Ärzte Zeitung online, 24.02.2016
 

Armutsbericht

Armut erhöht Herzinfarkt-Risiko

15,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland galten 2014 als einkommensarm. Sozialexperten verweisen auf die gravierenden gesundheitlichen Folgen von Armut. Doch die Medizin allein kann das Problem nicht lösen.

Ein Leitartikel von Susanne Werner

Arm macht krank

Hämmern und Werken in einer Berliner Kita: Kreatives Arbeiten zählt mit zu den Gesundheitsressourcen.

© Kay Nietfeld/dpa

BERLIN. "Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden", sagt Dr. Ulrich Schneider. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes hat am Dienstag in Berlin den aktuellen Armutsbericht vorgestellt.

12,5 Millionen Menschen, etwa 15,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, galten 2014 demnach als einkommensarm.

Damit ist die Armutsquote im Vergleich zum Vorjahr um 0,1 Prozent gesunken. Zu den großen Risikogruppen gehören unter anderem Erwerbslose mit 58 Prozent, Alleinerziehende mit 42 Prozent sowie kinderreiche Familien mit 25 Prozent.

Ulrich Schneider geht es beim Blick auf die Armut um weit mehr, als um das, was wir täglich in der U-Bahn, an Straßenecken, unter Brücken und vor dem Supermarkt besichtigen können.

"Armut ist für uns bereits dann gegeben, wenn Menschen so wenig verdienen, dass sie nicht mehr teilhaben können an den ganz normalen Lebensweisen dieser Gesellschaft", betont er.

Armut ist oft verdeckt

Wer in Europa über weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens verfügt, gilt nicht nur als arm, sondern ist gesundheitlich sehr viel stärker gefährdet als wohlhabendere Bürger. Die durch Armut begünstigten oder gar ausgelösten Krankheiten sind auch längst Themen von Gesundheitsexperten.

Das zeigte sich im jüngst veröffentlichten Herzbericht der Deutschen Herzstiftung. Demnach wohnen in Bundesländern mit hohen Arbeitslosigkeitsraten und niedrigen Bildungsgraden auch deutlich mehr Menschen mit kardialen Erkrankungen.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben Arme ein zwei-, bis dreifach erhöhtes Risiko an einem Herzinfarkt, an einem Diabetes oder einer chronischen Bronchitis zu erkranken.

Auch leiden sie häufiger an psychischen Beschwerden und haben eine niedrigere Lebenserwartung - bei Frauen sind es acht Jahre, bei Männern elf Lebensjahre weniger. Jungen und Mädchen, die in prekären Lebensverhältnissen aufwachsen, leiden vermehrt unter Entwicklungsverzögerungen sowie an ernährungsbedingten Krankheiten.

Rezept gegen Geldnot und Chancenlosigkeit?

Die Folgen von verdeckter Armut sind also in der Gesundheitsversorgung zu beobachten. Ob diese jedoch etwas bieten kann, was gegen Geldnot und Chancenlosigkeit hilft und darüber für mehr Gesundheit sorgt, ist überaus fraglich.

Vieles spricht dafür, dass die Medizin in Deutschland Defizite etwa in der Bildungs- und Familienpolitik oder in der Arbeitswelt ausgleichen muss. Eine teure symptomatische Therapie.

"Die effektivste Ressource gegen Kinderarmut ist, in die Bildung der Kinder und Mutter zu investieren", erklärt Dr. Thomas Lampert vom RKI. Das deutsche Gesundheitswesen könnte durchaus "unterschichtssensibler" werden, mahnt der Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock. Und warnt zugleich:"Allein mit der medizinischen Versorgung können die sozialen Ungleichheiten nicht behoben werden".

Andreas Kaczynski, Vorsitzender des paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Brandenburg, nennt Kinderarmut "eine folgenschwere strukturelle Kindeswohlgefährdung".

Sein Verband hatte jüngst eine Exkursion der Landesarmutskonferenz durch Brandenburg organisiert. Das Bundesland gehört zu jenen neun Bundesländern, in denen die Armutsquote laut den aktuellen Zahlen gesunken ist. 2013 lag sie bei 17,7 Prozent, 2014 bei 16,9 Prozent.

Vernetzung über Systemgrenzen hinweg

Mit unterschiedlichen Initiativen hat Brandenburg in den vergangenen Jahren darauf gesetzt, die Akteure aus dem Gesundheitswesen und den Wohlfahrtsverbänden effektiver zu vernetzen. Ziel war es dabei, die Betroffenen besser zu erreichen und frühzeitiger zu einer aktiven Lebensgestaltung zu motivieren.

So stellte sich bei der Exkursion beispielsweise das landesweite Netzwerk gesunde Kinder vor, das seit zehn Jahren mit ehrenamtlichen Paten die Brücken zwischen den Familien und den Hilfesystemen schlägt.

Auf Ehrenamtliche setzt auch die Caritas in Fürstenwalde, um zugewanderte Kindern und Jugendliche zu integrieren. Und zum Konzept der Kita "Spatzenhaus" in Frankfurt/ Oder gehört es, die Mädchen und Jungen schon früh für Kunst und Kultur zu begeistern.

"Die Kinder lernen dabei andere Sichtweisen kennen und erleben, wie sich der Alltag kreativ gestalten lässt", sagt Kita-Leiterin Karin Muchajer. In zwei brandenburgischen Landkreisen sollen in diesem Jahr die gesundheitlichen und sozialen Hilfen über Präventionsketten besser verknüpft werden, um belastete Familien in allen Entwicklungsphasen ihrer Kinder begleiten zu können.

Vielleicht kann Brandenburg als Vorbild gelten. Schließlich empfehlen Gesundheitsexperten immer wieder, für mehr Vernetzung der Akteure über die jeweiligen Systemgrenzen hinweg zu sorgen. In diesem Sinne: Querdenken erwünscht.

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