Ärzte Zeitung online, 17.04.2018

Ausstellung

Das Elend der Kinder von Bergen-Belsen

In dem Lager der Nationalsozialisten in der Lüneburger Heide waren zwischen 1943 und 1945 außergewöhnlich viele Minderjährige inhaftiert. Ihre traumatischen Erlebnisse beschreibt eine neue Ausstellung, die auf Interviews mit Überlebenden basiert.

Von Christina Sticht

Das Elend der Kinder von Bergen-Belsen

Diese Strickpuppe war das Einzige, was Lous Steenhuis-Hoepelman in Bergen-Belsen bei sich hatte.

© picture alliance / Philipp Schul

LOHHEIDE. Sie hungerten, litten unter Seuchen, und manche mussten ihren Eltern oder Geschwistern beim Sterben zusehen: Das Schicksal der im Konzentrationslager Bergen-Belsen inhaftierten Kinder steht im Zentrum einer Ausstellung in der Gedenkstätte im Kreis Celle. Es handele sich um die bundesweit erste umfassende Darstellung über Kinder in einem nationalsozialistischen KZ, teilte die Gedenkstätte Bergen-Belsen mit. Rund 3500 Mädchen und Jungen unter 15 Jahren waren Ende des Zweiten Weltkriegs in dem Lager in der Lüneburger Heide inhaftiert, etwa 600 von ihnen starben an Entkräftung, Krankheiten oder Gewalt.

Basis für die bis zum 30. September laufende Schau sind rund 120 lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen Kinderhäftlingen, die Mitarbeiter der Gedenkstätte seit 1999 geführt haben. Viele Überlebende berichten vom stundenlangen Stillstehen auf dem Appellplatz – einer Schikane der SS-Leute im Regen, im Schnee und in der prallen Sonne. "Man hatte natürlich panische Angst vor den Hunden", beschreibt Michael de Vrier die tägliche Tortur, der alle Lagerinsassen ab vier Jahren ausgesetzt waren.

Schlägereien ums Essen

Die größte Qual aber war in den Erinnerungen die schlechte Ernährung. Wer noch Angehörige hatte, bekam häufig von ihnen etwas Brot ab. Die elfjährige Yvonne Koch, die damals noch Poláková hieß, war allein aus der Slowakei nach Bergen-Belsen verschleppt worden. Sie strich oft auf der Suche nach Essbarem in der Nähe der Küchenbaracke herum. Eine Russin steckte ihr erst eine Rübe und eines Tages ein Paar gestrickte Handschuhe zu. Zeichen menschlicher Wärme waren aber selten, berichten die Überlebenden. Sie wurden zunehmend Zeugen von Gewalt auch unter Häftlingen – etwa Schlägereien ums Essen.

Auf die irritierende, verängstigende und zunehmend lebensbedrohliche Umgebung entwickelten die Kinder eigene Reaktionen, wie Diana Gring und Thomas Rahe in ihrem Aufsatz "Kinder im KZ Bergen-Belsen" schildern. Die traumatisierenden Erfahrungen versuchten sie, in Spielen zu bewältigen. So spielten sie "Jude und Nazi" oder wetteiferten, wer mit den Händen an den abgemagerten Körpern am tiefsten unter den Brustkasten fassen konnte. Zudem gab es Ratespiele, wer in der Baracke als Nächstes sterben würde. Mehrere Kinder lernten gar am Abzählen von Leichen das Rechnen.

In Bergen-Belsen starben allein zwischen Januar 1945 und der Befreiung Mitte April 1945 mindestens 35.000 Menschen, darunter auch die 15-jährige Anne Frank, die mit ihren Tagebüchern posthum weltbekannt wurde. Zum Schluss lagen Tausende Leichen auf dem Lagergelände.

600 Kinder kamen ums Leben

Lous Steenhuis-Hoepelman kam im Alter von drei Jahren ohne Eltern in das Lager. In der Schau zu sehen ist eine Nachbildung ihrer Puppe Mies. Die hässliche Puppe sei das Einzige gewesen, was sie hatte, sagt die Holländerin. Als das Lager befreit wurde, wog der damals achtjährige Ivan Lefkovits noch neun Kilogramm. Beide Überlebende sind zur Ausstellungseröffnung gekommen, um Zeugnis abzulegen – auch stellvertretend für die etwa 600 Kinder, die in Bergen-Belsen ums Leben kamen. Unter den Gästen ist auch ein Überlebender, der in Bergen-Belsen zur Welt kam. Wie die Historiker der Gedenkstätte recherchierten, wurden bis zur Befreiung mindestens 200 Kinder im Lagerkomplex geboren. Schwangere aus anderen KZ wurden in den letzten Kriegsmonaten hierhin abgeschoben. Die meisten Neugeborenen waren wegen der katastrophalen Zustände im Lager krank und schwach und starben innerhalb weniger Tage.

"Kinder im KZ Bergen-Belsen", Gedenkstätte Bergen-Belsen, 29203 Lohheide. Täglich von 10 bis 18 Uhr.

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