Ärzte Zeitung, 20.03.2012

TV-Kritik

Intrige, Rücktritt, Depression: Politik kann krank machen

Intrige, Rücktritt, Depression: Politik kann krank machen

Der BSE-Skandal kostete sie den Posten: Im Januar 2001 erklärt die Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer ihren Rücktritt - danach litt sie an Depressionen.

© dpa/lbn

Von Rebecca Beerheide

"Die Verletzungen aus den eigenen Reihen sind die Schmerzhaftesten." Politik kann grausam sein - und die Verhältnisse hinter verschlossenen Türen sind oft noch unmenschlicher, als man es erahnt hat.

Wie es unter "Parteifreunden" zugeht, zeigte TV-Autor Stephan Lamby in der Dokumentation "Schlachtfeld Politik - Die finstere Seite der Macht" zu später Stunde am Montagabend in der ARD sehr eindrücklich, gar erschreckend.

Glamour auf den Neujahrsempfängen und Feierlichkeiten ist die eine Seite, das Geschäft der Intrige im Hinterzimmer die andere Seite der Politik.

Autor Lamby hat prominente Opfer von Parteiintrigen vor die Kamera geholt - Erwin Huber (CSU), Andrea Fischer (Grüne), Kurt Beck (SPD), Wolfgang Kubicki (FDP) und die Linken-Politikerin Katina Schubert, die sich als stellvertretende Parteivorsitzende mit Christa Müller, der damaligen Ehefrau von Oskar Lafontaine, anlegte.

Schubert erlitt danach einen Schlaganfall. Noch heute, im Interview für die Dokumentation, sieht man Schubert an, dass sie das Geschehene nicht verarbeitet hat - sie kann sich nicht mehr an die genauen Abläufe erinnern, wirkt fahrig und unkonzentriert.

Depressionen bei Fischer

Ähnlich sind die Interview-Szenen mit Andrea Fischer, Gesundheitsministerin im ersten Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Politik habe etwas "potenziell Krankmachendes", erklärt die Grünen-Politikerin im Rückblick. Vor ihrem Rücktritt sei alles sehr schnell gegangen, sie sehe es heute als Fehler an, in kritischen Situationen die Truppen in den eigenen Reihen nicht hinter sich versammelt zu haben.

Autor Lamby zeigt Bilder aus der Pressekonferenz am 9. Januar 2001 - auf die Frage einer Journalistin, wie sie sich mit dem Rücktritt fühle, antwortete Fischer knapp: "Das tut hier nichts zur Sache."

Die Verbitterung über den Rücktritt, der ihr nach ihren Äußerungen im ARD-Film von der damaligen Parteiführung nahegelegt wurde, kann Fischer auch heute nicht kaschieren.

Anders als FDP-Mann Kubicki, der mit Vorwürfen aus den eigenen Reihen und seinem Rücktritt in den 1990er Jahren abgeschlossen hat, ist Fischer das Gespräch über ihren Rauswurf nach zwei Jahren als Gesundheitsministerin sichtlich unangenehm.

Sie sei krank geworden, habe an einer Depression gelitten, deren Therapie ein Jahr dauerte. "Eine brillante Karriere habe ich nach dem Amt nicht mehr hingelegt", sagt Fischer.

Einige Opfer werden auch zu Tätern

Mit Intrigen aus den eigenen Reihen sind der FDP-Politiker Kubicki und der CSU-Mann Huber ganz anders umgegangen - sie wirken mit sich und ihren eigenen Taten im Reinen.

Denn - und das zeigt die Dokumentation sehr genau - einige der Partei-Intrigen-Opfer werden auch zu Tätern. So bekennt Kubicki ganz offen: "Bei denen von damals habe ich mich im Laufe der Zeit bedankt."

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[26.03.2012, 10:38:42]
Dr. Birgit Bauer 
Wie wäre es mit einer Legislaturzeitenbegrenzung ?
Ich denke auch Deutschland würde, wie in vielen anderen Ländern üblich ,eine Legislaturzeitenbegrenzung gut zu Gesicht stehen.
1. Durch häufigere personelle Wechsel würde mehr Fachkompetenz in die Parlamente kommen.
2. Wer weiss, dass er nach 8 bzw. 12 Jahren wieder in einen Beruf zurückkehren muss verliert nicht so schnell die "Bodenhaftung" .
3. Würde es zu einer anderen Art des Umgangs in den Parteigremien führen, denn es müsste gezielt nach einem Nachfolger gesucht und dieser unterstützt werden.
4.Es wäre auch ein gewisser Schutz gegen die vielfältigen intriganten Verletzungen die im politischen Alltag leider üblich sind.
Ich weiss wovon ich spreche, ich war selbst 10 Jahre hauptamtlich in der Politik tätig.
M.f.G. B.Bauer. (Sts.a.D.) zum Beitrag »
[21.03.2012, 09:59:57]
Dr. Jürgen Schmidt 
Überlegt einsteigen oder beim Aussteigen zahlen.
Der Schritt in die Politik - auch in die Berufspolitik - geht über eine Schwelle, die man besser erst dann überschreiten sollte, wenn die Existenz oder die komplikationslose Rückkehr in den Hauptberuf abgesichert ist.

Wer einem Ruf in der Gewissheit von Begabung und Urteilsvermögen gefolgt ist, wird sich aus der Politik auch wieder lösen können, wenn der Erfolg ausbleibt, oder die Konstellationen einen Abschied nahe legen. In der Praxis gelingt dies jedoch nur wenigen und misslingt immer dann, wenn die Politik zum einzigen und erwerbsmäßigen Beruf gewählt worden ist.

Zu den psychischen Folgen gilt: Der Jahrmarkt der politischen Eitelkeiten hat eine Kehrseite, das Jammertal der narzistischen Kränkungen. zum Beitrag »

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