Ihre Meinung ist gefragt: Machen Sie bei unserer Online-Umfrage mit!

Ärzte Zeitung, 27.06.2011

Akutversorgung gut, Reha-Angebot schlecht

Bei der ambulanten und stationären Reha nach Schlaganfall gibt es nach Auffassung von Experten gravierende Defizite. Kann England ein Vorbild für Deutschland sein?

Von Ilse Schlingensiepen

Akutversorgung gut, Reha-Angebot schlecht

Einsatz im Rettungswagen: Die Akutversorgung nach einem Schlaganfall funktioniert in der Regel gut - aber wie sieht es mit der Reha aus?

© Pilick / dpa

BIELEFELD. In Deutschland gibt es bei der Versorgung von Patienten mit einem Schlaganfall ein deutliches Qualitätsgefälle zwischen der Akutversorgung und der Rehabilitation. Davon geht Stephan von Bandemer aus, Projektleiter am Institut für Arbeit und Technik an der Fachhochschule Gelsenkirchen.

"Bei den Stroke Units und der Frührehabilitation haben wir uns so etwas wie einen Ferrari gebaut, doch dann fahren wir mit der Holzkutsche weiter", sagte von Bandemer auf dem "Rehaforum Schlaganfall Ostwestfalen-Lippe" in Bielefeld. "Wir sind bei der ambulanten und stationären Reha nicht wirklich gut aufgestellt."

Exprten sollen zusammengeführt werden

Das Rehaforum, bei dem die "Ärzte Zeitung" Medienpartner ist, ist Teil der gemeinsamen Initiative "Mobil nach Schlaganfall" der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe und des Medizintechnik-Unternehmens Otto Bock HealthCare.

Ziel des Forums ist es, Experten aus den verschiedenen Bereichen der Versorgung von Menschen mit Schlaganfall zusammenzuführen, damit sie ein qualitätsgesichertes Versorgungsmodell für die regionale Rehabilitation und Nachsorge der Patienten entwickeln. Dem Auftakt in Bielefeld sollen Veranstaltungen in zwei weiteren Regionen folgen.

Die größte Anzahl der Reha-Patienten sind zwischen 70 und 75 Jahre alt

Die Untersuchung der Versorgungssituation in Ostwestfalen-Lippe macht eine Diskrepanz zwischen den Rehaerfordernissen und der Ist-Situation deutlich. Von den 10 000 im Jahr 2008 in der Region behandelten Patienten mit Schlaganfall hatte rund die Hälfte Reha-Bedarf, weil sie unter erheblichen Beeinträchtigungen litten. Tatsächlich lag die Rehaquote aber nur bei rund einem Drittel.

Auch die Altersverteilung zeigt nach Angaben des Ökonomen Defizite. So ist die Altersgruppe der 80- bis 85-Jährigen beim Krankheitsbild Schlaganfall die stärkste. Den größten Teil der Reha-Patienten stellen aber 70- bis 75-Jährige. "Das ist ein Hinweis darauf, dass hochaltrige Patienten häufig nicht in den Reha-Genuss kommen", sagte er.

Gerade weil es in vielen Fällen um geriatrische Patienten geht, müssten in der Reha andere Akzente als bisher gesetzt werden, sagte Professor Heinrich Audebert, Ärztlicher Leiter der Klinik für Neurologie der Berliner Charité.

England als Vorbild

Im Bereich der Versorgung von Schlaganfall-Patienten könne Deutschland von England lernen, sagte er. Alle Kliniken des National Health System seien mit Stroke Units ausgestattet.

Sie seien meistens in den geriatrischen Abteilungen angesiedelt und schon auf die Rehabilitation ausgerichtet. "Die Patienten bleiben dort solange, bis die Versorgung zuhause organisiert ist", berichtete Audebert. Das könnten zwei, aber auch 100 Tage sein.

Nur in extremen Ausnahmen kämen die Patienten in eine Spezial-Rehaklinik. In der Regel würden die Erkrankten möglichst früh auf die Versorgung im häuslichen Umfeld vorbereitet. Dort seien sie auf jeden Fall selbstständiger als in der Klinik.

"Zuhause ist der Patient automatisch zu mehr Aktivität gezwungen und besser in das soziale Netzwerk eingebunden." Mit Blick auf die Rehabilitation werden die Kranken gemeinsam von ambulanten und stationären Experten untersucht. Sind sie zuhause, kommen in England in vielen Fällen Reha-Teams zu ihnen.

"Wir müssen zu den Patienten nach Hause gehen"

"Wir müssen in Deutschland eine große Hemmschwelle überwinden und zu den Patienten nach Hause gehen", sagte der Arzt. Angesichts der schwierigen Verhältnisse, in denen manche leben, sei das sicher nicht immer einfach.

Das ändere aber nichts an der Notwendigkeit, in der häuslichen Umgebung gemeinsam mit den Patienten und Angehörigen nach Lösungen zu suchen. Grundsätzlich sei beim Schlaganfall eine bessere Integration der Versorgungsebenen notwendig, sagte Audebert.

Dr. Andreas Kannenberg, Director of Medical Affairs bei Otto Bock HealthCare, hält eine bessere Koordination der beteiligten Berufsgruppen auch bei der Auswahl der geeigneten Hilfsmittel für sinnvoll. "Wir sollten Hilfsmittel-Konsile durchführen mit dem Arzt, dem Physiotherapeuten und dem Orthopädietechniker", sagte er.

Sinnvoll wäre auch die Betreuung der Betroffenen durch Schlaganfall-Begleiter oder -Lotsen, sagte Franca Piepenbrock von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Der Lotse begleite den Patienten durch den gesamten Versorgungsprozess.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Parodontitis als Risikofaktor für Krebs?

Ist eine Zahnbettentzündung ein Risikofaktor für bestimmte Krebsarten? Innerhalb einer großen Gruppe Frauen in der Menopause haben Forscher deutliche Zusammenhänge gefunden. mehr »

Kinder suchtkranker Eltern brauchen mehr Beachtung

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, fordert eine bessere Versorgung und Betreuung der Kinder von Suchtkranken. Kinder von Suchtkranken sind diesmal Schwerpunkt des Drogenberichts. mehr »

Hilfe für die Seele gefordert

Eine Krebsdiagnose ist ein Schock. Die Psychoonkologie soll helfen. Aber die Unterstützung ist wenig bekannt und unterfinanziert. mehr »