Ärzte Zeitung online, 06.06.2018

Raumfahrt

Ärztin begleitet Gerst zur ISS

Die US-Ärztin Serena Auñón-Chancellor wird die kommenden Monate gemeinsam mit dem deutschen Astronauten Alexander Gerst auf der ISS verbringen. Dort sind zahlreiche medizinische Experimente vorgesehen.

Von Anne Zegelman

Ärztin begleitet Gerst auf dem Weg zur ISS

Serena Auñón-Chancellor ist Ärztin und Astronautin.

© Robert Markowitz/Nasa

BAIKONUR. Pünktlich um 13.12 Uhr ist die Sojus-Rakete vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan zur Raumstation ISS gestartet.

Neben dem deutschen Astronauten Alexander Gerst sind auch die US-Ärztin Serena Auñón-Chancellor und der russische Kampfpilot Sergej Prokopjew an Bord. "Stimmung in der Crew ist super", hatte Gerst noch am Morgen des 6. Juni während der Busfahrt vom Hotel zum Startkomplex getwittert.

Während seines sechsmonatigen Aufenthaltes auf der fliegenden Forschungsstation kommt auf Gerst – neben regulären Betriebs- und Wartungsarbeiten – ein riesiges Pensum an Forschungsaufgaben zu.

Er ist an insgesamt mehr als 100 Experimenten der Weltraumorganisationen Europas (ESA), Russlands (Roskosmos), Japans (JAXA), Kanadas (CSA) und der USA (NASA) beteiligt.

Die etwa 40 europäischen Experimente kommen aus den Bereichen Materialwissenschaften, Fluidphysik, Raumfahrtmedizin, Strahlenbiologie, Biotechnologie, Sonnenforschung, Astrophysik und weiterer technologiscer Felder.

Experimente aus der Medizin

Breiten Raum nimmt dabei die Humanphysiologie ein. Dazu sind eine ganze Reihe von Experimenten zu den Themen Hautalterung und Hautschutz, Ernährung und Stoffwechsel sowie Strahlenschutz vorgesehen.

Im Projekt "Myotone" zum Beispiel geht es darum, die biomechanischen Eigenschaften des ruhenden menschlichen Muskels zu untersuchen – auch für die Reha nach Knochenbrüchen könnten die Ergebnisse interessant sein.

Das auf künstlicher Intelligenz basierende System "Cimon" soll Gerst auf der Station assistieren und unter anderem Stimme und Gesicht erkennen können.

Die Wissenschaftler interessiert, ob durch die Interaktion mit dem Roboter "Cimon" eine ausgedehnte Phase ohne menschlichen Kontakt erleichtert werden kann – zum Beispiel bei längeren Raumflügen.

Fortgesetzt werden soll auch das bereits seit 2013 laufende Experiment Skin-B. Bei dem gemeinsam von Deutschem Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und ESA umgesetzten Projekt wird die Veränderung der Haut von Astronauten an Bord der Raumstation mittels spezieller Messgeräte untersucht.

An der Schnittstelle zwischen der Erprobung neuer Kleidung und der medizinischen Forschung ist das Experiment SpaceTex zu finden. Die Hohenstein Institute Bönnigheim werden hier zusammen mit der Charité Berlin, dem DLR und dem Textilunternehmen Schoeller Textil AG (Schweiz) Textilien für Astronauten erproben.

Die Erkenntnisse fließen in neuartige Textilprodukte mit besonderen Eigenschaften ein, wie leitfähige, thermoregulierende oder selbstreinigende Gewebe. Diese helfen künftig auch irdischen Kräften unter extremen klimatischen und physiologischen Bedingungen auf der Erde.

Medizinerin mit Technik-Faible

Während ihr Kollege Gerst schon Weltraumerfahrung mitbringt, ist es für die 42-jährige Internistin Serena Auñón-Chancellor aus Colorado der erste Raumflug. Im NASA-Podcast verriet sie einige Tage zuvor, dass sie schon immer für die amerikanische Raumfahrtbehörde habe arbeiten wollen und deshalb zunächst die Ingenieurslaufbahn eingeschlagen habe.

Erst am College habe sie durch Kommilitonen erfahren, dass es eine Möglichkeit gibt, ihre Leidenschaft fürs Technische mit ihrem medizinischen Interesse zu verknüpfen.

"An der Biomedizintechnik hat mich fasziniert, dass sie das Wissen über den menschlichen Körper mit dem Ingenieurswesen verbindet", so Auñón-Chancellor im Interview mit der NASA.

Letztlich sei der menschliche Körper mit einem technischen System gut vergleichbar – der Mensch müsse nahtlos in die Abläufe einer Raumstation integriert werden, weshalb die Mitarbeit von Medizinern dringend erforderlich sei.

Auñón-Chancellor praktiziert

Die NASA engagierte sie schließlich nach einer beharrlichen Bewerbung und mehreren Zusatz-Weiterbildungen als Flug-Chirurgin ("flight surgeon").

Die Internistin verbrachte mehr als neun Monate in Russland, wo sie Astronauten medizinisch betreute – und wurde schließlich 2009 selbst als Astronautin ausgewählt.

Im März 2017 wurde Auñón-Chancellor zunächst für die ISS-Expedition im November 2018 bis Mai 2019 zugeteilt – dann jedoch wurde ihr Einsatz vorgezogen, da die ursprünglich für den Juni-Einsatz vorgesehene Astronautin ersetzt werden musste.

Obwohl sie für die NASA arbeitet, praktiziert Auñón-Chancellor weiter aktiv. An der Medizin gefällt ihr, dass sie so vielen unterschiedlichen Menschen begegnet.

Als Ärztin sei sie Detektivin und Gate-Keeper ¨— und nun auch noch Astronautin.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wie man trotz Plätzchen den Kilos trotzt

Ein Lebkuchen hier, ein Dominostein da und dann noch die fette Weihnachtsgans. Forscher geben studiengeprüfte Tipps gegen den üblichen Gewichtszuwachs an den Feiertagen. mehr »

Psychotherapeuten wehren sich gegen gestufte Versorgung

Als „Diskriminierung psychisch kranker Menschen“ kritisieren die Psychotherapeuten die von der Koalition geplante Vorstufe zur Behandlerwahl für eine Psychotherapie. mehr »

Prostatakrebs immer früher entdeckt

Im Vergleich zu den 1990er Jahren wird das Prostatakarzinom bei Männern unter 50 Jahren heute bereits in früheren Stadien diagnostiziert. Darauf deuten Studienergebnisse hin. mehr »