Ärzte Zeitung online, 25.06.2019

Aufarbeitung

Pathologen unter Hitler

Dutzende Pathologen wurden in der Nazi-Zeit entrechtet: Zur Vertreibung und Verfolgung von jenen Medizinern im Nationalsozialismus haben Medizinhistoriker aus Aachen geforscht – und ihre Ergebnisse präsentiert.

Von Pete Smith

Pathologen unter Hitler

Schachfiguren in zwei Farben: Auch Pathologen wurden im Dritten Reich zum Teil ausgegrenzt.

© El Gaucho / stock.adobe.com

FRANKFURT AM MAIN. Es ist der 18. April 1933, gut zweieinhalb Monate nach der Machtergreifung Hitlers. In Wiesbaden tagt der Vorstand der Deutschen Pathologischen Gesellschaft. Schriftführer Georg Benno Gruber, Vorstand des Pathologischen Instituts der Universität Göttingen, hält die dramatisch verlaufende Sitzung fest: „Bei unbeschränkter Betonung des nationalen Empfindens und der Freude über die Selbstbesinnung des deutschen Volkes lässt sich die Sorge über die allerjüngste Stellungnahme der politischen Öffentlichkeit zu Wissenschaftsträgern nicht verhehlen, welche ihrer Rassenherkunft nach aus dem deutschen Geistesleben anscheinend möglichst ausgeschaltet werden sollen.“

Unannehmlichkeit vermeiden

Konkret geht es um die Zukunft von Gotthold Herxheimer, Direktor des pathologisch-anatomischen Instituts am Städtischen Krankenhaus in Wiesbaden und seit 1931 Vorsitzender der Deutschen Pathologischen Gesellschaft. Der 1872 geborene Arzt ist zwar als junger Mann zum protestantischen Glauben konvertiert, doch den neuen Machthabern seiner jüdischen Herkunft wegen ein Dorn im Auge.

Herxheimer persönlich, so notiert Gruber im Sitzungsprotokoll vom 18. April 1933, „habe wohl den Mut, den Vorsitz durchzuführen, er wolle aber jede etwa daraus erwachsende Unannehmlichkeit für die Dtsch. Pathol. Gesellschaft vermieden wissen, wolle jede irgend mögliche Kränkung von Mitgliedern von vorneherein ausschließen und überlege daher die Niederlegung seines Amtes als Vorsitzender“.

Obwohl ihm der Vorstand einstimmig das Vertrauen ausspricht, tritt Herxheimer noch im selben Jahr von seinem Posten zurück. Er stirbt 1936 in Südafrika an einem Herzinfarkt.

Zur Vertreibung, Entrechtung und Verfolgung von Pathologen im Nationalsozialismus gab es bis dato nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse, ebenso zum Umgang der Fachgesellschaft mit den Betroffenen. Diese Forschungslücke hat nun das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universitätsklinik der RWTH Aachen im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP) geschlossen. Die Ergebnisse des Aufarbeitungsprojekts sind auf der 103. Jahrestagung der DGP in Frankfurt/Main vorgestellt worden.

Kaum einer kehrte zurück

Die Medizinhistoriker haben insgesamt 89 entrechtete Pathologen ermittelt, von denen 89 Prozent aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verfolgt wurden. Zwei Drittel von ihnen emigrierten, die meisten in die USA und nach Großbritannien. Von jenen, die in Deutschland ausharrten, starben fünf in Konzentrationslagern und zwei durch Suizid. Kaum einer der ehemals Verfolgten kehrte nach dem Krieg in die alte Heimat zurück.

Als Gründe dafür benennen die Aachener Wissenschaftler unter anderem mangelnde Karriereoptionen in Deutschland, eine fehlende Willkommenskultur und stigmatisierende Erfahrungen Betroffener in den sogenannten Wiedergutmachungsverfahren. Kein Wunder, wurden die Geschicke der DGP doch auch nach dem Krieg größtenteils von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern bestimmt, die die Wiedergutmachungsansprüche emigrierter jüdischer Kollegen konterkarierten.

Von 59 Pathologen, die im Untersuchungszeitraum ein führendes Amt in der DGP (Vorsitzende, Jahrespräsidenten, Beisitzer) innehatten, konnte bei 47 verbindlich geklärt werden, ob sie Parteimitglieder waren oder nicht. 30 von diesen gehörten nachweislich der NSDAP an. Selbst wenn die, von denen keine Unterlagen ermittelt werden konnten, kein Parteibuch besaßen, ergibt sich eine NSDAP-Mitgliederquote von 52 Prozent.

Mit durchschnittlich 45 Prozent verzeichnete die Ärzteschaft unter den Berufsgruppen den mit Abstand höchsten Anteil an Parteimitgliedern (Lehrer: 25 Prozent), die Pathologen waren demnach besonders konform.

Einer von ihnen, der Hamburger Pathologe und DGP-Vorsitzende von 1962, Carl Krauspe, sowohl NSDAP- als auch SA-Mitglied, hat den Recherchen der AachenerMedizinhistoriker nach die Ansprüche der jüdischen Kollegen Paul Kimmelstiel und Friedrich Wohlwill vereitelt. Krauspe war 1964 einer der Gründungsväter der European Society of Pathology (ESP) und wurde nach seinem Tod 1983 zum Ehrenmitglied der ESP ernannt.

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