache für Leahs Nosokomialinfektion waren, gerät der Op-Saal 2 in Verdacht, keimverseucht zu sein. Anna Hellbergs Forderung an den Chefarzt: "Sie müssen Op 2 schließen." Die Replik des Chefs: "Das kostet 1000 Euro die Stunde – das Krankenhaus braucht das zum Überleben." Hausverbot für Dr. Anna Hellberg ...

Keine Heldenfigur

Es ist ein beklemmender Film, und zwar deshalb, weil er bewusst auf dramatische Höhepunkte verzichtet. Grau ist der Alltag. Gezeigt wird ein Gestrüpp von Abhängigkeiten – privat, beruflich, wirtschaftlich –, sowie wachsenden Widersprüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Auch die Figur der Anna Hellberg ist alles andere als heroisch. Das macht sie glaubwürdig und realistisch.

Nach der Präsentation des Films vergangene Woche bei der Ärztekammer Berlin herrschte Nachdenklichkeit im Publikum. Vor allem deshalb, weil Ärzte ihre Berufsrealität widergespiegelt sahen. "In genau solch einer Struktur arbeitet meine Tochter. Das ist die Wirklichkeit – bis hin zur Zerstörung der Familie", sagte der ehemalige Kinderkardiologe an der Charité, Professor Harald Mau.

"Dieser Film zeigt, wie das Vertrauen wegbricht, das unter Kollegen notwendig ist", resümierte der Berliner Kammerpräsident Dr. Günther Jonitz. Die Misstrauenskultur sei im Gesundheitswesen noch lange nicht überwunden.

"Sie leben in einer Blase"

Nur für Georg Baum, den Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, blieb seine Klinikwelt in Ordnung. Nosokomialinfektionen seien keine Besonderheit deutscher Krankenhäuser – weltweit sei das eine Herausforderung. Sein Versuch, die Zahl der tödlich verlaufenden Nosokomialinfektionen auf 3000 bis 4000 herunterzurechnen (immer so viel wie im Straßenverkehr sterben) stieß auf Unverständnis. Infektiologen nennen andere Zahlen – 15.000 bis 20.000, wobei die Kausalität zwischen Tod und Infektion kaum eindeutig nachweisbar ist.

"Sie leben in einer Blase", konterte Claudia Michelsen, die Darstellerin der Anna Hellberg. "Sie sollten in jedes Krankenhaus gehen, für eine Woche, und zwar ins Bett!"

"Götter in Weiß"

» Sendetermin: Mittwoch, 15. November, 20.15 Uhr im Ersten, Wiederholung am Donnerstag um 00.20 Uhr.

» Hauptdarsteller: Claudia Michelsen (Dr. Anna Hellberg), Jan Messutat (Dr. Gunnar Hellberg), Anneke Kim Sarnau (Op-Schwester Franziska Wagner).

» Regie: Elmar Fischer.

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