Ärzte Zeitung online, 29.05.2018

Fußball-WM

Das Doping-Rad dreht sich weiter

Russland und Doping: eine Debatte ohne Ende. Immer neue Details werden bekannt; viele Fragen bleiben offen. Zum Beispiel diese hier: Darf Doping-Experte Hajo Seppelt zur Fußball-WM einreisen?

Von Frank Thomas und Florian Lütticke

Doping bleibt Topthema

Hajo Seppelt hat fächendeckendes Doping im russischen Sport aufgedeckt.

© picture alliance / Anton Denisov

AUGSBURG. ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt empfindet das Ausmaß der Reaktionen aus Russland auf seine Recherchen "manchmal schon krass". Natürlich trete er "Leuten immer auf den Schlips mit dem, was wir tun", sagte Seppelt in einem Interview der "Augsburger Allgemeine" (Montag).

"Weil wir die Interessen der Lobbyisten aus dem Sportbusiness tangieren. Das können die natürlich nicht gut finden. Aber so massiv, wie Russland reagiert, das ist tatsächlich schon eine andere Ebene", fügte er hinzu auf die Frage, ob er das russische Verhalten als persönliche Bedrohung empfinde.

Ungeklärt ist, ob Seppelt zur Fußball-WM nach Russland einreisen darf. Russland hatte ihm zunächst ein Visum erteilt, dieses dann aber für ungültig erklärt. Nun soll Seppelt erst befragt werden, ehe er einreisen darf. Der interne Abstimmungsprozess darüber sei noch nicht abgeschlossen, sagte der 55-Jährige.

Staatstragende Angelegenheit

Seppelt hatte mit seinen Recherchen aufgedeckt, dass im russischen Sport über Jahre flächendeckend manipuliert wurde. Seitdem gilt er in Russland als Staatsfeind, wird massiv beleidigt und bedroht. "Wenn man sich kritisch mit einem Sportsystem auseinandersetzt, führt es in Russland offensichtlich dazu, dass es zu einer staatstragenden Angelegenheit wird. Manche fühlen sich offenbar dort derart angegriffen, dass man meint, zu solch harschen Mitteln greifen zu müssen", sagte Seppelt.

In dem jüngsten Brief Russlands an die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sieht der Experte kein Eingeständnis von Staatsdoping. "Es schien zunächst so, als habe Russland einen Schritt nach vorne gemacht hat, indem es systematisches Doping anerkannt hat. Stimmt nur nicht.

Es heißt in dem Brief nur, man gebe Manipulationen im Anti-Doping-System zu", sagte der ARD-Journalist. Es erfolge aber ausdrücklich "kein Eingeständnis staatlichen Dopings, wie es der McLaren-Bericht aussagt. Den lehnen sie weiter ab", so Seppelt.

Russische Kontrolleure außen vor

Bei den Dopingtests während der Fußball-Weltmeisterschaft will der Weltverband FIFA den russischen Gastgeber komplett außen vor lassen. Der Prozess "vom Beginn bis zum Ende" solle "von der FIFA ohne russisches Eingreifen" geschehen, sagte FIFA-Chefarzt Michel D'Hooghe der englischen Zeitung "The Times".

"Das bedeutet, dass die Chaperones, die die Spieler vom Feld geleiten, von der FIFA eingesetzt und nicht-russisch sein werden." Die bei der Weltmeisterschaft (14. Juni–15. Juli) entnommenen Proben werden im Labor in Lausanne analysiert.

Die FIFA hatte in der vergangenen Woche klargestellt, dass es bei einer Untersuchung keine Beweise für Doping-Vergehen aktueller russischer Nationalspieler gebe. Gegen mehrere Spieler, die nicht bei der WM im Einsatz sein werden, laufen hingegen noch Untersuchungen. Im 2016 veröffentlichten Report des Doping-Ermittlers Richard McLaren zum Staatsdoping in Russland waren 154 Proben von russischen Fußballern erwähnt worden. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 gab es einen großen Dopingskandal um manipulierte Proben.

Der frühere FIFA-Chefmediziner Jiri Dvorak sieht derweil Versäumnisse im Kampf gegen Doping in Russland. Er habe sich vergeblich für biologische Pässe von Spielern in der russischen Liga eingesetzt, sagte der Tscheche der "Neuen Zürcher Zeitung". Dvorak hatte den Posten im November 2016 verlassen.

Einem Bericht des britischen "Guardian" zufolge soll dies in seinen Ermittlungen zu Dopingvorwürfen gegen russische Fußballer vom Weltverband erzwungen worden sein. Die FIFA wies diese Darstellung als haltlos zurück.

Unterdessen hat Russland in einem Schreiben an die Welt-Anti-Doping-Agentur erstmals systematisches Doping eingestanden. "Die ernsthafte Krise, die den russischen Sport belastet hat, wurde von inakzeptablen Manipulationen des Anti-Doping-Systems verursacht, die von Untersuchungen unter der Federführung der WADA und des IOC aufgedeckt wurden", heißt es in einem Brief, aus dem die Sportzeitung "L'Equipe" am Freitag zitierte. (dpa)

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