Ärzte Zeitung, 06.11.2009

Wenn Menschen sich ungesund ernähren, können Vitaminpräparate helfen

Alte Menschen und chronisch Kranke haben oft Lücken in der Vitamin- und Mineralstoffversorgung. Diese mit Präparaten zu füllen ist angebracht. Es ist aber umstritten, Mikronährstoffe darüber hinaus hoch dosiert zuzuführen.

Von Kerstin Nees

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Reichen Obst und Gemüse, oder sind Vitaminpräparate nötig?

Foto: imago

Ein gesunder Mensch braucht keine Vitamin- und Mineralstoffsupplemente, wenn er sich ausgewogen ernährt, nicht raucht, sich ausreichend bewegt, nur wenig Alkohol trinkt und kein Übergewicht hat. So konstatiert regelmäßig die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Im Praxisalltag trifft man jedoch selten auf gesunde Menschen ohne Risikofaktoren.

Lücken in der Versorgung sind vor allem bei alten Menschen zu erwarten, da sie sich häufig einseitig oder mitunter sehr dürftig ernähren. Für Professor Hans-Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim ist daher klar: "Bei alten Menschen würde ich grundsätzlich ein Multivitamin- und Multimineralstoffpräparat geben." Vor allem die Versorgung mit Vitamin D, Folsäure und Vitamin B12 sei im höheren Alter problematisch.

Die Gründe dafür liegen nicht nur in einer unzureichenden Zufuhr mit der Nahrung, sondern auch an physiologischen Veränderungen, erklärt der Vitaminforscher. So wird die Synthese von Vitamin D in der Haut mit zunehmendem Alter schlechter und Vitamin B12 wird aufgrund einer altersbedingten Magenschleimhautatrophie aus der Nahrung nicht mehr aufgenommen. Sinnvoll sei die Nahrungsergänzung mit Mikronährstoffen zudem bei frisch Operierten und bei Übergewichtigen, vor allem wenn sie eine Diät einhalten.

Biesalski rät grundsätzlich dazu, Präparate zu verwenden, die alle benötigten Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente in einem ausgewogenen Verhältnis enthalten. Einen Anhaltspunkt für ausreichende und sichere Dosierung liefern die in der europäischen Nährwertkennzeichnungs-Richtlinie angegebenen Richtwerte, die europäischen Recommended Dietary Allowances (RDA). Ein Produkt sollte sich vor allem auf die Inhaltsstoffe beschränken, für die es RDA gibt. "Der Arzt sollte sich das Präparat genau ansehen und prüfen, ob es ausgewogen ist. Es gibt welche, die enthalten von dem einen Mikronährstoff nur 10 Prozent der Empfehlung und von dem anderen 150 Prozent. Das bringt nichts."

Die Supplementation von Einzelsubstanzen oder speziellen Kombinationen wie Rauchervitaminen und Ähnlichem lehnt der Arzt und Ernährungswissenschaftler ab. "Das Problem, wenn wir mit ein, zwei Substanzen arbeiten: Wer gibt mir dann die Sicherheit, dass nicht auch noch Substanz 5 und Substanz 27 fehlen?" Eine wirklich gute und aussagekräftige Labordiagnostik für die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen gibt es nicht.

Hinweise für eine Unterversorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen ergeben sich aus der Anamnese. Die meisten Symptome wie Müdigkeit, Erschöpfung und Reizbarkeit sind aber unspezifisch und wenig wegweisend. Stimmungsschwankungen und Depressionen können auf Defizite in der Vitamin-B12-Versorgung hinweisen, diffuse Muskel- und Knochenschmerzen auf eine Untersorgung mit Vitamin D. Hier könne ein Versuch mit einem Supplement sinnvoll sein. Ein aussagekräftiger Laborparameter beim stärkeren Vitamin B12-Mangel ist das Serum-Holotranscobalamin, die biologisch verfügbare Form des Vitamins. Außerdem ist das Homocystein ein recht guter Marker für Lücken in der Versorgung mit Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12.

Eine "Vitaminkur" ist nach Auffassung von Biesalski nur beim Vitamin B12 angebracht. Da dieses Vitamin bei alten Menschen schlecht resorbiert wird, weil der benötigte "intrinsic factor" fehlt, ist die parenterale Gabe in Form einer intramuskulären "Aufbauspritze" sinnvoll. Dies gelte übrigens auch für Patienten mit Resorptionsstörungen und nach einer Darmoperation. "Dazu brauche ich auch keine Diagnostik. Das kann man zweimal im Jahr machen im Sinne einer ,Kur‘, weil Vitamin B12 gespeichert wird."

Sicher sind Supplemente, wenn sie Vitamine und Mineralstoffe in den Mengen enthalten, wie sie auch in normaler Ernährung vorkommen. Das Prinzip "Viel hilft viel" sei nicht angebracht. "Wenn man Betacarotin in der zehnfachen der empfohlenen Dosis über lange Zeit gibt, ist das möglicherweise nicht gesund." Auch die langfristige Einnahme von Vitamin E in hohen Dosen könne Nebenwirkungen mit sich bringen.

Nationale Verzehrstudie II

In der Nationalen Verzehrstudie II wurden von 2005 bis 2007 bundesweit fast 20 000 Personen im Alter von 14 bis 80 Jahre intensiv zu ihrem Lebensmittelverzehr befragt. Dabei ergaben sich Defizite beim Gemüseverzehr. Mit im Schnitt weniger als 250 Gramm Gemüse und Gemüsegerichten lag die deutsche Bevölkerung deutlich unter dem Soll von 400 Gramm Gemüse am Tag. Eine unzureichende Zufuhr an essenziellen Nährstoffen ist daher eher die Regel als die Ausnahme.

www.bmelv.de, "Nationale Verzehrstudie II" in Suchmaske

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