Ärzte Zeitung, 24.06.2010

"Unwürdig, beschämend und empörend"

Viele mit hohen Erwartungen zur FIFA-WM angereiste Teams müssen den Nachhauseweg antreten. Am schlimmsten hat es die Franzosen getroffen - ihr katastrophaler Abgang erschüttert die ganze Nation.

"Unwürdig, beschämend und empörend"

Abgang: Für Frankreich ist die WM vorbei.

© Sportimage/imago

KAPSTADT/ PARIS (dpa/eb). Soviel vorneweg: Das Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft am Mittwochabend gegen Ghana war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe der Ärzte Zeitung noch nicht beendet. Die französische Fußball-Nationalmannschaft wird derweil nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM in Südafrika mit Hohn und Spott überzogen. "Der Alptraum ist endlich vorbei", "Danke und auf Wiedersehen" oder "Und noch einmal Bravo! Die Tragikomödie hat endlich ein Ende", titelten die Blätter in der Heimat am Mittwoch. "Vollkommen unwürdig, beschämend und empörend" sowie "unausstehlich" lauteten andere Kommentare am Folgetag der Niederlage der "Bleus" gegen Südafrika am Dienstag. Niemand ließ auch nur ein gutes Haar am Team von Trainer Raymond Domenech. Staatschef Nicolas Sarkozy soll zudem Stürmerstar Thierry Henry zu einer Aussprache am Donnerstag in den Präsidentenpalast gebeten haben.

"Die französische Mannschaft hat bei der WM in Südafrika die schwärzeste Stunde ihrer Geschichte erlebt. Ein unerträglicher Leidensweg für die Fans, denen nichts erspart geblieben ist", schrieb die Tageszeitung "Le Figaro". Eine apokalyptische Weltmeisterschaft, die in Hoffnungslosigkeit und als Alptraum zu Ende gegangen sei, konstatierte das Hauptstadt-Blatt "Le Parisien". "Danke Jungs, Ihr habt den Franzosen den angehenden Sommer verkorkst", hieß es weiter. "Libération" schrieb: "Die Weltmeisterschaft droht auf lange Sicht das Bild des französischen Fußballs zu beschädigen. (...) Ein großes Desaster."

Es droht ein Spießrutenlauf

Frankreich hatte sich am Dienstagabend mit einer tristen 1:2-Schlappe gegen Südafrika aus dem WM-Turnier verabschiedet. Vorausgegangen war eine beispiellose Serie von Skandalen. Star-Stürmer Nicolas Anelka musste vorzeitig nach Hause fahren, weil er Domenech übelst beleidigt haben soll.

Das Team um Franck Ribéry trat daraufhin aus Solidarität in den Streik und verweigerte das Training. Ein handfester Streit zwischen dem französischen Team-Kapitän Patrice Evra, und Konditionstrainer Robert Duverne sowie der Rücktritt von Delegationschef Jean-Louis Valentin machten das Chaos komplett.

Nach der Heimkehr droht dem Team nun ein Spießrutenlauf - auch wenn der Abschied von Trainer Domenech bereits vor der WM besiegelt war. Sarkozy hat die Aufarbeitung der Chaos-Tage in Südafrika zur Chefsache gemacht, seine Sportministerin Roselyn Bachelot will gnadenlos "aufräumen". "Frankreich ist nicht bereit ihnen zu vergeben", überschrieb der "Parisien" die Titelstory.

Doch auch den sechs afrikanischen Mannschaften geht es nicht besser: Ihre Chancen bei der Fußball-WM sind nach Ansicht des südafrikanischen Soziologen Ari Sitas von Anfang an überschätzt worden. "Auch wenn viele Stars in Europa spielen, prägt vor allem das niedrige Niveau der jeweiligen Nationalligen dieser Länder und der Geldmangel der Fußballverbände die Qualität der Mannschaften", sagte der Professor an der Universität Kapstadt am Dienstagabend in einem Gespräch, das vor dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Mittwochabend gegen Ghana stattfand. Ein Problem sei sicher auch, dass die in Europa spielenden Stars wie Didier Drogba (Chelsea) oder Samuel Eto (Inter Mailand) "Ruhm und Glorie bei ihren Vereinen finden, weniger in der Nationalmannschaft".

"Selbstherrlich wie Clan-Führer"

Manche in Europa spielenden Profis kämen schon als "Big Man", als Sieger in ihre Heimat und verhielten sich zuweilen selbstherrlich "wie Clan-Führer", so der Wissenschaftler, der auch als Schriftsteller erfolgreich ist. "Das ist nicht gut für den Mannschaftsgeist." Insgesamt aber "bleiben die afrikanischen Mannschaften bei der WM unter ihren Möglichkeiten". Eine Rolle spiele wohl auch ein "Unterlegenheitsgefühl afrikanischer Teams, wenn es wirklich drauf ankommt".

Die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent ist nach den Worten Sitas dennoch ein insgesamt positiver Beitrag, "um die Fähigkeiten Afrikas zu demonstrieren". Die gelungene Mega-Veranstaltung sende weltweit positive Signale über Südafrika. Die Weltöffentlichkeit sehe, dass das Land keineswegs von Gewalt und Kriminalität geprägt sei. Das große und fröhliche Fest sei ein wichtiger Beitrag "gegen den allgemeinen Afro-Pessimismus in der Welt" - auch wenn Millionen bitterarmer Menschen in den südafrikanischen Townships alles nur aus der Ferne und am Fernsehschirm verfolgen könnten.

Enttäuschung und Stolz in Südafrika

Die südafrikanische Öffentlichkeit hat mit einer Mischung aus Stolz und Enttäuschung auf das Ausscheiden der Nationalmannschaft reagiert. Präsident Jacob Zuma, der südafrikanische Fußballverband (Safa) und WM-Organisationschef Danny Jordaan forderten ihre Landsleute auf, weiterhin gute und begeisterte Gastgeber der ersten WM in Afrika zu sein. Die Zeitungen des Landes würdigten vor allem den Sieg der "Bafana Bafana": "Was für ein großartiger Abgang", so die Schlagzeile der "Times". "Seid stolz, Jungs" meinte der "Star". Die "Cape Times" schrieb: "Draußen, aber nicht unten".

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