Ärzte Zeitung online, 12.01.2018

Teilhabe

Integratives Arbeiten – eine Win-Win-Situation

Wer es auf einen Betriebsintegrierten Beschäftigungsplatz (BiB) geschafft hat, legt den Schalter noch einmal um: Die Mitarbeiter sind hoch motiviert, zuverlässig und selten krank. Ursula Stanjek-Büchel aus Fritzlar macht ihre Arbeit sogar glücklich.

Von Gesa Coordes

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Mit einem Praktikum fing alles an: Mittlerweile arbeitet Ursula Stanjek-Büchel als feste BiB-Kraft im Pflege- und Betreuungszentrum Waldeck.

© Rolf K.Wegst

FRITZLAR. Das schwarz-blaue Büchlein trägt sie immer bei sich. Alle wichtigen Aufgaben hat sie darin notiert: Wie sie der 89-jährigen Dame von Station N2 am bestem beim Essen helfen kann, wo die Handtücher aufgestapelt werden und vor allem Namen. Die kann sie sich auf diese Weise viel schneller merken.

Seit zehn Monaten arbeitet Ursula Stanjek-Büchel im Pflege- und Betreuungszentrum Waldeck in Bad Wildungen auf einem sogenannten Betriebsintegrierten Beschäftigungsplatz (BiB). Das sind Arbeitsplätze für Mitarbeiter aus Werkstätten für behinderte Menschen, die in "normalen" Unternehmen arbeiten.

"Das ist eine ganz Tüchtige"

"Es gibt ja viele Leute, die einen seelischen Knacks haben, der aber gar nicht auffällt, wenn sie eine gute Umgebung haben", sagt Stanjek-Büchel. Anmerken würde man ihr den "Knacks" freilich kaum. Wenn sie morgens auf die Station kommt, biegt Stanjek-Büchel gleich in das erste Zimmer rechts.

Ganz vorsichtig hilft sie einer 89-jährigen Dame beim Frühstücken. Unterhalten kann sie sich nicht mehr mit ihr. Aber sie versucht zu begreifen, was die Rentnerin möchte. Die alte Dame hat kalte Hände. Stanjek-Büchel wärmt sie so lange, bis die Seniorin lächelt.

Im Flur trifft sie eine Rollstuhlfahrerin, die sie gleich ins Spielzimmer mitnimmt. Eine Freundin gesellt sich dazu. Memory wird ausgepackt. Und während die Mitspieler nach den passenden Kärtchen suchen, wird geplaudert.

Aufmerksam geht Stanjek-Büchel mit den Senioren um. Einem alten Herrn liest sie aus der Zeitung vor. Anderen kämmt sie die Haare und geht mit ihnen im Kurpark spazieren. Die Rentner freuen sich, wenn "Ursula" kommt: "Das ist eine ganz Tüchtige", sagt eine Rollifahrerin.

Das bestätigt auch Giuseppe Carciola, der Geschäftsführer von Wicker Gesundheit und Pflege: "Ich höre nur Positives." Und Karl-Heinz Ködding vom Lebenshilfe-Werk Waldeck-Frankenberg ergänzt: "Ich habe selten eine Mitarbeiterin gesehen, die immer zufrieden und glücklich ist und nur gute Kritiken bekommt. Aber bei ihr ist das so."

Ködding ist hier der sogenannte FBI, die Fachkraft für Berufliche Integration. Mindestens dreimal im Monat kommt er vorbei. Dabei sieht er sich nicht als Betreuer: "Ich bin eher das Sicherheits-Backup im Hintergrund", sagt er. Doch die meisten wissen die Chance zu nutzen. "Diese Menschen legen den Hebel noch einmal um", erzählt der Fachmann: "Sie fühlen sich gebraucht."

Viele bringen eine gute Ausbildung mit

32 Werkstattmitarbeiter des Lebenshilfewerks Waldeck-Frankenberg arbeiten zurzeit auf BiB-Plätzen. In den kommenden Jahren soll ihre Zahl auf 52 steigen. Sie arbeiten in Altenheimen, Krankenhäusern und Kindergärten, in Supermärkten, Sanitätshäusern und Spülküchen, aber auch in der Produktion – etwa bei Möbelhersteller Thonet, Heizungsbauer Viessmann oder bei der Firma Heitec Heißkanaltechnik Hettich. Ein Beschäftigter ist sogar in einem Buchladen tätig.

"Damit wollen wir unseren Mitarbeitern weitere berufliche Perspektiven bieten", erklärt Olaf Stapel vom Vorstand des Lebenshilfe-Werks. Zudem seien unter den psychisch kranken Menschen viele mit einer guten Ausbildung.

Ursula Stanjek-Büchel hat einst Krankenschwester gelernt und im Hospital zum Heiligen Geist gearbeitet. Doch nach einer Wochenbett-Depression wurde sie krank. Über viele Jahre fühlte sie sich ihrem Alltag kaum gewachsen, traute sich nichts mehr zu und musste mehrfach in die Klinik. Sie war erst 38, als die Ärzte ihr eine chronische Grunderkrankung bescheinigten.

Gar nicht mehr zu arbeiten, konnte sie sich allerdings nicht vorstellen. "Krank sein ist keine Schande", sagt Stanjek-Büchel: "Aber liegen bleiben sollte man nicht." 2011 ging sie erst in eine Werkstatt des Berufsbildungswerks in Warburg. 2015 wechselte sie nach Bad Wildungen, weil sie im Fritzlarer Stadtteil Ungedanken ein Häuschen geerbt hatte. In der Lebenshilfe-Werkstatt saß sie an der Nähmaschine und reparierte Krankenhauswäsche.

Doch sie wollte wieder in ihrem Berufsbereich arbeiten und ging zu Karl-Heinz Ködding, der sich auf die Suche nach einer passenden Stelle machte. Vor einem Jahr startete Stanjek-Büchel mit einem Praktikum. Und sie war von Anfang an begeistert. Inzwischen möchte sie auf jeden Fall bis zur Rente im Pflegezentrum Waldeck bleiben. Stanjek-Büchel: "Ich arbeite schrecklich gern hier."

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