Ärzte Zeitung, 27.10.2018

Frauengesundheitskonferenz

Frauen in der Minijob-Falle

Frauen sind im Arbeitsleben strukturell benachteiligt, sagt Sozialwissenschaftlerin Meier-Gräwe: Sie seien überwiegend in "Berufen mit eingebautem Verarmungsrisiko" tätig.

Von Heidi Niemann

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin" – so steht es seit 1949 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Nach fast 70 Jahren sieht die Realität in der Arbeitswelt immer noch deutlich anders aus: Frauen haben die schlechteren Jobs und sind schlechter bezahlt. Frauen seien strukturell benachteiligt, sagte Professor Uta Meier-Gräwe vom Institut für Wirtschaftslehre der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dies wirke sich auch auf die Gesundheit aus.

Vor allem ein Kennzeichen der heutigen Arbeitswelt ist der Gießener Wissenschaftlerin, die auch mehrere Jahre lang Bundesvorsitzende von Pro Familia war und aktuell der Sachverständigenkommission zur Erstellung des 2. Gleichstellungsberichts der Bundesregierung angehört, ein Dorn im Auge:

Trotz des Job-Booms seien mehr als 40 Prozent der neuen Stellen befristet, kritisierte Maier-Gräwe. Vor allem Frauen würden nur auf Zeit eingestellt, weniger als die Hälfte von ihnen werde nach einem Zeitvertrag übernommen. Dies verursache Stress und Sorgen. Befristungen sollten auf ein Mindestmaß reduziert, sachgrundlose Befristung ganz abgeschafft werden, forderte sie.

Die Wirtschaftsexpertin kritisierte auch die "unsäglichen Minijobs." Minijobs hätten keine Brückenfunktion in den ersten Arbeitsmarkt. "Das funktioniert nicht", erklärte Maier-Gräwe. Derzeit verdienten zwei Drittel der Frauen in Deutschland nicht genug, um selbst ihren Erwerb zu sichern. Auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssten Frauen bessere Berufs- und Erwerbschancen ermöglicht werden. Minijobs trügen auch kaum zur Alterssicherung bei. So hätte beispielsweise eine Frau, die ab dem 35. Lebensjahr kontinuierlich in 450-Euro-Jobs arbeite, bei ihrem Renteneintritt im Jahr 2048 einen Rentenanspruch von gerade einmal 163 Euro.

Während Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen den Hauptanteil stellen, seien sie in Führungspositionen weiterhin stark unterrepräsentiert, kritisierte Maier-Gräwe. "In anderen Ländern ist man da viel weiter." In Deutschland seien Frauen am häufigsten in den sogenannten SAHGE-Berufen (Soziale Arbeit, haushaltsnahe Dienstleistungen, Gesundheit und Pflege sowie Erziehung) tätig, wo sie 80 Prozent der Beschäftigten stellen. "SAHGE"-Berufe seien aber "Berufe mit eingebautem Verarmungsrisiko", die sich zudem durch eine hohe Arbeitsintensität auszeichneten, sagte die Wissenschaftlerin.

Probleme in der Pflege

Besonders belastend seien in dieser Auflistung die Pflegeberufe. Laut einer Krankenkassen-Studie ist in Pflegeberufen ein "besorgniserregendes Erkrankungsgeschehen" zu verzeichnen. Nur in 43 Prozent der untersuchten Altenhilfeeinrichtungen gebe es eine betriebliche Gesundheitsförderung.

Die strukturelle Ungleichheit im Berufsleben wirkt sich auch auf die Rente aus. Frauen hätten eine um mehr als 50 Prozent niedrigere Altersversorgung und seien daher besonders stark von Altersarmut bedroht, sagte Maier-Gräwe. Dieser eklatante "Gender-GAP" ist auch eine Folge des weitverbreiteten "Zuverdiener-Modells". Nach der Geburt eines Kindes komme es häufig zu einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen, erläuterte Maier-Gräwe. Während der Vater weiter seiner Berufstätigkeit nachgehe, reduziere die Mutter ihre Berufstätigkeit, um sich um das Kind kümmern zu können. Frauen mit Kind hätten durchschnittlich nur einen Anteil von 22,6 Prozent am Erwerbseinkommen.

Dabei wünschten sich 60 Prozent der Eltern eine gleiche Arbeitsteilung. Maier-Gräwe fordert deshalb eine Veränderung der Rahmenbedingungen und einen neuen Produktionsbegriff in der Arbeitswelt: "Wir brauchen ein neues Modell, das Erwerbs- und Sorgearbeit gleichberechtigt miteinander verbindet", sagte Maier-Gräwe. Dazu gehöre eine entsprechende Aufwertung der SAHGE-Berufe. "Aus den Sackgassenberufen müssen echte Lebensberufe werden."

Lesen Sie dazu auch:
Frauengesundheitskonferenz: Fürsorge auf Kosten der Gesundheit

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