Ärzte Zeitung online, 07.07.2017
 

TV-Medizincoach

Zungenbrecher und Suggestion

Medizinische Fachbegriffe, Blutabnehmen und die richtige Diagnose stellen – die realistische Wirkung auf die Zuschauer ist die Aufgabe von Dr. Pablo Hagemeyer, Medizincoach aus Oberbayern.

Von Michaela Illian

Ärzte Zeitung: Seit dem 12. Juni wird in Tirol die neue Staffel des "Bergdoktor" gedreht. Hauptfigur ist Dr. Martin Gruber, gespielt von Hans Sigl. Welche Aufgabe übernehmen Sie mit Ihrer Firma The Dox bei der Serie?

Zungenbrecher und Suggestion

Dr. Pablo Hagemeyer berät Filmemacher bei Medizinthemen. © privat

Dr. Pablo Hagemeyer: Meine Aufgabe beginnt lange vor dem Dreh: Ich suche medizinische Ideen. Manchmal hat der Drehbuchautor auch schon einen Fall, dann ergänze ich den mit medizinischem Inhalt. Ich suche nach Komplikationen, nach möglichen Operationen, nach Wendepunkten, die der Autor verwerten kann, um die Handlung drum herum zu gestalten. Vor der Produktion bekomme ich dann nochmal das Drehbuch geschickt und ändere Textstellen, falls sie nicht stimmig sind.

Wer kümmert sich um die Ausstattung der Fernsehpraxis und die medizinischen Geräte?

Als die Produktion im Jahr 2007 losging, haben wir alle Geräte und Spezialrequisiten für die Serie bereitgestellt. Bei den Dreharbeiten ist noch Krankenschwester Franziska Rambousek aus Kufstein dabei, die sich um alles kümmert und auch kurzfristig fehlende Ausrüstung organisieren kann. Sie ist die medizinische Assistenz vor Ort.

Sind Sie auch am Set?

Ich bin pro Monat vielleicht ein- oder zweimal vor Ort. Wenn ein medizinischer Dialog geändert wird, dann ruft mich Hans Sigl auch schon mal an, um zu klären, ob der Inhalt dann noch stimmt und plausibel ist. Bei komplizierteren Abläufen – wenn etwa Rettungsmaßnahmen gedreht werden, berate ich das Team am Drehort. Und bei Operationen bin ich außerdem der Chirurg hinter dem Mundschutz!

Was ist für die Schauspieler am schwersten – medizinische Handlungen oder die Aussprache der Fachtermini?

Die Aussprache der Fachausdrücke fällt manchen nicht so leicht. So sind zum Beispiel die Dialoge von Dr. Kahnweiler, gespielt von Mark Keller, immer mit sehr vielen Details gespickt, denn er deckt als Klinikarzt der Serie den fachlich-technischen Teil ab. Hierfür ernte ich immer "besonderen" Dank von Mark Keller, wenn er mit Zungenbrechern jonglieren muss. Das nehmen wir beide dann mit Humor. Dr. Gruber hat mehr auf der menschlichen Ebene mit den Figuren zu tun, deshalb braucht er weniger Fachbegriffe.

Beraten Sie die Darsteller auch, wie man mit den Patienten umgeht?

Ich war schon zu Beginn der Produktion dabei, als zum Beispiel die Rolle des Dr. Gruber definiert wurde: Wie ist er als Mensch? Wie ist er als Arzt? Wie verhält er sich glaubwürdig? Als Arzt soll er versiert sein, empathisch, aber dennoch professionell distanziert. Das habe ich mit Hans Sigl besprochen. Er hatte aber schon Erfahrung aus der Klinik mitgebracht aus seiner Zeit als Zivi. So viel Rollenprofil musste man ihm nicht geben, er hatte das schon sehr gut drauf.

Überprüfen Sie die Szenen nach dem Schnitt noch einmal?

Nein, ob alles stimmt, sehen wir schon am Set. Damit in einer Anschlussszene kein Pflaster klebt, das eigentlich noch nicht dort kleben dürfte, wird so etwas im Drehbuch vermerkt. Auch an welchem Arm etwa Blut abgenommen wurde oder ob ein Patient schon intubiert ist oder nicht.

Gibt es denn Zuschauer, die hinterher sagen: "Oh, so eine Heilung gibt es doch gar nicht!"?

Ja, ein paar. Über das ZDF bekomme ich dann die kritischen oder erbosten E-Mails. Manche sind richtig leidenschaftlich! Ich beantworte diese Mails und begründe die medizinischen Ausnahmen der Episodenfälle mit der Seltenheit der Krankheit und erkläre, dass Spontanheilungen bei schweren Erkrankungen sehr unwahrscheinlich, aber schon möglich sind. Oder, dass Dinge verkürzt dargestellt werden, weil die Dramaturgie sonst nicht funktioniert.

Wird die Realität manchmal der Dramaturgie geopfert?

Das kommt eigentlich dauernd vor. Die Medizin dient ja nur dazu, um zu suggerieren, dass es um Krankheit und Tod geht. Wenn Sie ganz kritisch gucken, können Sie dauernd etwas Unstimmiges finden. Das geht ja schon damit los, dass der Doktor drei Tage Zeit hat, sich um einen Patienten zu kümmern! Aber die Filmstory ist eben so konstruiert, dass es plausibel wirkt. Damit wir das als Zuschauer glauben. Auch weil wir es glauben möchten.

Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, die Firma The Dox zu gründen?

Während des Studiums habe ich die amerikanischen Arztserien im Fernsehen gesehen. Dagegen wirkten die deutschen Serien in den 90er Jahren holzig, wenig elegant und sehr undifferenziert in den medizinischen Fällen. Das wollte ich besser machen! Ich habe mir gedacht, vieles kommt aus den USA zu uns herüber, da wird es in zehn Jahren ganz sicher Beratungsbedarf geben. Ich habe dann mein Fähnlein in den Wind gehalten und tatsächlich Aufträge bekommen, mein erster war die letzte Folge der Schwarzwaldklinik!

Arbeiten Sie denn auch noch in Ihrer Praxis?

Ja, ich arbeite hauptberuflich als Psychiater in einer Klinik und habe eine psychotherapeutische Praxis. Außerdem biete ich Fortbildungen in meinem Fachgebiet an, aber auch Seminare in Zusammenarbeit mit der Filmwerkstatt München. Ich bewege mich an der Schnittstelle zwischen Medizin und Unterhaltung.

Dr. Pablo Hagemeyer

» Jahrgang 1970

» Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

» Gründete 1994 die Firma "The Dox medical consulting", Drehbuchberatung zum Beispiel für Tatort (Köln, Dortmund, Münster), Bergdoktor, Eifelpraxis

» Fachbuchautor "Fantasiereisen"

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