Ärzte Zeitung, 08.10.2010

Im Netzwerk für die Gesundheit

In Leipzig diskutierten Experten, was ganzheitliche Prävention ist. Alle waren sich einig: Sie ist ausbaufähig.

Von Thomas Trappe

Im Netzwerk für die Gesundheit

Die Spermienqualität deutscher Männer sinkt.

© Manfred P. Kage

LEIPZIG. Es ist eine große Aufgabe, die sich die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt, die AOK PLUS und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung da stellten. In Leipzig trafen Vertreter der drei Organisationen zum ersten Mal zusammen, um über Möglichkeiten einer zukunftsfähigen Gesundheitsförderung zu diskutieren. Unter dem Titel "Gesundheit, Umwelt, Wissenschaft vernetzen - Verantwortung für eine gesunde Zukunft" sollte geklärt werden, wie das umgesetzt werden kann.

Dr. Christiane Markard vom Umweltbundesamt stimmte die Teilnehmer mit alarmierenden Statistiken auf die Notwendigkeit ein, das Thema zu behandeln. In mehreren Studien sei festgestellt worden, dass die Spermiendichte bei Männern in Deutschland stetig und massiv abnimmt - Ursache seien Umweltbelastungen.

Auch die Anzahl der Hodenkrebserkrankungen nehme zu, besonders bei jungen Menschen. 2006 waren ein Drittel mehr Männer zwischen 35 und 39 Jahren betroffen als noch 1990. "Umweltschutz ist Gesundheitsschutz", so Christiane Markard. Die Belastungen in allen Lebensbereichen zu senken, sei es im Haushalt, im Büro oder im Verkehr, müsse deshalb Priorität haben.

Professor Rolf Rosenbrock vom Wissenschaftszentrum Berlin erklärte, in Deutschland müsse sich etwas tun, um einem akuten Pflegenotstand vorzubeugen. Besonders im Blick hat Rosenbrock dabei sozial benachteiligte Menschen, denen traditionell auch weniger gesundheitliche Vorsorge zukomme.

Es sei "zentrale Herausforderung für die Gesundheitspolitik", die Gesundheitsprävention generell, bei sozial Schwachen allerdings besonders, zu verstärken. Dazu gehörten zum Beispiel Anti-Tabak-Kampagnen an Schulen, betriebliche Gesundheitsförderung und eine verstärkte Aufklärung bei Ärzten über Gesundheitsrisiken.

Dr. Karoline Schubert ist im Leipziger Rathaus für die Gesundheitsförderung in den Schulen der Stadt zuständig. Die Soziologin beklagte, dass in vielen Kommunen eine "Projektitis" grassiere, bei der punktuell Programme gegen Gesundheitsrisiken gestartet werden, die dann versanden. Sie forderte ein Umdenken: Gesundheitsförderung müsste eine Selbstverständlichkeit werden. Dann würden auch Kinder, die von den Programmen erfasst werden, nicht wie bisher "stigmatisiert".

Am Arbeitsplatz lohnen sich Investitionen in die Gesundheitsprävention schon allein deshalb, so die Experten, weil das auch die Produktivität der Betriebe steigert. Menschen, die unter gesunden Bedingungen arbeiten, "haben nachweislich ein stabileres Selbstwertgefühl, weniger Depressionen und eine höhere Lebenszufriedenheit", erklärte der Dresdner Psychologieprofessor Peter Richter.

Seine Leipziger Fachkollegin Gesine Grande konnte diesen Befund auch auf Kommunen übertragen. So sei bekannt, dass "physikalische Merkmale des Stadtteils wie Grünflächen, Lärm oder das Angebot an gesunden Nahrungsmitteln langfristig Wohlbefinden und die Entstehung körperlicher Erkrankungen beeinflussen" - zum Beispiel Übergewicht und Tabakkonsum.

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