Ärzte Zeitung online, 30.11.2018

Experimente an Embryonen

Veränderte Gene – veränderte Welt

Der chinesische Wissenschaftler Dr. He Jiankui hat mit seiner Keimbahntherapie beim Menschen die Welt der Genforscher auf den Kopf gestellt.

Ein Leitartikel von Peter Leiner

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Durch künstliche Befruchtung entstanden die von He manipulierten Embryos.

© Dmytro Sukharevskyy / fotolia.com

HONGKONG. So manch einer hatte nicht damit gerechnet, dass er doch noch seinen Vortrag vor der versammelten Wissenschaftlergemeinde auf dem 2. Internationalen Gipfeltreffen zum Human Genome Editing in Hongkong halten würde.

Aber Dr. He Jiankui von der Southern University of Science and Technology in Shenzen in China trat – mit etlicher Verzögerung – an das Rednerpult und erläuterte ruhig Einzelheiten seiner Keimbahntherapie.

Seit Anfang der Woche hält er damit nicht nur Genforscher und -therapeuten in Atem. Denn er hatte unter anderem per Video im Internet verkündet, durch seine Keimbahntherapie seien kürzlich zwei Mädchen auf die Welt gekommen, deren Erbgut er im Embryonalstadium mithilfe des CRISPR-Cas9-Verfahrens verändert habe.

Die künstliche Befruchtung sei per intrazytoplasmatischer Spermieninjektion erfolgt. Eines der genmanipulierten Babys sei gegen HIV-resistent, weil ihm der Rezeptor CCR5 fehle.

Untersuchungen nach der Geburt hätten bestätigt, dass die Mädchen, von denen eines auch genetisch nicht veränderte Zellen habe, gesund seien. Nun sei geplant, sie bis zum 18. Lebensjahr zu beobachten.

Auf Nachfrage, ob es noch weitere Schwangerschaften nach einer Keimbahntherapie gebe, bestätigte er eine.

Ein weiterer Schock für die Wissenschaftsgemeinde, die sich schon lange verpflichtet hat, auf die menschliche Keimbahntherapie zu verzichten, solange das Verfahren, etwa CRISPR, nicht ausreichend sicher ist.

„Kein medizinischer Bedarf für die Mädchen“

Die sonst übliche Podiumsdiskussionsrunde fiel nach dem skurrilen Vortrag denn auch ganz anders aus als von solchen Veranstaltungen gewohnt. Der Forscher saß – fast wie während eines Tribunals – allein zwischen zwei Wissenschaftlern, die ihn wechselweise ausgiebig zu seiner Keimbahntherapie befragten.

Bei der Bewertung dessen, was He gemacht hatte, brachte es Professor David Liu vom Broad Institute in Cambridge in Massachusetts in einem Diskussionsbeitrag auf den Punkt: „Ich sehe einfach keinen medizinischen Bedarf für die beiden Mädchen.“

Weil nur der Vater HIV-positiv sei und zudem die Spermien gewaschen worden seien, könnten auch ohne die Keimbahntherapie HIV-negative Embryonen entstehen.

He, der auf viele Fragen nur vage antwortete, betonte nur, er sei stolz auf das, was er getan habe und für seine Kinder auch machen würde.

Für Nobelpreisträger Professor David Baltimore, Vorsitzender des Organisationskomitees, ist dieser Fall ein Beleg dafür, dass innerhalb der Wissenschaftsgemeinde ein Versagen der Selbstkontrolle vorliege – wegen der fehlenden Transparenz.

Harsche Kritik von Wissenschaftlern

Die meisten Wissenschaftler, die sich bereits kurz nach der Verkündigung zu dem Versuch geäußert hatten, verurteilen die Veränderung der Keimbahn, unter anderem mehr als 120 chinesische Forscher in einem gemeinsamen Statement.

Das hat auch Dr. Jennifer Doudna getan, Professorin für Chemie an der Universität von Kalifornien in Berkeley und Mitentdeckerin des bakteriellen CRISPR-Systems als neuem gentechnischem Verfahren. In ihrer Stellungnahme betont sie, es sei unerlässlich, dass sich He und seine Kollegen zu ihrem Bruch mit dem globalen Konsens bekennen, dass die Anwendung von CRISPR-Cas9 zur Editierung der menschlichen Keimbahnen derzeit wegen der Nebenwirkungen nicht fortgesetzt werden sollte.

Sie hofft, dass die Neuigkeiten aus China nicht von den klinischen Anstrengungen ablenkten, die CRISPR-Methode zur Heilung von Erwachsenen und Kindern – ohne Eingriff in die Keimbahn – anzuwenden.

Tatsächlich stehen Wissenschaftler bereits in den Startlöchern, die Methode etwa bei Patienten mit Sichelzellanämie oder Beta-Thalassämie in Europa und USA klinisch zu prüfen.

Wissenschaft und Politik wachgerüttelt

Bereits durch seinen öffentlichen Auftritt im Internet und jetzt durch die Präsentation beim Gipfeltreffen hat He die Diskussionen befeuert – und die Gegner der Keimbahntherapie zum jetzigen Zeitpunkt, etwa durch CRISPR-Methoden, zusammengeschweißt.

Vielleicht hat die Nachricht Wissenschaftler und politisch Verantwortliche weltweit wachgerüttelt, damit alles Mögliche getan wird, um solche Versuche zu verhindern.

Es gibt nach Angaben von Professor Hans Schöler, Leiter des Max-Planck-Instituts für Molekulare Medizin in Münster und Mitglied unter anderem der unabhängigen International Society for Stem Cell Research, von den verschiedenen Fachgesellschaften bereits Stellungnahmen zur Keimbahntherapie.

„Man muss spätestens jetzt alle gesellschaftlichen Gruppen an einen Tisch führen, um zu diskutieren, ob man diese Dinge langfristig gestattet, oder ob man sagt: Vor allen Dingen an der Keimbahn sollte man nicht manipulieren“, wie Schöler im Deutschlandfunk sagte.

In ihrem Abschlussstatement rufen die 14 Organisatoren des Gipfeltreffens in Hongkong dazu auf, die Behauptung von He durch unabhängige Wissenschaftler überprüfen zu lassen.

Das Vorgehen des Forschers, ob bestätigt oder nicht, sei unverantwortlich und entspreche nicht den internationalen Normen. Sie beklagen zudem den Mangel an Transparenz bei der Entwicklung, Begutachtung und Durchführung des Experiments.

Rufe nach internationalem Register

Das Komitee spricht sich für ein permanentes länderübergreifendes Forum aus, unter anderem, um den Dialog mit der Öffentlichkeit auszuweiten und ein internationales Register für alle laufenden und geplanten Experimente aufzubauen.

Inzwischen ist die Internetseite des chinesischen Forschers, auf die er in seinem Vortrag noch hingewiesen hatte, vollständig abgeschaltet, nachdem wenige Tage zuvor bereits seine Pressemitteilung und sein Dokument zur Einverständniserklärung – das 23-seitige, von vier Personen begutachtete „Informed Consent“ – für potenzielle Eltern gesperrt waren.

Schwer zu sagen, ob das alles ein gutes Zeichen für den Forscher ist.

Weitere Forschungsaktivitäten wurden He von der chinesischen Regierung untersagt. Die von He berichteten Versuche seien „äußerst abscheulicher Natur“ und verletzten chinesische Gesetze und die wissenschaftliche Ethik, sagte der stellvertretende Wissenschaftsminister Xu Nanping der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua.

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