Ärzte Zeitung online, 04.12.2017
 

Metaanalyse

Kaffeetrinker leben länger: Aber liegt das auch am Kaffee?

Metaanalysen zum Kaffeetrinken deuten mehrheitlich auf gesundheitliche Vorteile – vor allem die Leber scheint zu profitieren, zudem leben Kaffeetrinker länger und bekommen seltener Krebs. Interventionsstudien können ein derart positives Bild aber nicht bestätigen.

Von Thomas Müller

Kaffeetrinker leben länger: Aber liegt das auch am Kaffee?

© Nitr - Fotolia

Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien sind bekanntlich fehleranfällig und können kausale Zusammenhänge nicht belegen. Daher ist es fraglich, ob die x-te Metaanalyse solcher Studien zu Kaffee den Erkenntnisgewinn tatsächlich vorantreibt. Gesundheitsforscher um Dr. Robin Poole von der Universität in Southampton versuchten es dennoch. Für eine Meta-Metaanalyse zu Kaffee haben sie 201 Metaanalysen zu Beobachtungsstudien und 17 zu Interventionsstudien ausgewertet. Die Beobachtungsstudien lieferten Aussagen zu 67 Krankheiten oder medizinisch relevanten Faktoren, die Interventionsstudien zu neun. In Letzteren wurden vor allem die Auswirkungen des Kaffeekonsums auf Blutdruck und Lipidwerte untersucht, aber auch auf Frühgeburten und Geburtsgewicht (BMJ 2017; 359: j5024).

Werden nur Analysen zu randomisiert-kontrollierten Studien betrachtet, so ist das Geburtsgewicht von Kindern kaffeetrinkender Schwangerer tendenziell geringer als das von Kaffeeabstinenzlerinnen, dafür sind Frühgeburten etwas seltener, die Differenzen erwiesen sich jedoch nicht als signifikant und beruhen letztlich auf einer einzigen Studie. Immerhin zwölf Interventionsstudien prüften die Auswirkungen auf Lipidspiegel, danach verschlechtern sich Gesamt- und LDL-Cholesterin (im Mittel um 7,4 und 3,9 mg/dl) sowie Triglyzeridwerte (12,4 mg/dl) signifikant durch den Kaffeekonsum. Deutlich negative Effekte auf die Lipidspiegel wurden bei unfiltriertem und koffeinhaltigem Kaffee beobachtet, für Filterkaffee und die entkoffeinierte Variante zeigten sich tendenziell, aber nicht signifikant ungünstige Auswirkungen auf die Lipidwerte.

Zwölf Interventionsstudien analysierten auch Blutdruckveränderungen. Danach kann Kaffee den Blutdruck etwas senken, unterm Strich war das Ergebnis aber eher marginal und nicht signifikant. Nach den wenigen Interventionsstudien, die ja als einzige überhaupt kausale Aussagen zulassen, hat Kaffee keinen einzigen nachgewiesen positiven Effekt, verschlechtert aber signifikant das Lipidprofil.

Keine Interventionsstudien zu Langzeiteffekten

Aus kurzen Interventionsstudien lassen sich jedoch kaum Langzeiteffekte ableiten; daher lohnt sich ein Blick auf die unzähligen Beobachtungsstudien – und hier sind Kaffeetrinker eindeutig im Vorteil, woran auch immer das liegen mag. Insgesamt erwies sich der Kaffeekonsum bei 19 Parametern als positiv und bei sechs als negativ, sofern hoher und geringer Kaffeekonsum verglichen wurden, was in den meisten Kaffeestudien der Fall war. Danach sieht es am besten für die Diabetesprävention aus. Kaffeetrinker erkranken zu 30 Prozent seltener an Typ-2-Diabetes, geht aus 27 Untersuchungen hervor. Die hohe Zahl der Studien und Patienten ergibt ein äußerst kleines Konfidenzintervall – der Zusammenhang ist also sehr robust. Auch Nierensteine, Gicht, chronische Lebererkrankungen, Parkinson und Lebertumoren sowie Mundtumoren treten bei Kaffeetrinkern statistisch belastbar seltener auf, numerisch am größten ist der Effekt bei Lebererkrankungen (minus 65 Prozent), Leberkrebs und Gicht (minus 50 Prozent) sowie der Sterberate nach einem Herzinfarkt (minus 45 Prozent). Für Leberkrebs ist das Konfidenzintervall ebenfalls sehr klein, was für einen belastbaren Zusammenhang spricht, für chronische Lebererkrankungen ist es jedoch relativ groß.

Auf der Gegenseite erkranken Kaffeetrinker signifikant häufiger an Lungenkrebs (plus 56 Prozent), auch kommt es häufiger zum Abort (plus 46 Prozent). Tendenziell, aber nicht signifikant öfter werden Frühgeburten, ein niedriges Geburtsgewicht, rheumatoide Arthritis und Lymphome beobachtet. Die Evidenz für diese negativen Effekte ist jedoch mit Blick auf Studien- und Teilenehmerzahlen sowie Konfidenzintervalle eher gering.

Ein ähnliches Bild ergibt sich für Studien, die Kaffeetrinker mit absoluten Abstinenzlern vergleichen, hier fällt zusätzlich ein um 17 Prozent reduziertes Risiko für Kolorektalkarzinome auf.

Optimal wäre eine Dosis von drei Tassen am Tag

Offenbar leben Kaffeetrinker auch länger. Die optimale Dosis – ein kausaler Zusammenhang vorausgesetzt – läge den Metaanalysen zufolge bei drei Tassen am Tag, dann ist die Sterberate um 17 Prozent geringer. Mit drei Tassen täglich ließe sich nach diesen Daten auch die kardiovaskuläre Sterberate – verglichen mit Abstinenzlern – am stärksten vermeiden (minus 19 Prozent); die Schlaganfallmortalität würde sogar um 30 Prozent gesenkt. Mit höheren Dosen schwächen sich die Effekte wieder ab.

Die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse ist nach den Resultaten der Analyse bei drei bis fünf Tassen täglich am geringsten (minus 15 Prozent).

Auch die Krebsinzidenz ist bei Kaffeetrinkern reduziert (minus 15 Prozent), dosisabhängige Effekte ergeben sich für Melanome sowie Tumoren in Prostata, Endometrium und Leber. Raucher scheinen nicht zu profitieren, auf sie wirkt sich Kaffeekonsum eher ungünstig aus und geht ab der vierten Tasse am Tag mit einem signifikant erhöhten Krebsrisiko einher. Das erhöhte Lungenkrebsrisiko bei Kaffeetrinkern lässt sich auf den Raucheranteil zurückführen, bei nichtrauchenden Kaffeetrinkern ist auch dieser Tumor seltener als unter Kaffeeabstinenzlern.

Wenig vorteilhaft scheint Kaffee in der Schwangerschaft zu sein. Hier deuten Interventions- und Beobachtungsstudien auf geringes Geburtsgewicht, Beobachtungsstudien zusätzlich auf ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten und Fehlbildungen, wenngleich bei Letzteren das Signifikanzniveau verfehlt wird. Die Forscher erinnern daran, dass sich die Koffeinhalbwertszeit in der Schwangerschaft verdoppelt und die Koffeinspiegel daher weitaus höher sind als bei vergleichbarem Kaffeegenuss vor der Schwangerschaft. Koffein kann zudem leicht die Plazenta überwinden. Kaffee ist also eher nichts für Schwangere.

Als weiterer Nachteil kristallisierte sich eine rund 14 Prozent erhöhte Frakturrate für Frauen mit hohem Kaffeekonsum heraus, bei Männern wurde dagegen ein protektiver Effekt beobachtet.

Die ungünstigen Effekte auf Lipidwerte erklären sich die Forscher mit dem hohen Diterpen-Gehalt von Kaffee. Diterpene seien in gefiltertem Kaffee jedoch kaum noch vorhanden. Zudem könnten protektive Effekte von Kaffeeinhaltsstoffen die negativen Effekte aufs Lipidprofil wieder wettmachen.

Allerdings: Der bislang einzige in kontrollierten Studien konsistent nachgewiesen Effekt von Kaffee bleibt eine Verschlechterung des Lipidprofils. Alles andere sind reine Assoziationen. So leben Menschen mit einem moderaten Kaffeekonsum vielleicht insgesamt gesünder als solche, die keinen Kaffee trinken oder trinken dürfen, etwa weil sie bereits schwer krank sind. Sie leben vielleicht auch gesünder als solche mit hohem Kaffeekonsum. Denn wer besonders viel Kaffee trinkt, tut dies, weil er vielleicht ein besonders stressiges Leben führt oder regelmäßig nach einer durchzechten Nacht morgens wieder in die Gänge kommen muss – beides keine guten Voraussetzungen für ein langes und gesundes Leben.

[05.12.2017, 11:20:32]
Dr. Ernst Albert Göbel 
"gesunder Kaffee"
Das ganze klingt doch sehr nach Kaffeesatzleserei. Zuviel ist sicher ungesund, weniger ist oft mehr! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gegen Husten taugen Medikamente wenig

Abwarten und Tee trinken, mehr wollen US-Experten gegen erkältungsbedingten Husten nicht empfehlen. Allenfalls etwas Honig bei Kindern halten sie noch für geeignet. mehr »

Erst krebskrank, dann Hypertoniker

Überlebende von Krebserkrankungen in der Kindheit tragen ein erhöhtes Hypertonierisiko: Im Alter von 50 Jahren sind 70 Prozent betroffen. mehr »

Macht das Stadtleben krank?

Stadtluft kann Schizophrenie begünstigen, glauben Wissenschaftler. Ein Chefarzt der Charité fordert deshalb eine Public-Mental-Health-Strategie für urbane Räume. mehr »