Ärzte Zeitung, 11.11.2009

Wo die Versorgung lückenhaft ist, brauchen HIV-Therapeuten die Hilfe von Hausärzten

Wo die Versorgung lückenhaft ist, brauchen HIV-Therapeuten die Hilfe von Hausärzten

Das Vertrauen in die Therapie führt zur Sorglosigkeit im Umgang mit HIV - daran erinnert der HIV-Therapeut Professor Jürgen Rockstroh aus Bonn aus Anlass der heute beginnenden 12. Europäischen Aids-Konferenz in Köln. Rockstroh ist Präsident des Kongresses.

Ärzte Zeitung: Wie hat sich die Situation von HIV-Infizierten gewandelt?

Professor Jürgen Rockstroh: Die Patienten sind heute durch die zur Verfügung stehenden medikamentösen Behandlungsoptionen gut und auf Dauer erfolgreich zu behandeln. Wenn sich heute jemand zum Beispiel mit 35 Jahren neu infiziert, kann mit den heute verfügbaren Therapien eine Lebenserwartung von weiteren 40 Jahren in Aussicht gestellt werden - das ist in etwa vergleichbar zur Normalbevölkerung.

Ärzte Zeitung: Ist also Entwarnung angesagt?

Wo die Versorgung lückenhaft ist, brauchen HIV-Therapeuten die Hilfe von Hausärzten

Kongresspräsident Prof. Jürgen Rockstroh aus Bonn.

Foto: privat

Rockstroh: Das ist genau eines der Probleme, mit denen wir heute zu kämpfen haben, dass dieses Vertrauen in die Therapie zur Sorglosigkeit im Umgang mit HIV führt. Doch die lebenslange medikamentöse Therapie bleibt schwierig - denken Sie an die Blutdruckbehandlung, wo die Hälfte der Patienten nach sechs Monaten die Therapie abbricht. Auch bei HIV-Patienten haben wir Schwierigkeiten, eine dauerhafte lebenslange Therapietreue zu erreichen. Mangelnde Therapieadhärenz begünstigt aber Medikamentenresistenzen mit nachfolgend nur noch eingeschränkten Therapiemöglichkeiten.

Weitere ungelöste Fragen betreffen Langzeitnebenwirkungen. Viele Präparate sind ja erst zwei oder drei Jahre zugelassen - wissen wir, ob sie über 40 Jahre eingenommen werden können? Vermehrte Fettstoffwechselstörungen und kardiovaskuläre Nebenwirkungen sowie zunehmende Berichte über Minderungen der Knochendichte wecken Zweifel an der Langzeitverträglichkeit.

Ärzte Zeitung: Was bedeutet dies für Hausärzte?

Rockstroh: Hausärzte gewinnen zunehmend an Bedeutung - nicht nur in der Erkennung von Menschen, die möglicherweise eine HIV-Infektion haben, sondern auch in der Betreuung der HIV-Infizierten. Die Zahl der HIV-Patienten nimmt zu. Dagegen sind HIV-Schwerpunktpraxen nicht flächendeckend und überall in ausreichender Zahl vorhanden. Gerade in Regionen, in denen keine lückenlose HIV-Versorgung vorhanden ist, sind wir auf die Mithilfe der Hausärzte angewiesen.

Wir brauchen die Hausärzte auch zur Unterstützung bei Impfungen, bei allgemeinen Erkrankungen sowie in der Betreuung der wachsenden Zahl an älter werdenden Patienten - und vermutlich auch zur Unterstützung bei Fragestellungen wie Blutdruck- und Zuckereinstellung. Hier ist die enge Absprache zwischen dem HIV-Schwerpunktbehandler und dem hausärztlich tätigen Kollegen besonders wichtig - besonders auch unter dem Aspekt der vielen möglichen Arzneimittelinteraktionen, die zum Teil mit schwersten Nebenwirkungen verbunden sein können.

Ärzte Zeitung: Wo liegen die Versorgungsdefizite?

Rockstroh: Versorgungsdefizite betreffen in erster Linie die fachärztliche Versorgung. Wir ringen derzeit mit vielen Problemen - einerseits das erhöhte kardiovaskuläre Risiko, das eine stärkere Anbindung an Kardiologen erforderlich macht. Andererseits beobachten wir vermehrt Osteoporose und auch Osteonekrosen - hier brauchen wir entsprechend die Kooperation mit Orthopäden sowie Unfallchirurgen. Wenn HIV-Patienten im Krankenhaus operiert werden, dann ist das erfahrungsgemäß immer wieder mit vielen Fragen verbunden. Besonders in der interdisziplinären Zusammenarbeit mit Fachärzten müssen wir uns also ganz neu aufstellen. Insgesamt brauchen wir eine bessere Interaktion zwischen HIV-Schwerpunktbehandlern und anderen in der ärztlichen Versorgung involvierten Kollegen, um das Risiko von Arzneinebenwirkungen und -interaktionen gering zu halten, die Einhaltung von Vorsorgeuntersuchungen zu gewährleisten, letztendlich auch, um sich besser abzustimmen in der Versorgung der immer älter werdenden Patienten, die heute über viele Jahre mit ihrer HIV-Infektion leben werden.

Ärzte Zeitung: Ein weiteres wichtiges Kongressthema wird die Impfstoffentwicklung sein - diese hat ja durch die Veröffentlichung der Thailand-Studie an Aktualität gewonnen…

Rockstroh: In dieser zweiarmigen Studie erhielt die eine Hälfte der Probanden die Kombination zweier verschiedener Vakzinen in insgesamt sechs Impfungen, die andere Hälfte erhielt Placebo. Der Unterschied war letztlich nicht sehr groß, mit 74 Infektionen in der Placebogruppe und 51 in der Verumgruppe - somit lag die Effektivität der Impfung bei 31,2 Prozent. Nach anfänglicher Euphorie folgte somit eine gewisse Ernüchterung, denn der Effekt der Impfung war damit sehr bescheiden.

Trotzdem ist es die allererste Studie, die überhaupt ein positives Signal setzt und uns damit etwas von der Hoffnung wiedergibt, ein Puzzlestück weiter gekommen zu sein. Vielleicht lässt sich mit mehr Impfschritten und der Kombination verschiedener Antigene mehr erzielen - dieser Weg muss einfach konsequent weiter gegangen werden. Vermutlich werden wir die nächsten 10 Jahre keinen vollständig schützenden Impfstoff erleben. Dennoch werden wir in der HIV-Pathogenese und in der Vakzine-Entwicklung Schritte weiterkommen - und irgendwann werden wir auch einen Impfstoff haben.

Das Gespräch führte Adela Žatecky

Professor Jürgen Rockstroh

Habilitation: 1998 Habilitation zu Besonderheiten im Verlauf der HIV-Infektion bei Hämophilen

Tätigkeiten: Oberarzt an der Medizinischen Klinik und Poliklinik I der Universitätskliniken Bonn.

Vorsitzender der Deutschen AIDS-Gesellschaft

Forschungsschwerpunkte HIV/Hepatitis-Koinfektion 

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