Ärzte Zeitung, 03.06.2004

Die wilden Männer am Grill

Am Grillrost werden Urinstinkte geweckt / Forschungsprojekt "Grillen und Lebensstil"

FREIBURG (dpa). Männer am Grill fühlen sich in die Rolle des Jägers und Höhlenmenschen zurückversetzt. Am Grillrost würden die männlichen Urinstinkte geweckt, sagte Nina Degele, Professorin für Soziologie und Geschlechter-Forschung an der Universität Freiburg, in einem dpa-Gespräch.

"Die Arbeit mit rohem Fleisch wird als eindeutig männlich und archaisch empfunden", sagte sie. Grillen sei daher vor allem beim männlichen Geschlecht beliebt. Frauen dagegen würden meist wenig Lust empfinden, am Grillrost zu stehen.

"Am Grill wird mit der Beute hantiert, die mit eigenen Händen in freier Natur zubereitet wird", sagt Nina Degele. Thematisch gehe es um den wilden Mann, der für die Nahrungsaufnahme hart arbeiten müsse und der für die Versorgung der ganzen Gruppe verantwortlich sei.

Zudem werde am Grill die Rolle in der Gesellschaft entschieden. "Wer Feuer anzündet, steht in der Sozialhierarchie ganz oben", sagte die Professorin, die das vor drei Jahren gestartete Forschungsprojekt "Grillen und Lebensstil" leitet.

"Grillen wird in Deutschland immer beliebter", so Nina Degele. Das Hantieren mit der Bratwurstzange gelte mittlerweile als "Lifestyle-Phänomen an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne". Grillfans würden vor allem die Gemeinschaft schätzen. Das erinnere an Zeiten, in denen an Feuerstellen gemeinsam das Essen zubereitet und zu sich genommen wurde.

"Grillen ist auch ein Ritual, bei dem die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gezeigt wird", sagt Nina Degele. Jungen und Männern sei wichtig, einer Gruppe anzugehören und sich dort darzustellen. Dies funktioniere am Grill besonders gut.

"Männer tun eher Dinge draußen, die sichtbar sind. Das ist prestigeträchtiger als die Arbeit hinter Fenstern und Türen", meint Nina Degele weiter. Hausarbeit stößt auf wenig Gegenliebe stoße, das Grillen dagegen steht bei Männern hoch im Kurs.

Die Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen sei beim gemeinsamen Grillen klar geregelt. "Am Grill ist der Mann der Chef. Er steht im Mittelpunkt des Geschehens." Er finde Lob und Anerkennung, weil er öffentlichkeitswirksam die Nahrungszufuhr sichere und Verantwortung für die Gemeinschaft übernehme. Wenn es jedoch um die Zubereitung der Salate gehe oder nach dem Grillen um das Aufräumen und den Abwasch, dann seien die Frauen gefragt, so Nina Degele.

Am morgigen Freitag starten in Pirmasens die diesjährigen Grill-Weltmeisterschaften. Angemeldet haben sich nach Angaben der Organisatoren insgesamt 64 Teams aus 23 Nationen.

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