Ärzte Zeitung online, 22.05.2019

Prozessstart

Depressionen durch Haarwuchsmittel?

Haarausfall, eine Glatze droht. Arzneipräparate mit Finasterid können helfen – zum Teil nicht ganz nebenwirkungsfrei. Ein Mann verklagt nun deswegen den Hersteller.

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Haarwuchsmittel in der Kritik: Wie sehr fördert ein darin enthaltener Wirkstoff möglicherweise Depressionen und Libidostörungen?

© Sabimm - Fotolia

PADERBORN. Er hat Tabletten gegen Haarausfall geschluckt – und dafür mit seiner Gesundheit bezahlt. So schildert es ein Kläger, der nach Einnahme eines Haarwuchsmedikaments mit dem Wirkstoff Finasterid nun von einem Hersteller 100.000 Euro Schmerzensgeld verlangt. Sein Prozess begann am Mittwoch vor dem Landgericht Paderborn.

In der Verhandlung gab der Mann aus Nordrhein-Westfalen an, er leide seit Jahren unter schweren Nebenwirkungen, quasi einem „Post-Finasterid-Syndrom“. Der Fall sorgt für Aufsehen, denn der Wirkstoff Finasterid gegen Haarausfall wird in Deutschland häufig verschrieben.

Der klagende Diplomkaufmann leidet nach eigenen Angaben nach vier Jahren Pillen-Einnahme unter Depressionen mit Suizidgedanken, sexuellen Einschränkungen wie Erektionsstörungen, Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Der Kläger könne nur begrenzt arbeiten, berichtet Stephan Bensalah von der Roland ProzessFinanz AG, einem Prozessfinanzierer, der den „Musterfall“ unterstützt. Es gebe zudem noch weitere Geschädigte. Eine weitere „Musterklage“ laufe in Berlin, eine dritte sei für Oktober in Stuttgart geplant.

Das beklagte Unternehmen betonte, die vorgebrachten Gesundheitsbeschwerden des Klägers seien nicht vom genannten Arzneimittel verursacht. Berichtete „unerwünschte Ereignisse“ nach Einnahme würden stets erfasst, analysiert und den zuständigen Behörden gemeldet.

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist die Wirksamkeit bei veranlagungsbedingtem Hausaufall belegt. „Das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Finasterid wurde im Rahmen der Zulassung und auch weiterhin im Rahmen der fortlaufenden Überwachung auf europäischer Ebene als positiv bewertet“, erläutert eine BfArM-Sprecherin. Aber: Auch Nebenwirkungen wie Depressionen und sexuelle Funktionsstörungen seien in Studien nachgewiesen – und diese dauerten auch nach einem Stopp der Therapie „Monate bis Jahre“ weiter an. In einzelnen Fallberichten sogar länger als zehn Jahre.

Im Sommer 2018 wurde in einem „Rote-Hand-Brief“ über Risiken informiert: Sexuelle Dysfunktionen und verminderte Libido könnten bei Anwendung finasteridhaltiger Arzneimittel (1 und 5 mg Dosierung) in den Indikationen „androgenetische Alopezie“ und „benigne „Prostatahyperplasie“auftreten, auch Depressionen mit Suizidgedanken.

Am ersten Prozesstag in Paderborn forderten die Richter das beklagte Pharmaunternehmen zunächst auf, dem Kläger ausführlich Auskunft zu geben zu Wirkungen, Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und bekanntgewordenen Verdachtsfällen, wie ein Gerichtssprecher berichtete. (dpa)

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[24.05.2019, 00:23:30]
Dr. Manfred Stapff 
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Informationen über unerwünschte Wirkungen von Arzneimitteln kommen überwiegend von Spontanmeldungen, klinischen Prüfungen oder Literaturberichten und hängen damit stark vom Meldeverhalten der Ärzteschaft und der Industrie ab. Bei Spontanmeldungen fehlen üblicherweise Vergleichsgruppen. Erschwert wird die Situation, wenn es sich um Fälle handelt, die sich schwer objektivieren lassen oder bereits in der (Laien)Presse zirkulieren oder wo die Aussicht auf Schmerzensgeld eine Rolle spielen könnte (Detection- und Reporting Bias).
Wir haben die elektronischen Krankenakten von 72.740 Patienten unter Finasteride mit 443.928 Patienten unter Tamsulosin verglichen. Endpunkt war eine neu aufgetretene Depression oder Suizidalität während einer Beobachtungsdauer von drei Jahren. 4,4 % erlebten mindestens ein Outcome unter Finasteride, verglichen mit 8,1 % unter Tamsulosin (p < 0,0001; RR 0,54 (0,438; 0,666).
Obwohl nur deskriptiv angelegt spricht diese Real World Studie gegen eine Kausalität mit Finasterid.
(Arzneiverordnung in der Praxis Band 45 Heft 4 Oktober 2018 79,
Abstractband zum 5. Deutschen Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie; Berlin, 18.–19. Oktober 2018, S. 79) zum Beitrag »

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