Ärzte Zeitung online, 30.09.2019

Der Faktencheck

Retten Vegetarier das Klima? Kommt drauf an.

Rund sieben Millionen Deutsche verzichten auf Fleisch. Ihren Lebensstil würdigt der Welt-Vegetariertag am 1. Oktober – und das seit 1977. Wer kein Fleisch isst, lebt umweltbewusster, heißt es. Ein Faktencheck.

Von Marc Fleischmann

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Schwer im Trend: Fleischersatz für Vegetarier und Veganer. Aber klimafreundlicher sind die Fleischalternativen wohl nicht.

© Magdalena Bujak / stock.adobe.com

BERLIN. Der Deutsche isst nach wie vor gerne Fleisch. Bei 60 Kilogramm lag nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung der geschätzte Pro-Kopf-Verzehr im Jahr 2018. Wie verträgt sich der Fleischkonsum mit dem Klima?

Behauptung: Vegetarier ernähren sich klimabewusst.

Bewertung: Stimmt nur teilweise, denn auch manch fleischloses Produkt verursacht hohe Treibhausgas-Emissionen.

Fakten: Die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch verursacht im Schnitt mehr als 15 Kilogramm Treibhausgas-Emissionen, bei Obst oder Gemüse sind es laut Umweltbundesamt (UBA) weniger als ein Kilogramm. Wer weniger Fleisch isst, spart also erst einmal Emissionen. Hinzu kommt, dass der Futtermittelanbau – etwa von Soja in Südamerika – viel Fläche benötigt, für die zum Teil wertvoller Regenwald abgeholzt wird. Die Regenwälder der Erde stabilisieren als gigantische CO2-Speicher unser Klima.

Doch mit weniger Fleisch essen allein ist es nicht getan. Entscheidend sei die Reduzierung tierischer Lebensmittel insgesamt, erklärt Michael Bilharz vom UBA. Denn auch Milchprodukte, insbesondere Butter oder Käse, sorgen wegen der Rinderhaltung für hohe Treibhausgas-Emissionen: Laut Umweltgutachten 2012 des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung sind es bei der Herstellung von einem Kilogramm Butter bei konventioneller Tierhaltung 23,7 Kilogramm Treibhausgasemissionen und bei einem Kilo Käse 8,5 Kilo. Bilharz sagt deshalb: „Nur Fleisch durch Käse oder Sahne zu ersetzen, bringt für das Klima nichts.“

Die Fleischproduktion trägt aber nicht nur durch den Flächenverbrauch zum Klimawandel bei. Wiederkäuer wie Rinder stoßen Methangas aus – ein Treibhausgas, das wesentlich stärker auf das Klima wirkt als CO2.

Behauptung: Wer einmal pro Woche auf Fleisch verzichtet, bewirkt gar nichts.

Bewertung: Zumindest nicht besonders viel.

Fakten: Würde ein Mensch ein Mal auf einen Hamburger mit 100-Gramm-Fleischbulette (2,11 Kilogramm Treibhausgase) verzichten und stattdessen Spaghetti mit Tomatensoße (0,63 Kilogramm) essen, ergäbe sich eine Ersparnis von 1,48 Kilogramm Emissionen, rechnet Tanja Dräger de Teran vom WWF vor.

Würden einmal wöchentlich Spaghetti statt Burger auf den Tisch kommen, würde man im Jahr fast 77 Kilogramm Treibhausgase pro Person einsparen. Zum Vergleich: Der CO2-Fußabdruck pro Kopf und Jahr in Deutschland liegt laut Uba bei 11,6 Tonnen. Experten zufolge müsste der Fleischkonsum insgesamt drastisch sinken, um die angepeilten Klimaziele zu erreichen.

Behauptung: Kinder können auf Fleisch verzichten.

Bewertung: Das stimmt unter bestimmten Bedingungen.

Fakten: Der Nährstoffbedarf von Kindern und Jugendlichen kann durch eine „ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung überwiegend“ gedeckt werden, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Allerdings sei das Risiko einer Mangelernährung aufgrund des höheren Nährstoffbedarfs bei Heranwachsenden größer als bei Erwachsenen. Deshalb müsse man auf eine ausreichende Zufuhr der Nährstoffe besonders achten.

Insgesamt setze eine vegetarische Ernährung im Kindesalter einen hohen Informationsstand der Eltern und Jugendlichen voraus, heißt es. Die DGKJ verweist auf die KiGGS-Studie nach der unter den 14- bis 17-jährigen Teilnehmern der von 2003 bis 2006 erfolgten Basiserhebung zwei Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen angegeben haben, sich vegetarisch zu ernähren.

Wenn Kinder Fleisch essen, sei eine ausgewogene Ernährung einfacher, sagt auch Experte Bilharz vom Umweltbundesamt. „Einfach das Fleisch weglassen und weiter wie bisher essen, geht nicht.“ (dpa)

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