Ärzte Zeitung online, 17.02.2017
 

Lake Superior

Versorgung in Eiseskälte

Nur 220 Menschen leben im Winter auf Madeline Island im US-Staat Wisconsin. Doch wie kann die Gesundheitsversorgung auf einer eingeschneiten Insel aufrecht erhalten werden? Ein Besuch in der Kälte.

Von Jana Kötter

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Weiße Weite: Im Normalfall verbindet der Fährverkehr Bayfield auf dem Festland und die Gemeinde La Pointe auf Madeline Island. (Zur Galerie klicken)

© Jana Kötter

LA POINTE. Konzentriert blickt Sam Carrier in die Ferne. Der 28-Jährige dreht das Steuerrad sanft nach links, prüft den Radar und bugsiert die kleine Fähre gekonnt durchs Eis. Es ist eine entspannte Fahrt an dem kalten Februartag, der Riss in der Eisdecke ist deutlich zu erkennen, das Durchkommen bereitet dem Schiff keine Probleme. Sam ist sichtlich entspannt.

"Gerade letzte Woche war das noch anders", erzählt der junge Kapitän. "Da konnte ich nicht schnell genug das Festland erreichen." Denn Sam hatte einen medizinischen Notfall an Bord: Eine Frau war auf dem Eis gestürzt, hatte sich vermutlich eine Fraktur im Bein zugezogen und klagte über starke Schmerzen in der Hüfte. "Für mich bedeutet das: volle Fahrt voraus", sagt Sam. Im Fall eines Notfalls lege er sofort ab, ohne auf die nächste planmäßige Abfahrt oder weitere Mitfahrer zu warten. "Ein- bis dreimal im Monat kommt das schon vor."

Doch ganz gleich, wie schnell er fährt: Die nächste Klinik ist von der Gemeinde La Pointe knapp eine Stunde entfernt. Denn Sam steuert die "Island Queen", die "Inselkönigin". Die Fähre ist die wichtigste Verbindung zwischen dem Festland im US-Bundesstaat Wisconsin und Madeline Island, der größten der insgesamt 22 Apostel-Inseln im Lake Superior. Sommer und Winter könnten auf dem nur 22 Kilometer langen Eiland nicht unterschiedlicher sein.

In den Sommermonaten strömen bis zu 2500 Menschen auf die Insel, die dann mit saftig grünen Wäldern und langen Sandstränden lockt. Vor allem für Radfahrer ist die Insel mit ihrem Umfang von knapp 46 Kilometer ein beliebtes Ziel – ebenso wie der See, in dem sie liegt: Insgesamt 2000 Kilometer Radnetz erstrecken sich um das Wasser. Bei sportlichen Besuchern außerdem beliebt: Kajaktouren, Wanderungen, Wassersport.

Geselligkeit versus Einsamkeit

Im Sommer ist die Insel bekannt für ihr kulturelles Leben. "Jeden Abend ist irgendwo eine Party", erzählt Max Paap, der die Handelskammer der Insel vertritt. "Alle treffen sich unter freiem Himmel, um zu feiern – egal, welcher Anlass."

Im Winter jedoch wird das Eiland zum Eisland, die Stimmung könnte nicht unterschiedlicher sein. "Man muss die Einsamkeit dann schon lieben", sagt Paap. Er ist einer von nur 220 Menschen, die das gesamte Jahr auf der Insel leben.

Wenn in den kalten Monaten der See zufriert und weite Teile der Insel in "Winterschlaf" gehen, wird auch die Gesundheitsversorgung kompliziert. Im Notfall sind Sam Carrier und seine Kollegen gefragt. Doch das ist nicht immer problemlos möglich: Ist das Eis so zugefroren, dass es für die Fähre kein Durchkommen gibt, so öffnet die sogenannte Eisstraße. Zwischen wenigen Tagen und drei Monaten pro Jahr friert der Lake Superior 45 Zentimeter dick zu, sodass die Anwohner mit Autos und Kleintransportern – und damit auch Rettungswagen – über das Eis fahren können.

Doch was, wenn das Eis zu dick für die Fähre, aber zu dünn für die Eisstraße ist? Für diesen Fall steht – neben einem kleineren Boot mit der Aufschrift "Eisrettung" geparkt – der sogenannte Windschlitten bereit. Das mit Windkraft betriebene Gefährt gleitet leicht über das Eis. Wie auch bei der Fähre gilt: Für Notfälle steht immer ein Ersatzwagen auf jeder Seite des Sees bereit.

Die alltägliche Gesundheitsversorgung auf der Insel findet jedoch in der "La Pointe Community Clinic" statt. In einem unscheinbaren, hellgrauen Gebäude empfängt Allgemeinmedizinern Dr. Margie Frederickson dreimal in der Woche Patienten: in den Wintermonaten von 10 bis 12 Uhr, in den Sommermonaten bis 14 Uhr.

Eine Hausarztpraxis wie jede andere

Die Arbeit auf der Insel unterscheidet sich dabei nicht grundlegend von jener in jeder anderen Hausarztpraxis: Fredericksons Patienten aus allen Altersgruppen kommen wegen kleineren Verletzungen, Impfungen, Infekten oder Bluttests, berichtet die Medizinerin, die ihre Facharztprüfung 1986 abgelegt hat.

Sind umfangreichere Laboruntersuchungen oder Röntgenbilder nötig, so besteht eine Kooperation mit der "Red Cliff Clinic": Ab dem Anlegen im Städtchen Bayfield auf dem Festland ist die Praxis in acht Minuten zu erreichen; die nächste vollausgestattete Klinik liegt in Ashland, 30 Minuten Autofahrt ab Anlegen der Fähre.

"Die Gesundheitsversorgung ist vielleicht nicht immer einfach", sagt Pastorin Marina Lachecki. Sie lebt das gesamte Jahr über auf der Insel und liebt die Abgeschiedenheit und Ruhe der eisigen Wintermonate. Lachecki ist sich sicher: "Angst haben braucht keiner, wenn es zu einer guten Gesundheitsversorgung kommt." Sehr gut ausgebildete Ersthelfer und Rettungssanitäter seien stets auf der Insel, erklärt sie ergänzend zum Praxissitz von Frederickson. "Unsere Hausärztin ist in kleineren Notfällen auch immer über die Sprechstunden hinaus zu erreichen."

Tatsächlich, betonen viele der Einwohner, sei der Zusammenhalt auf der Insel ein ganz besonderer – ganz gleich, ob es um einen Notfall-Transport oder die Erstversorgung einer Schnittwunde geht. "Wir helfen einander", so Lachecki.

Besonders für die zwölf Kinder auf der Insel ist das eine wichtige Erfahrung. Auch hier zeigt sich übrigens, dass das Inselleben Improvisation verlangt: Kindergarten und Grundschule sind unter einem Dach vereint. Ab der fünften Klasse geht es aufs Festland. Doch es kommt auch Nachwuchs für den örtlichen Kindergarten nach: Drei Babys wurden seit November mit Hilfe der Insel-Hebamme geboren, Tilda ist die jüngste von ihnen.

Pädiater-Termine gut planen

Tildas Eltern sind noch frisch auf der Insel, sie haben sich bewusst für das Leben in Ruhe entschieden und mit dem "Farm House" ein kleines Restaurant eröffnet, das auf regionale Zutaten setzt. "Jetzt mit der Kleinen muss das Leben auf der Insel tatsächlich gut organisiert werden", gibt Vater Gilpin Matthews zu. "Wenn man einmal aufs Festland fährt, muss etwa auch gleich der Windelvorrat eingekauft oder der Apothekenbesuch erledigt werden." Ein Problem ist das aber nicht – mit der richtigen Organisation: "Termine beim Pädiater etwa müssen einfach gut geplant und dann zum Beispiel mit dem wöchentlichen Einkauf verbunden werden."

Wegen des Nachwuchses wieder in die Stadt ziehen, das will die junge Familie auf keinen Fall. Dafür liebt sie das Inselleben mittlerweile zu sehr – ganz gleich, ob im lebendigen Sommer oder dem kargen Eismeer der Wintermonate.

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